Wann nehmen wir Anschläge als religiösen Terror wahr?

- Lars Aelmanns & Marc Penndorf –

Ob Menschen ein Verbrechen als religiös motiviert beurteilen, hängt unter anderem von ihrer eigenen politischen Einstellung ab.

Zwei Aufsehen erregende Anschläge der vergangenen Jahre waren der Terroranschlag auf einen Weihnachts­markt im Dezember 2016 am Berliner Breitscheidplatz und der Anschlag in Hanau 2020. Solche Anschläge lösen Entsetzen aus, aber wie sie eingestuft werden, variiert. Einzeltäter*in oder religiös und extremistisch motivierter Terror? Welche Rolle spielen gesundheitliche Faktoren bei der Tat? Ohne vorliegende Unter­suchungs­ergebnisse scheinen die erste Einschätzung und die Kommunikation in Medien teils sehr unter­schiedlich auszufallen. Woher kommt es nun, dass die Bewertung so verschieden sein kann?

Über­zeugungen oder Weltbilder können über das Phänomen des motivierten Denkens dazu führen, dass es zu einer verzerrten Wahrnehmung von Ereignissen und Personen kommt. Demnach interpretieren wir Dinge so, wie sie zu unserem Weltbild passen. Ein Forschungs­team um Samia Habib interessierte sich in diesem Zusammenhang für die Wirkung politischer Einstellungen. Dabei unter­suchten sie, ob die Wahrnehmung eines Gewaltverbrechens von der eigenen politischen Einstellung abhängt und inwiefern die Religion der Täter*innen dabei eine Rolle spielt. Oder in Bezug auf die Beispiele vom Beginn: macht es einen Unter­schied wie wir diese Gewaltverbrechen einordnen, je nachdem ob wir eine konservative oder liberale politische Einstellung haben?

Unter­sucht wurde die Forschungs­frage in zwei Studien in den USA, in denen die Teilnehmenden jeweils in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Beiden Gruppen wurde eine Schießerei an einer Universität geschildert, bei der dreizehn Studierende verletzt wurden. In einem Fall war der Täter aber muslimischen und in dem anderen Fall christlichen Glaubens. Ansonsten war die Beschreibung des Täters dieselbe. Als nächstes wurden die Teilnehmenden gebeten, verschiedene Merkmale des Verbrechens und des Täters zu beschreiben und einen kurzen Nachrichtenbeitrag über den Vorfall zu verfassen. Dieser Bericht wurde dann von dem Forschungs­team auf Schlüsselwörter in Bezug zu Religion und geistiger Gesundheit hin unter­sucht.

In der ersten Studie mit studentischen Teilnehmenden zeigte sich, dass jene mit einer stärkeren liberalen politischen Einstellung den religiösen Hintergrund des Täters eher als Tatmotiv vermuteten, wenn es sich um einen Christen anstatt um einen Muslim handelte. Dieses Muster zeigte sich tendenziell auch in den Berichten.

Um eine breitere Stichprobe als die primär links orientierten Studierenden zu unter­suchen, wurde die folgende Unter­suchung als groß angelegte Online-Studie mit über 1000 Teilnehmenden erhoben. Hier zeigten sich Unter­schiede vorrangig bei politisch konservativer eingestellten Menschen. Diese vermuteten eher den religiösen Hintergrund des Täters als Tatgrund, wenn es sich um einen Muslim statt um einen Christen handelte, was sich auch in den Berichten niederschlug. Für stärker liberal eingestellte Menschen zeigten sich in dieser zweiten Studie jedoch kaum bedeutsame Effekte.

Die Ergebnisse zeigen, dass politische Einstellungen die Interpretation von Verbrechen sowie deren Kommunikation beeinflussen können. Menschen sollten auf vorschnelle Schlüsse verzichten und sich um eine unvoreingenommene Betrachtung der Fakten bemühen.

 

Habib, S., Adelman, L., Leidner, B., Pasha, S., & Sibii, R. (2020). Perpetrator religion and perceiver’s political ideology affect processing and communication of media reports of violence. Social Psychology, 51(1), 63–75. https://doi.org/10.1027/1864-9335/a000385

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Janin Rössel¹, Selma Rudert

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