Zwei Sprachen, zwei Persönlichkeiten?

- Nicole Fritz –

Die Sprache, die wir gerade sprechen, hat einen Einfluss darauf, wie wir von anderen wahrgenommen werden

Viele Menschen beherrschen heutzutage zwei oder sogar mehrere Sprachen. Beim Sprechen einer anderen Sprache ändern sich dabei nicht nur die Worte, die eine Person verwendet. Interessanterweise kann in Abhängigkeit der Sprache, die eine Person gerade spricht, diese Person von anderen ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Dies zeigt eine aktuelle Studie der SozialpsychologInnen Sylvia Xiaohua Chen und Michael Harris Bond von der Universität Hong Kong.

Die Teilnehmenden waren chinesische Studierende, die zweisprachig aufgewachsen waren und sowohl Englisch als auch Kantonesisch fließend sprachen. Zunächst machten sie in beiden Sprachen Angaben zu ihrer eigenen Persönlichkeit. Danach wurden sie gebeten, typische Persönlichkeits­eigenschaften von englischen und chinesischen Muttersprachlern zu nennen. Offenheit und Extraversion wurden dabei beispielsweise als „typisch Englisch“, Pflichtbewusstsein als „typisch Chinesisch“ eingestuft. Anschließend nahmen die Studierenden an vier Interviews teil. Jede Person sprach mit einem englischen und einem chinesischen Muttersprachler. Zudem wurde die Interviewsprache variiert: die Interviews fanden jeweils auf Englisch und Kantonesisch statt. Danach sollten neutrale Beobachter anhand von Videoaufzeichnungen der Interviews beurteilen, inwieweit sich die Persönlichkeit der Teilnehmenden in den vier Interviews unterschied.

Je nach Interviewbedingung wurden die Teilnehmenden unterschiedlich bewertet.
So wurden sie beispielsweise als extravertierter und offener wahrgenommen, wenn sie mit einem englischen statt einem chinesischen Muttersprachler sprachen. Zudem wurden sie extravertierter und offener eingeschätzt, wenn das Interview auf Englisch anstatt auf Kantonesisch geführt wurde.

Diese Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Sprache, die wir gerade sprechen, als auch die Herkunft unseres Gesprächs­partners einen Einfluss darauf haben, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Laut Chen und Bond versuchen wir, uns dem kulturellen Hintergrund unseres Gesprächs­partners anzunähern. Die gesprochene Sprache und die Herkunft unseres Gesprächs­partners sind dabei zwei Informationen, die uns dabei helfen können, kulturell stimmige Antworten zu geben. Beim Sprechen einer Sprache aktivieren wir immer auch die kulturellen Normen, die mit dieser Sprache assoziiert sind. Wenn wir Kantonesisch sprechen, würden wir also zum Beispiel an Zurückhaltung und Pflichtbewusstsein denken, wenn wir Englisch sprechen hingegen eher an Offenheit oder Extraversion. Dies ruft ein Verhalten hervor, das diesen kulturellen Normen entspricht – also zum Beispiel mehr Zurückhaltung bei einer Unterhaltung auf Kantonesisch, beziehungs­weise mehr Offenheit in einem englischen Gespräch. Das führt schließlich dazu, dass wir von anderen je nach gesprochener Sprache unterschiedlich wahrgenommen werden.

Sie müssen also nicht befürchten, gleich ein anderer Mensch zu sein, wenn sie in einer anderen Sprache kommunizieren. Vielmehr kann Ihnen die Verwendung der Muttersprache des Gesprächs­partners dabei helfen, den richtigen „Ton“ zu treffen. Mit jemandem aus China etwas zurückhaltender zu kommunizieren als man es vielleicht aus Deutschland gewohnt ist kann so möglichweise den Tritt ins berühmte Fettnäpfchen verhindern. Also dann: Auf zum Sprachkurs!

Chen, S. X. & Bond, M. H. (2010). Two Languages, Two Personalities? Examining Language Effects on the Expression of Personality in a Billingual Context. Personality and Social Psychology Bulletin, 36(11), 1514–1528.

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