„Reinwaschen“ von den (genüsslichen) Sünden des Alltags

- Carolin Fischer & Franziska Ehrke –

Ungezügeltes Ess­verhalten gilt vor allem für Frauen als moralisch verwerflich und steht in enger Verbindung mit einem anschließenden Wunsch nach körperlicher Reinheit.

Viele Verhaltensweisen im Alltag unter­liegen moralischen Vorstellungen – auch das Ess­verhalten. Croissants zum Frühstück, Pizza zum Mittag, Schokolade zwischendurch und zum Abendbrot das schlechte Gewissen. Aber was tun gegen das Bewusstsein, eigene moralische Vorstellungen verletzt zu haben?

Aus der Forschung von Chen-Bo Zhon und Katie Liljenquist weiß man bereits: Unser moralisches Selbstbild ist eng verbunden mit dem Bedürfnis nach körperlicher Reinheit. So sehnten sich Menschen nach sauberkeits­bezogenen Artikeln wie Seife, wenn sie eigenes unmoralisches Handeln erinnerten. Mit anderen Worten: Gedanken an die eigenen Sünden weckten den Wunsch, sich von diesen „reinzuwaschen“.

In England ging ein Forschungs­team um Sana Sheikh der Frage nach, ob dies auch für „sündiges“ Ess­verhalten gilt. In den Medien wird Schlankheit und kalorienbewusstes Ess­verhalten als wünschenswert dargestellt. Dadurch könnte ungezügeltes Essen als sündig empfunden werden und Gefühle wie Schuld und Scham auslösen. Deshalb erhöhe ungezügeltes Essen das Bedürfnis nach körperlicher Reinheit, so die Forscherinnen. 

Um diese Annahmen zu testen, sollten Männer und Frauen Wortfragmente (z.B. s_ _p) vervollständigen, aus denen entweder neutrale Wörter wie „stop“ oder sauberkeits­bezogene Wörter wie „soap“ (englisch für Seife) gebildet werden konnten. Zuvor wurde die Hälfte der Befragten gebeten, eine Situation zu erinnern, in der sie zu viel gegessen hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen (aber nicht Männer) wesentlich mehr sauberkeits­bezogene Wörter bildeten, wenn sie zuvor an die Situation des Über­essens gedacht hatten. Folglich erhöhten Erinnerungen an ungezügeltes Essen bei Frauen die Präsenz sauberkeits­bezogener Gedanken.

Eine weitere Studie mit ausschließlich Frauen zeigte, dass die Teilnehmerinnen, die früheres Über­essen erinnerten, mehr Schuld, Scham, Ärger und Ekel empfanden und diese negativen Gefühle das Bedürfnis nach körperlicher Reinheit verursachten. Außerdem sollten die Frauen am Ende der Studie aus einer Reihe von Produkten eines auswählen. Die Ergebnisse zeigten: Erinnerungen an ungezügeltes Essen erhöhten die Wahl sauberkeits­bezogener Produkte wie etwa eines Erfrischungs­tuches.

Diese Studien demonstrieren, wie gesellschaft­liche Ideale die Gefühlswelt und somit Verhalten beeinflussen. Unklar bleibt, ob die Ergebnisse darauf zurückzuführen sind, dass Essen und Hygiene generell eng miteinander verbunden sind. Doch warum waren in der ersten Studie nur Frauen betroffen? Verspüren Männer keinen Wunsch nach Säuberung, wenn sie sündigen? Man sollte dabei die unter­schiedlichen Schönheitsideale der Geschlechter bedenken. An Männer wird das Ideal eines muskulösen, durchtrainierten (statt eines schlanken) Körpers herangetragen. Damit scheinen vor allem Frauen anfällig dafür, ungezügeltes Essen als sündig zu empfinden. Verhaltensweisen, die für beide Geschlechter gleichermaßen als unmoralisch gelten und nicht bereits mit Hygiene verknüpft sind, sollten ebenfalls unter­sucht werden, um diese noch offenen Fragen zu klären. Offen bleibt außerdem: Beeinflusst auch die Art des Essens (z.B. Fast Food) das Bedürfnis, sich von den genüsslichen Sünden des Alltags reinzuwaschen?

Sheikh, S., Botindari, L. & White, E. (2013). Embodied metaphors and emotions in the moralization of restrained eating practices. Journal of Experimental Social Psychology, 43, 509–513. 

Zhong, C., & Liljenquist, K. (2006). Washing away your sins: Threatened morality and physical cleansing. Science, 313, 1451–1452.

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