Joseline Weinberg trägt ein weißes Hemd und hat blonde Haare.

„Meistens ist der Weg mit den vielen Abzweigungen auch der schönste“

Charlotte von Reuss studiert im dritten Semester den Mannheim Master in Management und hat über den zweiten Bildungs­weg an die Universität Mannheim gefunden. In ihrer myUniMA story berichtet die 27-Jährige von prägenden Herausforderungen, den Gründen für ihre Studien­wahl und Zukunftsplänen.

Kannst du ein wenig über dich erzählen? Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin bei meiner Mutter in München aufgewachsen. Meine Großeltern leben ebenfalls dort und ich war viel bei ihnen. Nach der Realschule wollte ich eigentlich Tourismuskauffrau werden. Die meisten Betriebe erwarteten dafür jedoch das Abitur und bessere Sprach­kenntnisse, als ich damals hatte. Ein Jahr Leerlauf wollte ich unbedingt vermeiden. Meine Oma, die eine Berufsschule leitete und dadurch viele Ausbildungs­wege kannte, schlug mir den Beruf der Fremdsprach­enkorrespondentin vor, von dem ich vorher noch nie gehört hatte. Für mich war das eine große Herausforderung, denn Englisch war lange mein schwächstes Fach. Um die Aufnahme­prüfung für die Ausbildung zu bestehen, musste ich sehr viel lernen. Ich habe mich täglich drangesetzt und war sehr diszipliniert. Unter­stützt haben mich dabei meine Englischlehr­erin an der Realschule und eine Freundin der Familie, die ebenfalls Englischlehr­erin war. Es war ein sehr schönes Gefühl zu sehen, dass diese Mühe etwas gebracht hat.

Wie kam es dazu, dass du nach der Ausbildung noch das Abitur nachgeholt und ein Studium begonnen hast?

Schon als Kind habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich Tierärztin werden möchte. An der Realschule wurde uns außerdem oft gesagt, dass man nach der Mittleren Reife das Abitur noch nachholen kann, und meine Oma hat mich in der Entscheidung bestärkt. Nach der Ausbildung habe ich zwei Jahre die Berufsoberschule besucht, um die fach­gebundene Hochschul­reife und die allgemeine Hochschul­reife zu erlangen. Einer der Gründe, warum ich mich noch für ein Studium entschieden habe, war der Wunsch nach mehr Möglichkeiten und finanz­ieller Sicherheit. Mir ist früh bewusst geworden, dass ich später als Einzelkind die Verantwortung für meine Mutter und Großeltern übernehmen möchte. Ich wollte mir selbst mehr Chancen schaffen, um beruflich aufsteigen zu können. Gleich­zeitig liebe ich es, mir Wissen anzueignen und mich tief in ein Thema zu stürzen. Ich glaube, dass mich das damals angetrieben hat.

Was studierst du und warum hast du dich für dieses Studien­fach entschieden?

Während Corona habe ich an der Universität Mannheim den Bachelor in Kultur und Wirtschaft: Anglistik begonnen. Obwohl ich während meiner Schulzeit viel mit Sprachen zu kämpfen hatte, habe ich in meiner Ausbildung gemerkt, wie viel Spaß sie mir machen. Da ich mich schon immer für andere Kulturen interessiert habe, war diese Fächerkombination für mich besonders interessant. Mein Opa hat mich dann darin bestärkt, unbedingt noch den Master zu machen. Dafür wollte ich stärker in die wirtschaft­liche Richtung gehen und habe mich deshalb für den Mannheim Master in Management entschieden. Aktuell interessieren mich die Bereiche Sustainability und Innovation besonders. Ich möchte später etwas bewirken und denke, dass ich mit dieser Spezialisierung einen Beitrag leisten kann.

Welche Erwartungen hattest du an das Studium?

