Wie ich denke, so wähle ich

- Linda Beck -

Unser Denkstil kann einen Einfluss auf unsere Einstellungen zu sozialpolitischen Themen haben.

Mit großer Spannung wird auch hierzulande der Wahlkampf um das amerikanische Präsidentschafts­amt verfolgt. RepublikanerInnen sowie DemokratInnen versuchen mit unterschiedlichen Positionen die WählerInnen zu überzeugen, wobei oftmals unterschiedliche Weltsichten aufeinanderzutreffen scheinen. Hat die Art und Weise, wie wir denken, denn auch tatsächlich etwas damit zu tun, ob wir konservative oder liberale Positionen besser finden?

Ja – würde die Antwort von Thomas Talhelm und seinen KollegInnen lauten. Ihren Annahmen nach, sollten Liberale eher einen analytischen Denkstil aufweisen, welcher zum Beispiel dadurch gekennzeichnet ist, dass man abstrahiert und Dinge losgelöst vom Kontext betrachtet. Konservative sollten hingegen eher einen beziehungs­orientierten Denkstil zeigen, bei dem Menschen und Objekte vor allem in ihrem Kontext wahrgenommen werden. Laut dem Forschungs­team unterscheiden sich die politischen Richtungen nämlich gerade darin, dass Liberale das Individuum, Freiheiten und Nonkonformität schätzen – hingegen wird Konservatismus mit engen sozialen Beziehungen, dem Schutz des Kollektivs sowie Konformität in Verbindung gebracht.

Tatsächlich konnten die Forschenden um Talhelm diesen vermuteten Zusammenhang zwischen politischen Einstellungen und analytischen versus kontext-gebundenen Denkstilen sowohl in den USA als auch in urbanen Zentren Chinas finden. Könnte man daraus schlussfolgern, dass sich die politische Haltung zu sozialen Themen verschieben lässt, wenn man Personen dazu bringt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken? Um eine Antwort zu finden, führten die Forschenden Experimente durch, in denen verschiedene Denkstile trainiert wurden. Die Teilnehmenden bekamen Wörter vorgelegt (wie Hausmeister, Schrubber, Bohrer) und wurden entweder angehalten, diese abstrakt-analytisch zu kategorisieren (Schrubber und Bohrer sind beides Arbeits­geräte) oder hinsichtlich ihrer Beziehungen in der Situation (der Hausmeister nutzt den Bohrer) – und das über mehrere Wortgruppierungen hinweg. Teilnehmende, die in den Übungen zum analytischen Denken angewiesen worden waren, bildeten anschließend zu fiktiven sozialpolitischen Fragestellungen (wie zu Sozialhilfe­programmen) liberalere Einstellungen. Umgekehrt führte das Training von kontext- und beziehungs­gebundenem Denken zu konservativeren Einstellungen. Es ist bemerkenswert, dass sich diese Effekte unabhängig von der eigenen politischen Orientierung zeigten.

Trotz dieser erstaunlichen Ergebnisse ist zu betonen, dass unser Denkstil neben beispielsweise unserer Sozialisation einer von vielen Faktoren ist, der unsere Einstellungen beeinflusst. Weitere Ergebnisse des Forschungs­teams weisen zudem darauf hin, dass unsere Art zu Denken bei wirtschaft­lichen Themen eine geringe Rolle spielt; der Einfluss unseres Denkstils scheint demnach eher auf sozialpolitische Themen begrenzt zu sein. Auch wenn sich durch die vorübergehende Einnahme eines Denkstils sicher keine festen Einstellungen ändern lassen, mag ein Wechsel der eigenen Denkrichtung sich als hilfreich erweisen, um andere Weltsichten zu verstehen.

Talhelm, T., Haidt, J., Oishi, S., Zhang, X., Miao, F. F., & Chen, S. (2015). Liberals think more analytically (more “WEIRD”) than conservatives. Personality and Social Psychology Bulletin, 41, 250–267. doi: 10.1177/0146167214563672

Redaktion und Ansprech­partnerIn*: Janin Rössel*, Sebastian Butz

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