Mobiltelefone lenken ab, auch wenn sie nur auf dem Tisch liegen

- Meliha Muratagic –

Ein Mobiltelefon auf dem Tisch kann bei kognitiv anspruchsvollen Aufgaben die Leistung verringern, auch wenn man es nicht aktiv benutzt.

Die Nutzung eines Mobiltelefons bringt einige Vorteile mit sich. Beispielsweise erleichtern es Mobiltelefone, mit Leuten in Kontakt zu bleiben und tägliche Termine zu koordinieren. Anrufe und Textnachrichten sorgen jedoch auch für Ablenkung und können dadurch zum Beispiel während des Autofahrens die Sicherheit gefährden oder bei der Arbeit die Produktivität verringern. Ein amerikanisches Forschungs­team um Bill Thornton nahm nun an, dass ein Mobiltelefon bereits ablenkt, wenn man es nur sieht, aber nicht aktiv benutzt. Dies erklären die Forschenden damit, dass der Anblick eines Mobiltelefons das eigene soziale Netzwerk ins Bewusstsein ruft und dadurch ablenkende Gedanken entstehen („Ich muss noch auf eine Nachricht antworten und darf auf keinen Fall vergessen, später noch meine Mutter anzurufen“). 

Um seine Annahme zu testen, unter­suchte das Forschungs­team, wie sich ein Mobiltelefon auf dem Tisch auf die Leistung bei Aufgaben, die Aufmerksamkeit und kognitive Kapazität erfordern, auswirkt. Dazu bat es Studierende zweier Kurse einer US-amerikanischen Universität eine Reihe von Aufgaben zur Testung kognitiver Fähigkeiten, wie zum Beispiel das Markieren bestimmter Zahlen in Zahlenreihen, unter Zeitdruck zu bearbeiten. Die Aufgaben unter­schieden sich in ihrer Schwierigkeit; einige der Aufgaben erforderten weniger und andere erforderten mehr Aufmerksamkeit und kognitive Kapazität. In einem der beiden Kurse wurde den Studierenden zudem gesagt, dass es in einem späteren Fragebogen um Mobiltelefone gehen würde, weshalb sie gebeten wurden, ihre Mobiltelefone vor sich auf dem Tisch bereit zu legen. 

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Studierende, die ein Mobiltelefon auf dem Tisch liegen hatten, bei schwierigen Aufgaben, die viel Aufmerksamkeit und kognitive Kapazität erforderten, schlechter abschnitten als Studierende, die ihr Mobiltelefon nicht in Sichtweite hatten. Bei leichten Aufgaben, die wenig Aufmerksamkeit und kognitive Kapazität erforderten, gab es hingegen keine Leistungs­unter­schiede zwischen den Studierenden beider Kurse.

Das weit verbreitete Bestreben immer und überall per Mobiltelefon erreichbar zu sein geht also nicht immer mit positiven Konsequenzen einher. Bei kognitiv anspruchsvollen Aufgaben kann ein Mobiltelefon auf dem Tisch die Leistung verringern, auch wenn man es nicht aktiv benutzt. Gemäß dem bekannten Sprichwort „aus den Augen, aus dem Sinn“ sollten wir also das Mobiltelefon vielleicht öfter mal außer Sichtweite lassen und stattdessen unseren Aufgaben oder den Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. 

Thornton, B., Faires, A., Robbins, M., & Rollins, E. (2014). The mere presence of a cell phone may be distracting: Implications for attention and task performance. Social Psychology, 45(6), 479. 

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Jennifer Eck*, Svenja Seeger

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