Wütend = wirtschaft­lich konservativ?

- Julia Heinrich -

Wütende Menschen teilen eher wirtschaft­lich konservative Ansichten, weil sie eher zu Konkurrenzdenken neigen.

Am 26. Mai 2019 fand in Deutschland die Europawahl statt. Die Entscheidung, welche Partei wir wählen, wird oft von unseren politischen Ansichten beeinflusst. Was alles beeinflusst aber unsere politischen Ansichten? Außer Frage dürfte stehen, dass die Zufriedenheit mit den aktuellen politischen und gesellschaft­lichen Verhältnissen einen Einfluss hat. Aber können auch Gefühle wie Wut oder Angst einen Einfluss auf unsere politischen Ansichten haben?

Dieser Frage gingen die beiden Forschenden Keri Kettle und Anthony Salerno nach. Dabei konzentrierten sie sich auf die Untersuchung von wirtschaft­lichem Konservatismus, also dem Ausmaß, in dem eine Gleichverteilung von Ressourcen in der Gesellschaft abgelehnt wird. Es wird angenommen, dass wirtschaft­licher Konservatismus durch Eigeninteresse und das Streben nach Überlegenheit motiviert wird. Förderlich für die Durchsetzung von eigenen Interessen und das Erlangen von Überlegenheit ist Konkurrenzdenken. Ein Gefühl, das Konkurrenzdenken begünstigt, ist Wut. Die Forschenden vermuteten daher, dass Wut wirtschaft­lichen Konservatismus fördert, insbesondere weil Wut zu Konkurrenzdenken anregt.

In einer ersten Studie konnten die Forschenden zeigen, dass Personen, die zu Wut neigten, sowohl mehr Konkurrenzdenken berichteten als auch eher wirtschaft­lich konservative Ansichten teilten. Um die kausale Richtung der Zusammenhänge zeigen zu können, führten die Forschenden anschließend drei Experimente durch.

Im ersten Experiment sollte ein Teil der Teilnehmenden einen kurzen Bericht über einen typischen Tag verfassen, während der andere Teil eine Situation beschreiben sollte, in der sie wütend waren. Anschließend wurden die Teilnehmenden zu ihren politischen Ansichten befragt. Dabei zeigte sich, dass Teilnehmende, die über Wut geschrieben hatten, häufiger wirtschaft­lich konservative Ansichten teilten als Teilnehmende, die einen typischen Tag beschrieben hatten. Der Effekt konnte teilweise dadurch erklärt werden, dass das Schreiben über Wut zu mehr Konkurrenzdenken führte.

In einem weiteren Experiment konnten die Forschenden zeigen, dass nur Wut, aber nicht Angst wirtschaft­lichen Konservatismus fördert. So wählten Teilnehmende häufiger einen fiktiven politischen Kandidaten mit wirtschaft­lich konservativen Ansichten, wenn sie zuvor über Wut anstatt über Angst oder einen typischen Tag geschrieben hatten. Wieder konnte der Effekt teilweise durch mehr Konkurrenzdenken nach beschriebener Wut erklärt werden. In einem letzten Experiment konnten die Forschenden zeigen, dass der Effekt von Wut auf wirtschaft­lichen Konservatismus ausblieb, wenn die Teilnehmenden an Reichtum dachten, weil Konkurrenzdenken dann keine bedeutsame Rolle mehr spielte.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Gefühle unsere politischen Ansichten beeinflussen können. Kettle und Salerno haben sich auf den Effekt von Wut auf wirtschaft­lichen Konservatismus konzentriert. Zukünftige Forschung könnte untersuchen, ob auch andere Gefühle bestimmte politische Ansichten fördern. Bei der nächsten Wahl könnte es aber hilfreich sein, seine aktuelle Gefühlslage zu hinterfragen, um deren möglichen Einfluss auf politische Entscheidungen entgegenwirken zu können.

Kettle, K. L., & Salerno, A. (2017). Anger promotes economic conservatism. Personality and Social Psychology Bulletin, 43(10), 1440–1454. doi:10.1177/0146167217718169

Redaktion und Ansprech­partner*in¹: Jennifer Eck¹, Michael Wagner

 

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