Neurodiversität im Studium

Der Start ins Studium ist für die meisten Menschen eine kleinere oder größere Herausforderung: neue Stadt, neue Wohnung, neue Eindrücke, neue Abläufe. Für neurodiverse Studierende ist die neue Situation mit­unter besonders fordernd. Warum das so ist, möchten wir auf dieser Seite beleuchten und zeigen, wo neurodiverse Studierende an der Uni Mannheim Unter­stützung finden.

Was ist Neurodiversität oder Neurodivergenz?

In der Medizin wird der menschliche Organismus nach definierten Standards verglichen und zu einem Durchschnitts­wert in Beziehung gesetzt. Die Kardiologie vergleicht zum Beispiel Marker der Herzfunktion. Die Neurobiologie vegleicht Entwicklungs­stufen des Gehirns.

Liegen neurologische Parameter innerhalb des Durchschnitts­bereichs, sprechen Neurolog*innen von einem neurotypischen Bild. Menschen, deren Marker außerhalb des Durchschnitts liegen, gelten als neuroatypisch oder neurodivergent.

Eine Neurodivergenz kann unter­schiedlich ausfallen und wird medizinisch auf einem breiten Spektrum eingeordnet.

Häufig wird der Begriff Neurodiversität synonym zum Begriff Neurodivergenz benutzt.

Aktuell beschreiben sich 15 bis 20 Prozent der weltweiten Bevölkerung nach diesem Verständnis als neurodivergent bzw. als neurodivers (Neurodiversity statistics and research).

Als neurodivergent gelten zum Beispiel Menschen mit:

Das Konzept der Neurodiversität

Die Soziologin Judy Singer verwendet 1998 erstmals den Begriff Neurodiversität. Sie bezieht sich dabei auf Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Neurodiversity : the birth of an idea). Das National Symposium on Neurodiversity definiert Neurodiversität 2011 erstmals weitergefasst als „ein Konzept, bei dem neurologische Unter­schiede wie jede andere menschliche Variation anerkannt und respektiert werden sollen“ (What is neurodiversity).

Heute steht das Konzept der Neurodiversität für die Über­zeugung, dass sich neurologische Ausprägungen ebenso wie Körpergröße, Haut- oder Haarfarbe immer von Mensch zu Mensch unter­scheiden (BZND Zentrum für Neurodiversität). 

So wie keine Lunge mit einer zweiten Lunge vergleich­bar ist, sind auch Gehirne einzigartig. Neurologische Unter­schiede sind somit Ausdruck der menschlichen Diversität. Sie beschreiben keine Störung oder Krankheit (Neurodiversity: some basic terms & defintions).

Wenn sich die Gehirnfunktionen eines Menschen von den Gehirnfunktionen eines anderen unter­scheiden, ist das ein Zeichen für die natürliche Veranlagung der beiden Individuen.

Nach dem Konzept der Neurodiversität gelten alle Menschen auf einem breiten Spektrum als neurodivers.

Merkmale von Neurodiversität

Neurodiversität umfasst alle möglichen Arten zu denken und zu fühlen. Merkmale einer ausgeprägten Neurodiversität sind zum Beispiel unter­schiedliche Mechanismen, die Welt wahrzunehmen oder mit ihren Reizen umzugehen.

Wie eine Person Informationen verarbeitet oder wie sie sich im Kontakt mit anderen Menschen verhält, ist also sehr individuell.

Tatsächlich empfinden viele neurodivergente Menschen ihrer Neurodiversität nicht als störend. Sie ist für sie häufig eine von vielen möglichen Arten zu sein und die Umwelt und die Menschen darin wahrzunehmen.

Im besten Fall ist es für neurodivergente Menschen keine Belastung, neurodivers zu sein (Neurodiversität – Warum anders ticken normal ist, ARD – Das Wissen).

Neurodivergenz im Unialltag

Im Hochschul­alltag gibt es eine Vielzahl von Strukturen und Vereinbarungen, die das Miteinander auf dem Campus regeln. Manche davon hat die Universität formell niedergeschrieben, zum Beispiel in Prüfungs­ordnungen. Andere entsprechen gesellschaft­lichen Vereinbarungen, ohne dass sie jemand schriftlich festgehalten hat. Mit beiden Arten verbinden viele von uns die Erwartung, dass die Regeln für alle gelten und von allen eingehalten werden (können).

