Moral als Statussymbol zu nutzen, birgt Konfliktpotenzial

- Jennifer Eck & Sylvia Deny -

Je häufiger eine Person politische und moralische Überzeugungen öffentlich äußert, um von anderen positiv angesehen zu werden, desto häufiger hat sie Konflikte mit anderen.

Öffentliche Diskussionen auf sozialen Medien entwickeln sich oftmals von einem reinen Meinungs­austausch über ein bestimmtes Thema hin zu persönlichen Auseinandersetzungen unter den Teilnehmenden. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum das so ist? Eine Forschungs­gruppe um Joshua Grubbs hat sich mit dieser Frage beschäftigt und in diesem Zusammenhang das Phänomen des „moralischen Aufspielens“ untersucht. Das Phänomen beschreibt die öffentliche Äußerung von politischen und moralischen Überzeugungen mit dem Ziel, von anderen positiv angesehen zu werden. Positives Ansehen kann einerseits dadurch erreicht werden, dass man von anderen respektiert und bewundert wird, beispielsweise weil die eigenen politischen und moralischen Überzeugungen auf eine beeindruckende Art und Weise geäußert werden. Andererseits kann positives Ansehen durch dominantes Verhalten erreicht werden, beispielsweise indem die eigene politische oder moralische Meinung als richtig und die der anderen als falsch dargestellt wird. Die Forschenden nahmen an, dass beide Strategien des moralischen Aufspielens mit mehr Konflikten einhergehen sollten, schließlich wollen meistens mehrere Personen in einer öffentlichen Diskussion positives Ansehen erlangen.  

Zur Über­prüfung dieser Annahme führten die Forschenden insgesamt sechs Studien mit mehr als 8800 Teilnehmenden durch. Die Studien­teilnehmenden gaben unter anderem an, inwieweit sie moralisches Aufspielen nutzen und wie häufig sie in den letzten zwölf Monaten aufgrund ihrer politischen oder moralischen Überzeugungen Konflikte mit anderen hatten. Wie von den Forschenden angenommen, ging die Nutzung beider Strategien des moralischen Aufspielens mit mehr Konflikten einher. Die Strategie, mit moralischen Äußerungen Respekt und Bewunderung zu erlangen, wurde allerdings häufiger berichtet als die Strategie, mit moralischen Äußerungen Dominanz zu demonstrieren.

Die Ergebnisse legen nahe, dass moralisches Aufspielen eine Rolle dabei spielen könnte, warum es in öffentlichen Diskussionen auf sozialen Medien oftmals persönliche Auseinandersetzungen unter den Teilnehmenden gibt. Die Ergebnisse legen außerdem eine mögliche Erklärung nahe, warum sich gerade in öffentlichen Diskussionen auf sozialen Medien häufig eine starke Polarisation der Meinungen abzeichnet. Es geht einigen Teilnehmenden vermutlich weniger um eine sachliche Diskussion als um positives Ansehen unter ähnlich denkenden Teilnehmenden. Dies könnte zum Teil auch erklären, warum sich in sozialen Medien immer mehr Diskussionsgruppen bilden, die nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Um auf sozialen Medien sachliche Diskussionen zu fördern und Konflikte zu reduzieren, könnte es demnach hilfreich sein, das Bezugnehmen auf andere Beiträge zu unterbinden. Dann könnte man weder für seine Beiträge direkten Zuspruch erhalten noch die Beiträge anderer abwerten, um positives Ansehen zu erlangen.

 

Grubbs, J., Warmke, B., Tosi, J., & James, A. S. (2019). Moral grandstanding in public discourse: Status-seeking motives as a potential explanatory mechanism in predicting conflict. PLoS ONE 14(10): e0223749. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0223749

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Jennifer Eck¹, Selma Rudert

© Forschung erleben 2020, alle Rechte vorbehalten

 

Zurück