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Warum ein abgeschnittenes Ohr die Wertschätzung eines Kunstwerks steigern kann

- Nadine Knab & Simona Maltese –

Die wahrgenommene Exzentrik eines/r Künstlers/in beeinflusst, wie talentiert diese Person und wie hochwertig ihre Kunst bewertet wird.

82 Millionen Dollar! So viel ist das „Porträt des Dr. Gachet“ von Vincent van Gogh wert. Aber wie entsteht solch ein horrender Preis für ein Kunstwerk? Fließt in die Bewertung von Kunst tatsächlich nur die Kreativität des Erzeugnisses ein oder spielen auch andere Faktoren wie das Auftreten des/r Künstlers/in eine Rolle? 

Diesen Fragen gingen Wijnand van Tilburg und Eric Igou nach. Sie nahmen an, dass die Bewertung eines Kunstwerkes nicht nur vom Können des/r Künstlers/in beeinflusst wird, sondern auch vom Verhalten dieser Person. So sollte exzentrisches, also von der gesellschaft­lichen Norm abweichendes und gleichzeitig seltsames Handeln, wie etwa das Abschneiden des eigenen Ohrs bei Vincent van Gogh, den Markt­wert von Kunst erhöhen.

Die Forschenden stützten ihre Annahmen auf Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen künstlerische Kreativität oftmals mit normabweichendem Verhalten in Verbindung bringen. Exzentrische Personen weichen darüber hinaus per definitionem von der Norm ab (lateinisch ex centro: außerhalb der Mitte). Somit sollten Exzentriker/innen stereotypisch, also generalisiert und ohne Beachtung individueller Unterschiede, im Vergleich zu anderen Personen als kreativer wahrgenommen werden. Das exzentrische Auftreten sollte demnach aufgrund der erwarteten Verbindung zu Kreativität die Bewertung der künstlerischen Fähigkeiten und der Qualität der Werke erhöhen. 

Diese Annahme wurde in mehreren Studien überprüft. In einer ersten Untersuchung sollten die Teilnehmenden ein Bild van Goghs beurteilen. Personen in der Bedingung 'exzentrisch' erhielten die Information, dass sich der Künstler ein Ohrläppchen abgeschnitten habe, während in der Kontrollbedingung diese Information fehlte. Tatsächlich bewerteten Personen in der exzentrischen Bedingung das Bild positiver als Personen in der Kontrollbedingung. In folgenden Studien ließ sich dieser Effekt mit einem fiktiven Künstler replizieren. Auch hier bewerteten die Teilnehmenden die Kunstwerke eines exzentrisch dargestellten Künstlers positiver und waren bereit, mehr Geld für seine Werke auszugeben, als wenn diese Information nicht gegeben war. 

Die Forschenden konnten auch zwei Randbedingungen für diesen Effekt ausmachen. Zum einen beeinflusst die Exzentrik nur dann die Bewertung des/r Künstlers/in, wenn sie als authentische Persönlichkeits­eigenschaft vs. reine Marketing­strategie wahrgenommen wird – denn nur dann gilt sie als Anzeichen für Kreativität und Können. Zum anderen ließ sich der Effekt nur bei unkonventioneller Kunst finden, nicht aber bei konventioneller. Dies lässt sich nach Tilburg und Igou darauf zurückführen, dass die Inkonsistenz zwischen Künstler/in (exzentrisch und damit unkonventionell) und Kunst (konventionell) den Erwartungen von Menschen widerspricht. Folglich entscheiden sie weniger auf Basis ihres Stereotyps und schließen somit auch weniger von dem exzentrischen Verhalten auf die Qualität der Kunstwerke. 

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass unsere Beurteilung von Kunst nicht nur davon abhängt, was wir sehen, sondern auch, wie wir den/die Künstler/in hinter dem Kunstwerk wahrnehmen. Dementsprechend ist es also denkbar, dass der Wert von Vincent van Goghs Gemälde auch aufgrund seiner wahrgenommenen (authentischen) Exzentrik solche schwindelerregenden Höhen erreicht.

Van Tilburg, W. A. P., & Igou, E. R., (2014). From Van Gogh to Lady Gaga: Artist eccentricity increases perceived artistic skills. European Journal of Social Psychology, 44, 93–103. doi: 10.1002/jesp.1999

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