Von glücklichen und unglücklichen SteuerzahlerInnen

- Stefan Jooß -

In Staaten, in denen Steuern eher an das Einkommen angepasst sind, sind Menschen im Schnitt zufriedener als in Staaten mit einem eher einheitlichen Steuersatz.

Die monatliche Gehaltsabrechnung ist bei vielen Personen nicht gerade mit Glücksgefühlen verbunden. Oft ist hierfür nicht das eigentliche Bruttogehalt verantwortlich, sondern die als zu hoch empfundenen steuerlichen Abzüge. Wenn man seinen persönlichen Steuersatz als un­gerecht empfindet, kann das auch allgemein auf das  Wohlbefinden schlagen. Inwiefern die Art der Besteuerung aber tatsächlich mit unserem Wohlbefinden zusammenhängt, hat kürzlich eine Forschungs­gruppe um Shigehiro Oishi untersucht. Die Forschenden gingen davon aus, dass eine stärkere Besteuerung von Reichen als von Armen gerechter ist. Sie interessierten sich deshalb insbesondere für progressive Steuersätze -also einem Ansteigen der Steuerrate bei höherem Einkommen oder Vermögen (im Gegensatz zu einer eher einheitlichen Besteuerung)- und ob diese mit einer erhöhten Zufriedenheit der Bevölkerung einhergehen.

Zur Beantwortung dieser Frage untersuchte die Forschungs­gruppe repräsentative Umfragedaten von knapp 60.000 Befragten aus 54 Ländern sowie länder­übergreifende Statistiken. Um das Ausmaß der Steuerprogression schätzen zu können, wurden verschiedene Indikatoren berechnet, die auf der Differenz zwischen minimal und maximal möglicher Steuerrate eines Landes beruhen.

Die Befunde zeigen tatsächlich, dass die Bevölkerung in Staaten mit stärkerer Steuerprogression ihr Leben positiver beurteilte als jene in Staaten mit einheitlicheren Steuersätzen. Die Höhe des Steuersatzes für durchschnittliche Einkommen in den untersuchten Ländern zeigte hingegen keinen Zusammenhang mit der Lebens­zufriedenheit der jeweiligen Bevölkerung. Dies bekräftigt die Vermutung, dass es auf die Art der Besteuerung ankommt und nicht die Höhe entscheidend ist. Der Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der geschätzten Steuerprogression und der Lebens­zufriedenheit im Land blieb auch dann bestehen, wenn die Stärke nationaler Einkommens­unterschiede und der nationale Wohlstand der Länder mit berücksichtigt wurden. 

Interessanterweise zeigte sich in weiteren Analysen, dass der Zusammenhang zwischen progressiver Besteuerung und Wohlbefinden teilweise über die Zufriedenheit mit der Qualität öffentlicher Güter erklärt werden kann. Menschen in Ländern mit einer differenzierteren (im Gegensatz zu einer einheitlicheren) Besteuerung sind also im Schnitt beispielsweise mit ihrem Bildungs­system oder Gesundheitswesen zufriedener, was wiederum positiv mit der eigenen Lebens­zufriedenheit zusammenhängt. Laut der vorliegenden Daten hängt die Zufriedenheit der Bevölkerung jedoch nicht von der Höhe der investierten Gelder ab. Es wäre somit denkbar, dass Länder mit einem progressiven Steuersystem die Steuern besser investieren. Dies sollte in zukünftigen Studien näher untersucht werden. Laut den Daten muss es aber noch weitere Faktoren geben, die den Zusammenhang zwischen progressiver Besteuerung und Lebens­zufriedenheit vermitteln. Das Empfinden von Gerechtigkeit des Steuersystems wäre an dieser Stelle ein interessanter Kandidat.

Oishi und Kollegen schlussfolgern, dass eine faire Besteuerung durch progressive Steuersätze tatsächlich zu größerem Wohlbefinden in der Bevölkerung führt. Ein gerechtes Steuersystem kann somit langfristig die erste Verstimmung nach der monatlichen Gehaltsabrechnung mehr als ausgleichen.

Oishi, S., Schimmack, U., & Diener, E. (2012). Progressive taxation and the subjective well-being of nations. Psychological Science, 23(1), 86–92. 

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