Ich hatte vor dem Studium große Bedenken. Ich kam aus München und musste in eine neue Stadt ziehen, in der ich niemanden kannte. Gleich­zeitig musste ich mich um eine Wohnung und die Finanzierung kümmern. Die Wohnungs­suche war eine Herausforderung, ich hatte aber Glück und habe kurzfristig etwas gefunden. Hinzu kam, dass ich während Corona mit dem Bachelor angefangen habe. Dadurch waren soziale Kontakte anfangs schwierig. Mein Auslands­semester an der University of Waterloo in Kanada war deshalb eine besonders schöne Erfahrung. Ich habe dort Freundschaften geschlossen, die bis heute bestehen. Ich vermisse Kanada fast jeden Tag.

Wie war die Anfangszeit im Studium für dich? Mit welchen Herausforderungen warst du konfrontiert?

Ich habe viel recherchiert und mich selbst durch Herausforderungen durchgearbeitet. Natürlich tausche ich mich oft mit Mit­studierenden aus, zum Beispiel über Legmon e. V., einen gemeinnützigen Verein, der junge Menschen aus nicht-akademischen Familien durch Mentoring und Netzwerk auf ihrem Weg in Studium, Ausbildung und Beruf begleitet. Dort engagiere ich mich ehrenamtlich als Mentorin und im Social-Media-Team. Ich glaube, dass es für Menschen, die über den zweiten Bildungs­weg oder aus einem nicht-akademischen Elternhaus kommen, manchmal eine zusätzliche Hürde gibt, sich an Professor*innen oder andere Personen zu wenden und nach ihren Erfahrungen oder Werdegängen zu fragen. Ein Mentoring­programm, in dem Studierende mit Menschen an der Uni in Kontakt kommen, die einen ähnlichen Weg gegangen sind, fände ich deshalb sehr hilfreich.

Welche Tipps würdest du anderen Studierenden geben, deren Weg nicht geradlinig direkt über das Abitur ins Studium geführt hat?

Es ist in Ordnung, wenn man einen längeren Weg einschlägt. Viele von uns machen sich sehr viel Druck und haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie der eigene Weg aussehen sollte. Oft sind wir uns selbst die größten Kritiker*innen. Aber es gibt nicht nur einen Weg, um seine Ziele zu erreichen. Meistens ist der Weg mit den vielen Abzweigungen auch der schönste. Das Wichtigste ist, dass man sich dabei wohlfühlt und glücklich ist, unabhängig von den Erwartungen anderer.

Was machst du gern in deiner Freizeit?

Ich liebe Bücher und hätte große Lust, einen Buchclub zu gründen, denn das fehlt mir hier noch. Außerdem lerne ich gerne Sprachen. Neben Deutsch spreche ich Englisch und Spanisch, das ich in meiner Ausbildung gelernt habe, und etwas Italienisch, weil es dem Spanischen so ähnlich ist. Gerade lerne ich Russisch, wegen meines Freundes, und Ungarisch, weil ich väterlicherseits ungarische Wurzeln habe.

Hast du einen Lieblingsort an der Uni oder in der Stadt?

Das EO Café ist einer meiner Lieblingsorte an der Uni, ich finde es schön, dass es wieder eröffnet wurde. Allerdings fehlt mir das Grün auf dem Campus, weshalb ich gern mit meinem Hund am Rhein spazieren gehe. Dort setze ich mich gern auf eine Bank und schaue aufs Wasser. Für mich ist das ein schöner Rückzugsort, um dem Trubel der Innenstadt zu entkommen.

Hast du schon eine Idee, was du nach deinem Master machen möchtest?

Ich überlege, nach meinem Master zu promovieren. Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, nur etwa zwei eine Promotion abschließen. Ich habe mir als persönliches Ziel gesetzt: Ich möchte dazugehören. Anschließend würde ich gern in die freie Wirtschaft gehen, idealerweise in Richtung Strategie, Innovation oder Sustainability.

Interview: Maysaa Khalil / Oktober 2026