Von Ablenkung zu Konzentration im Studium
Was ist Konzentration (nicht)?
Der optimale Zustand der Aufmerksamkeit wird als Flow-Zustand bezeichnet. Hierbei ist man so in eine Aufgabe vertieft, dass Zeit keine Rolle mehr zu spielen scheint und das Arbeiten mühelos gelingt. In einen solchen Zustand gerät man vor allem, wenn man (auf eine gute Weise) herausgefordert ist – also eine Aufgabe weder zu leicht noch zu schwer ist.
Um eine Aufgabe erfolgreich zu meistern, ist in den meisten Fällen eine gute Konzentrationsfähigkeit von Vorteil. Konzentration ist jedoch keine Eigenschaft, die sich wie ein Lichtschalter an- und ausschalten lässt. Sie ist eine Fähigkeit, die man mit Konzentrationsübungen trainieren kann, um möglichst effizient zu arbeiten.
Unser Konzentrationsvermögen wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel die mentale und körperliche Gesundheit, die eigene Motivation oder die Lernumgebung.
Das digitale Zeitalter zeichnet sich durch eine globale Vernetzung über das Internet und die Digitalisierung von Daten aus. Eine Vielzahl von Eindrücken prasselt also den ganzen Tag auf uns ein – und wir müssen sie mit unseren Sinnen verarbeiten. Immer mehr Menschen fällt das nicht leicht. Oft reicht unsere Konzentration nicht aus, um alles gleichwertig zu verarbeiten. Umso wichtiger ist es, Prioritäten zu setzen, damit man nicht in Prokrastination verfällt und wichtige Aufgaben aufschiebt.
Konzentrationsschwierigkeiten im Studium
Konzentriertes Lernen gelingt besonders gut in einer Umgebung, in der man sich wohlfühlt (Raumpsychologie für eine neue Arbeitswelt). Laute Geräusche oder schlechte Lichtverhältnisse können das Lernen erschweren – wie stark, ist jedoch von Person zu Person anders.
Manche Studierende lernen lieber in Gruppen. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass sie sich unmittelbar mit Kommiliton*innen austauschen können. Andere benötigen Ruhe und Zeit für sich, um sich ganz in ein Thema zu vertiefen. Wichtig ist, die Lernumgebung so zu gestalten, dass sie den eigenen Präferenzen entspricht.
Multitasking – so produktiv es auch klingen mag – hat einen eher schlechten Einfluss auf unsere Konzentration. Mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen, wirkt auf den ersten Blick vielleicht effizient.
Doch tatsächlich ist es ein Mythos, dass wir so schneller zum Ziel kommen: Durch den ständigen Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Themenfeldern oder Aufgaben gelingt es uns in der Realität gerade nicht, uns vollständig auf die einzelnen Inhalte zu konzentrieren. Das führt dazu, dass wir langsamer arbeiten und häufiger Fehler machen.
Eine weitere große Hürde ist es, im digitalen Zeitalter bewusst abzuschalten, also auch mal aus der digitalen Welt auszusteigen (The „online brain“). Soziale Medien und insbesondere das Smartphone und die Vielzahl der zur Verfügung stehenden Apps, sind meist so konzipiert, dass sie unsere Aufmerksamkeit immer wieder neu erregen, uns also dauerhaft binden. Eine Vielzahl von Benachrichtigungen, Signaltönen und News-Alerts lassen uns schwer zur Ruhe kommen. Gerade Studierende stehen dadurch unter einer gewissen Anspannung. Und Anspannung ist nie eine gute Grundlage für Konzentration.
Prokrastination verstehen
Beim Prokrastinieren handelt es sich um das Hinauszögern unangenehmer Aufgaben oder Tätigkeiten, um vermeintlich Druck zu vermeiden. Von Prokrastination spricht man, wenn das Aufschieben auch dann anhält, wenn einem bewusst ist, dass dieses Verschieben negative Konsequenzen mit sich bringt. Anfangs wirkt das Verhalten entlastend, doch je mehr Zeit vergeht und je näher die Deadline rückt, desto vermehrt kehren Stress und Druck zurück (vgl. auch Prüfungsangst und Prokrastination).
Prokrastination kann auch ein Hinweis auf tieferliegende Ursachen sein. Chronisches Prokrastinieren tritt oft im Zusammenhang oder als eine Facette zum Beispiel von Neurodiversität, Depressionen oder übermäßigem Grübeln (Overthinking) auf. Ein achtsames In-sich-Hineinschauen kann dabei helfen, eigene Muster besser zu verstehen und erste Schritte in eine hilfreiche Richtung zu gehen.
Auch ein Blick auf die Art oder den Charakter der Aufgaben selbst kann helfen zu verstehen, warum wir diese aufschieben.