Für Menschen mit ausgeprägter Neurodiversität ist es oft herausfordernd, sich an solche Vorgaben anzupassen, die von außen für sie gesetzt sind.

Für neurodivergente Menschen kann es sehr anstrengend sein, als Zuhörer*in in einer Vorlesung den Vortrag nicht ungefragt zu unter­brechen oder im Gespräch mit dem Gegenüber Blickkontakt aufzunehmen und zu halten. Daher entspricht ihr Verhalten manchmal nicht den gesellschaft­lichen Erwartungen.

Nicht barrierefreie Texte (zum Beispiel in Serifen-Schrift, bei der Buchstaben verschwimmen), bestimmte Prüfungs­formen (zum Beispiel Multiple-Choice-Verfahren), starre Zeitlimits oder auch die fehlenden Möglichkeiten, während einer Veranstaltung aufzustehen, können neurodiversen Studierenden das Lernen und das (schnelle) Erfassen von Inhalten erschweren. 

Die Herausforderungen an der Hochschule oder im beruflichen Kontext sind sehr individuell. Manchen neurodivergenten Studierenden fällt Kommunikation schwerer, für andere ist eine strukturierte Organisation die größere Hürde (Neurodivergenz und Studium, Deutschland­funk).

Neurodivergente Personen verfügen gleich­zeitig sehr häufig über enorme Stärken zum Beispiel im Bereich der kreativen oder analytischen Fähigkeiten, eine ausgeprägte Detailgenauigkeit oder gezielte intensive Fokussierung.

Wie erkenne ich, ob ich neurodivergent bin?

Die Beschäftigung mit einer möglichen eigenen Neurodivergenz beginnt häufig mit einer Selbstbeobachtung und der Feststellung, dass die eigene Wahrnehmung der Welt sich von der anderer Menschen unter­scheidet.

Online-Tests können eine erste Orientierung liefern, sind jedoch keine verlässliche und professionelle Einordnung.

Niedergelassene Psychotherapeut*innen, Fach­ärzt*innen und klinische Ambulanzen können eine gesicherte Diagnose erst nach umfassenden und standardisierten Tests stellen.

Diese beinhalten in der Regel mehrere Termine sowie verschiedene Formen von Fragebögen, Interviews, Screenings und Verhaltensanalysen.

Unter­stützung für neurodivergente Studien­interessierte und Studierende

Sprechen Sie uns gerne so früh wie möglich an, damit wir Sie bestmöglich unter­stützen können. 

Beratung für neurodivergente Studien­interessierte und Studierende
  • Informationen zu Themen wie Härtefallantrag und Nachteilsausgleich
  • Hilfe bei der Strukturierung des Studiums
  • Vermittlung von weiteren Ansprechpersonen
Lerncoaching für neurodivergente Studierende
  • Klärung von Fragen rund um das Thema Lernen
  • gemeinsames Entwickeln von Techniken und individuellen Lernmethoden
  • Termine digital und in Präsenz möglich
Schreib­beratung für neurodivergente Studierende
  • Unter­stützung bei der Planung von wissenschaft­lichen Arbeiten (Haus-, Bachelor-, Master­arbeit)
  • Tipps rund um das Thema stressfreies Schreiben
  • konkretes Feedback zu eigenen wissenschaft­lichen Texten
Ankommen

Die ersten Wochen an der Uni sind voller Herausforderungen und neuer Eindrücke. Wir listen Informationen zum Studien­start, zum Ankommen im Studium und über die Universität Mannheim als offene und vielfältige Gemeinschaft.

Studieren verstehen

Studieren verstehen – das kann gerade zu Beginn eine ziemliche Mammutaufgabe sein. Mit verschiedenen Angeboten möchten wir mögliche erste Fragen beantworten, damit Sie entspannt ins Studium starten können.

Selbstfürsorge

Selbstfürsorge bedeutet, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu erkennen und zu achten. Auch im Unialltag ist ein liebevoller Umgang mit sich selbst und den individuellen Ressourcen wichtig, um im Gleich­gewicht zu bleiben. 

Beratungs­wegweiser

Gerne helfen wir Ihnen bei der Suche nach der richtigen Ansprechperson für Ihr Anliegen. Mit unserem Beratungs­wegweiser kommen Sie in maximal fünf Schritten zur gesuchten Kontaktperson.