Mit Zugehörigkeit gegen Un­gerechtigkeit an amerikanischen Highschools

- Adriana Fuhs, Mara Halsband & Helen Schulz –

Sich zugehörig zu fühlen kann den Teufelskreis aus möglichen Vorurteilen von Lehr­enden und Verwarnungen gegenüber afro-amerikanischen Jungs in der Schule unter­brechen.

Stellen wir uns einen Flur in einer amerikanischen Schule vor, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen. Im Getümmel stößt ein afro-amerikanischer Schüler aus Versehen einen Mitschüler an. Dieser fällt hin. Ein Lehrer beobachtet die Situation und entscheidet, dass das Verhalten Absicht war. Der afro-amerikanische Schüler wird verwarnt. Was macht es mit ihm, wenn der Lehr­ende un­gerechtfertigt eine Strafe verhängt? Wie beeinflusst dies seine Wahrnehmung, das Verhältnis zu den Lehr­kräften und womöglich sogar seine Zukunft?

Stereotype, also Über­zeugungen über die Merkmale einer sozialen Gruppe, sind ein zentrales Thema unserer Zeit. Sie führen dazu, dass zweideutige Situationen durch negative Erwartungen verzerrt gedeutet werden. Studien zeigen, dass afro-amerikanische Jungs dadurch mehr von Disziplinarmaßnahmen in der Schule, wie Strafarbeiten oder Verwarnungen, betroffen sind als andere. Das wiederum kann dafür sorgen, dass sie sich an der Schule nicht zugehörig fühlen und fördert somit eventuell aggressives Verhalten, was für die Lehr­kraft der Grund für eine weitere Verwarnung sein kann. Ein Teufelskreis entsteht, welcher auch langfristige Folgen, wie einen Schulabbruch oder Arbeits­losigkeit mit sich bringen kann. Um den Teufelskreis zu unter­brechen, hat bisherige Forschung vor allem an den Vorurteilen der Lehr­kräfte angesetzt.

Das Forschungs­team um Parker Goyer nimmt an, dass der Teufelskreis auch mit einer Stärkung des Zugehörigkeits­gefühls der Schüler durchbrochen werden kann. Um dies zu prüfen unter­suchten die Forschenden Jungs der 6. Klassenstufe an einer amerikanischen Highschool. Den afro-amerikanischen Schülern wurde das Zugehörigkeits­gefühl während einer Unter­richtseinheit gestärkt. Hierzu bekamen die Schüler am Anfang der 6. Klasse Texte von älteren Schülern unter­schiedlicher Hintergründe und Hautfarben, die von ihren Erfahrungen in der Schule berichteten. Die Texte vermittelten die Botschaft, dass Schwierigkeiten mit Lehr­enden und Mitschüler*innen weitestgehend normal seien und mit der Zeit abnehmen würden. Damit war es den Sechstklässlern möglich, Schwierigkeiten als eine normale Erfahrung aller Schüler*innen zu sehen, die mit der Zeit vorbei gehen und die nichts mit ihrer Zugehörigkeit zu tun haben. Dann wurden die Schüler von den Forschenden über 6 Schuljahre begleitet.

Die Ergebnisse zeigen, dass afro-amerikanische Jungs, die an der Zugehörigkeits­intervention teilnahmen, in den darauffolgenden Schuljahren weniger verwarnt wurden. Wie erwartet machten sich diese Schüler weniger Sorgen bezüglich ihrer eigenen Zugehörigkeit in der Schule, was einen Hinweis auf die Relevanz des Zugehörigkeits­gefühls für diese Entwicklung liefert.

Was bedeutet dies nun für unser anfängliches Szenario im Schulkorridor? Die Intervention hat scheinbar einen Einfluss auf den Teufelskreis und kann ihn durchbrechen. Die genauen Wirkmechanismen sollten weiter unter­sucht werden. So könnte man vermuten, dass gegenseitiges Vertrauen, vielleicht insbesondere unter den Schüler*innen gestärkt wird.

Das Zugehörigkeits­gefühl zu stärken kann also ein effektives Mittel im Kampf gegen soziale Ungleichheit darstellen. Außer Frage steht, dass für einen fairen Umgang in der Schule dies allein nicht ausreicht. Die Befunde sind ein Anfang, an dem eine positive Botschaft steht: Denn es liegt in unserer aller Kraft, das Zugehörigkeits­gefühl unserer Mitmenschen zu stärken.

 

Goyer, J. P., Cohen, L. C., Master, A., Cook, J. E., Apfel, N., Lee, W., Henderson, A. G., Reeves, S. L., Okonofua, J. A. & Walton, G. M. (2019). Targeted identity-safety interventions cause lasting reductions in discipline citations among negatively stereotyped boys. Journal of Personality and Social Psychology: Attitudes and Social Cognition, 117(2), 229–259.http://dx.doi.org/10.1037/pspa0000152

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Thomas Dyllick¹Janin Rössel

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