Oft beeinflussen die Eigenschaften einer Aufgabe uns dahingehend, wie leicht oder schwer es uns fällt, konzentriert an ihr zu arbeiten:
- Motivation
Aufgaben, die nicht abwechslungsreich sind oder wenig Freiraum zur Selbstbestimmung bieten, senken die Motivation. Wir fühlen uns gelangweilt und sind den Aufgaben gegenüber abgeneigt (Toward an understanding of academic and nonacademic tasks procrastinated by students). - Zukunftsdistanz
Wenn Ziele weit in der Zukunft liegen, fühlen wir uns ihnen weniger verpflichtet. Tätigkeiten mit sofortigem sichtbarem Ergebnis sprechen uns oft stärker an – zum Beispiel das Scrollen am Handy (Present-bias, procrastination and deadlines in a field experiment).
Das Zentrum für Lehren und Lernen (ZLL) der Uni Mannheim bietet viele Workshops an, auch zum Thema Prokrastination. Dort erfahren Studierende mehr über die Gründe des Prokrastinierens und erhalten zahlreiche Tipps und Techniken zu verbesserter Konzentration und Produktivität.
Konzentration steigern im Studium – so funktioniert es
- Lerntechniken und Organisation
Feste Lernroutinen helfen dabei, den Studienalltag besser zu strukturieren. Wer regelmäßige Lernzeiten etabliert, dem fällt es leichter, im Studium auch über einen längeren Zeitraum an einer Sache aktiv dranzubleiben. Klare (selbstgesetzte) Deadlines, kleinere Zwischenziele und passende Lerntechniken helfen, die Motivation und Konzentration aufrechtzuerhalten. - Lernumgebung optimieren
Der Lernort hat einen großen Einfluss darauf, ob wir effizient lernen können oder nicht. Für die meisten Menschen ist eine lernfreundliche Umgebung idealerweise ein ruhiger Ort mit guter Beleuchtung (am besten Tageslicht) und einem sauberen Arbeitsplatz. Ratsam ist es zudem, digitale Geräte während des Lernens stummzuschalten oder außer Sichtweite zu verstauen. Vielen Studierenden fällt es zu Hause, auch wenn sie alle genannten Punkte einhalten, dennoch schwer, sich gut zu konzentrieren. Dann kann ein Ortswechsel helfen: Die Universitätsbibliotheken bieten verschiedene Lernorte als Alternativen an.
- Interesse am Studieninhalt
Lernen fällt deutlich leichter, wenn wir uns für den Studieninhalt interessieren. Die Motivation und damit Konzentration aufrechtzuerhalten ist besonders schwierig, wenn grundsätzliche Zweifel am Studiengang bestehen oder aufkommen. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, frühzeitig eine Unterstützung zu suchen. Die Spurwechselberatung der Uni Mannheim hilft Studierenden, die mit dem Gedanken spielen, ihr Studienfach zu wechseln oder gar das Studium abzubrechen. - Körperliche und mentale Gesundheit
Guter Schlaf, regelmäßiger Sport, eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Umgang mit Stress sind zentrale Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Gerade in intensiven Lernphasen sollte man darauf achten, genug Pausen einzulegen und den Fokus auf die Qualität des Gelernten statt auf die Quantität zu setzen. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, sowohl körperlich als auch geistig zur Ruhe zu kommen.
5 Erste-Hilfe-Tipps für mehr Konzentration im Studium
Folgende Schritte können helfen, wenn die Konzentration mal nachlässt:
- Schritt 1: Zur richtigen Tageszeit lernen
Innere Uhren ticken von Person zu Person anders. Manche Menschen sind am Morgen besonders fit, andere laufen erst am Nachmittag auf Hochtouren. Das hat Auswirkungen auf unser Konzentrationsvermögen. Es ist wichtig, dann zu lernen, wenn man am meisten Energie hat. - Schritt 2: Vollbildmodus aktivieren
Wer am Bildschirm/Computer arbeitet und sich auf einen bestimmten Inhalt konzentrieren möchte, sollte diesen in den Vordergrund stellen. Dazu empfiehlt es sich, irrelevante Apps und Fenster zu schließen und wichtiges zu vergrößern, zum Beispiel im Vollbildmodus. - Schritt 3: Handy in Flug-/ Fokusmodus schalten
Der aktivierte Flug- und Fokusmodus im Handy unterstützt uns, den ständigen Fluss an Benachrichtigungen stummzuschalten. - Schritt 4: Einfach anfangen
Oftmals hilft es klein anzufangen, um den Stein ins Rollen zu bringen. Schon fünf Minuten reichen aus, um den Einstieg in eine Aufgabe zu erleichtern und die Hürde des Anfangens zu nehmen. - Schritt 5: Handynutzung reflektieren
Nicht jede Social oder Gaming App muss sofort vom Handy gelöscht, nicht jede Nutzungsgewohnheit sofort verdammt werden. Für einen achtsameren Umgang mit dem Handy, reicht es manchmal schon aus, vor der Nutzung bewusst kurz innezuhalten. Die Frage, ob die Ablenkung gerade wirklich nützlich und nötig ist, legt mit der Zeit häufig ungesunde Gewohnheiten offen.
