„Und was hältst du vom Wetter heute?“ – Smalltalk vs. Deeptalk

- Carolin Geckeler –

Entgegen unserer Erwartung fühlen wir uns nach tiefgründigen Gesprächen mit fremden Personen glücklicher und verbundener, als nach oberflächlichen Gesprächen.

Im Leben gibt es zahlreiche Situationen, in denen wir auf fremde Menschen treffen. Sei es im Sportkurs, auf einer Geburtstagsfeier oder im Job. Wenn es zu einer Unter­haltung mit fremden Personen kommt, beschränkt sich diese häufig auf oberflächliche Gespräche, den sogenannten Smalltalk. Fragen wie „Was machst du beruflich?“ oder ganz klassisch „Was hältst du vom Wetter heute?“ sind hierbei üblich. Doch warum reden wir meist über oberflächliche und recht belanglose Themen? Interessiert es uns wirklich, wie die andere Person das Wetter findet? Tatsächlich wünschen sich die meisten Menschen tiefergehende und bedeutungs­volle Beziehungen zu ihren Mitmenschen. Zugleich sind viele gehemmt, tiefgründige Gespräche, den sogenannten Deeptalk, mit fremden Menschen zu führen, wodurch eine solche tiefergehende Beziehung entstehen könnte.

Die Forschungs­gruppe um Michael Kardas aus den USA vermutete, dass Menschen grundsätzlich unter­schätzen, wie sehr sich ihr Gegenüber für die persönlichen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen anderer interessiert. Daher überschätzen sie, wie unangenehm solche tiefgehenden Gespräche sind und meiden diese. Um diese Über­legungen zu überprüfen, führten die Forschenden mehrere Studien durch. In einer Studie legten sie den Teilnehmenden oberflächliche und tiefgründige Fragen vor. Eine oberflächliche Frage war zum Beispiel „Wie lief dein Tag bisher?“ und eine tiefgründige Frage war beispielsweise „Wofür im Leben bist du am dankbarsten?“. Die Teilnehmenden sollten jeweils mit einer fremden Person die oberflächlichen und mit einer anderen Person die tiefgründigen Fragen besprechen. Vor dem Gespräch gaben die Teilnehmenden ihre Erwartungen an und hinterher ihre tatsächlichen Erfahrungen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmenden stärker überschätzten, wie unangenehm sie die tiefgründigen Gespräche empfanden, im Vergleich zu den oberflächlichen Gesprächen. Außerdem unter­schätzten die Teilnehmenden, wie sehr sich die andere Person für ihre persönlichen Gedanken interessierte. Ebenfalls unter­schätzten sie, wie verbunden sie sich mit der anderen Person fühlten und wie glücklich sie nach dem Gespräch waren. In weiteren Studien konnte zudem gezeigt werden, dass Gespräche mit nahestehenden Personen akkurater einschätzt werden. Außerdem betrieben die Teilnehmenden mehr Deeptalk, wenn sie davon ausgingen, dass ihr Gegenüber an ihnen interessiert war. Ebenso wählten die Teilnehmenden mehr tiefgründige Fragen für ein Gespräch aus, wenn sie im Vorfeld die Information erhielten, dass das Interesse des Gegenübers an anderen häufig unter­schätzt wird.

Die Vermutung der Forschungs­gruppe, dass Menschen dazu neigen, die negativen Aus­wirkungen tiefgründiger Gespräche zu überschätzen und die positiven Aus­wirkungen zu unter­schätzen, wurde durch die Unter­suchungen gestützt. Da bedeutungs­volle Beziehungen wichtig für unser Wohlbefinden sind und tiefgehende Gespräche solche Beziehungen schaffen können, kann es sich lohnen, über den eigenen Schatten zu springen und tiefergehende Gespräche anzustoßen. Wenn Sie also das nächste Mal in einer Situation nach üblicher Smalltalk-Manier über das Wetter reden würden, fragen Sie doch stattdessen, wofür Ihr Gegenüber im Leben dankbar ist.

 

Kardas, M., Kumar, A., & Epley, N. (2022). Overly shallow?: Miscalibrated expectations create a barrier to deeper conversation. Journal of Personality and Social Psychology, 122(3), 367–398. https://doi.org/10.1037/pspa0000281

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Michael Barthelmäs¹, Mona Salwender

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