Porträt von Obada Barmou. Er sitzt in einem Hörsaal und schaut nach rechts freundlich in die Kamera. Er hat schwarze kurze Haare und trägt ein kariertes Hemd.

„Ich möchte mich politisch engagieren und versuchen, meine Ideale einzubringen“

2015 floh Obada Barmou aus Syrien nach Deutschland und baute sich ein neues Leben auf. Heute studiert er an der Uni Mannheim VWL im fünften Semester mit Beifach Politik, engagiert sich bei den Grünen und arbeitet als Werkstudent. In seiner myUniMA story erzählt er von seiner Lebens­geschichte, seinem politischen Engagement und seinem Studium.

Was studierst du und was gefällt dir an deinem Studium?

Ich studiere im fünften Semester VWL im Bachelor. Nachdem ich zunächst am KIT mit dem Studium begonnen hatte, mir die Inhalte dort aber zu technisch waren, bin ich an die Uni Mannheim gewechselt und bin sehr zufrieden hier. Ich hatte einen tollen Start. Besonders das erste Wochenende und der Austausch mit anderen Studierenden sind mir positiv in Erinnerung geblieben. 

Ich habe mich vor meinem Studium ausführlich über den Studien­gang informiert und meine Erwartungen wurden erfüllt. Besonders gut finde ich, dass man hier ein Nebenfach belegen kann. Da ich mich auch für Politik interessiere, habe ich Politik­wissenschaften gewählt. Besonders spannend finde ich auch die Professor*innen, die hier lehren: Einige beraten zum Beispiel Bundes­ministerien und forschen gleich­zeitig zu wichtigen wirtschafts­politischen Fragen.

Du bist während der Flüchtlingswelle 2015 von Syrien nach Deutschland gekommen. Kannst du uns etwas von deinem Werdegang berichten?

Ich bin in einem Vorort von Damaskus aufgewachsen. Schon als Kind war ich politisch interessiert. Mit 14 Jahren habe ich den Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien miterlebt und mich selbst an Protesten beteiligt. Damals hatte ich die Hoffnung, dass eine freie und liberale Demokratie entstehen würde. So hat es sich leider nicht entwickelt. Trotz des Krieges habe ich zunächst weiter die Schule besucht. Zweimal musste ich aus meiner Heimatstadt in den Stadtkern von Damaskus fliehen, weil sie bombardiert und belagert wurde. Durch die dortigen Kämpfe konnte ich nicht an den zentralen Schul­prüfungen, die dem Abitur entsprechen, in Damaskus teilnehmen. Außerdem bestand die Gefahr, bei einer Festnahme zum Militärdienst eingezogen zu werden. Ich wollte weder töten noch für einen Krieg sterben. Mein Zwillingsbruder und ich haben dann 2015 beschlossen, nach Deutschland zu fliehen, weil hier bereits Familienangehörige lebten. 

Der Neuanfang hier war mit vielen Herausforderungen verbunden: Ich sprach zunächst kein Deutsch, musste mich in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden und auch die Flucht war mit äußerst schwierigen Erfahrungen verbunden. Gleich­zeitig habe ich in Deutschland viel Unter­stützung erfahren. Ich habe schnell Deutsch gelernt und meine Familien­mitglieder hier vor Ort haben mir den Einstieg erleichtert. Mein Ziel war es, zügig das Abitur nachzuholen und anschließend zu studieren. Ich wollte zum einen einen Bildungs­abschluss, der mir Sicherheit und die Möglichkeit gibt, mir ortsunabhängig ein gutes Leben aufzubauen. Zum anderen hatte ich Lust darauf, das Universitäts­leben und den Austausch mit anderen Studierenden kennenzulernen. 

Du bist neben deinem Studium in der Politik aktiv. Wie bist du dazu gekommen und was möchtest du erreichen?

Anders als in meiner Heimat konnte ich mich in Deutschland von Anfang an politisch entfalten. Als ich mich entschied, hier permanent zu leben, habe ich beschlossen, mich für eine gute Integrations­politik einzusetzen. So bin ich zunächst in Fach­gremien der Grünen zur Migrations- und Integrations­politik gekommen, um mit meiner Lebens­geschichte die Chancen einer vielfältigen Migrations­gesellschaft aufzuzeigen. Zwei Jahre lang habe ich außerdem ehrenamtlich in der Migrations­beratung assistiert und dabei die bestehenden Herausforderungen näher kennengelernt.

Und sobald man in der Politik drin ist, wird man oft gefragt, ob man kandidieren möchte. Das war auch bei mir der Fall. Interessant finde ich auch, wie Parteipolitik funktioniert, wie Beschlüsse gefasst werden und wie eine Partei sich organisiert und wie man gemeinsam nach Mehrheiten sucht. Das ist für mich gelebte demokratische Meinungs­bildung. Gleich­zeitig ist eine Partei auch eine Art politische Familie, in der man sich kritisch miteinander auseinandersetzt. 

Momentan bin ich auf Bundes­ebene in Fach­gremien zu Migration und Integration aktiv. Auf Landes­ebene engagiere ich mich in Fach­gremien für queere Politik, Finanz- und Wirtschafts­politik, Klimaschutz und tagesaktuelle Fragen. Außerdem bin ich im Gemeinderat der Verbandsgemeinde Jockgrim aktiv, wo es um konkrete Fragen vor Ort geht. Ich mache diese Arbeit mit viel Herzblut, weil ich denke, dass sich jeder politisch engagieren oder zumindest eine Meinung zu politischen Fragen bilden sollte.

Hast du einen Lieblingsort an der Uni oder in der Stadt? 

Ich mag die Uni sehr und finde es schön, dass ich hier im Schloss in der Bibliothek sitzen und lernen kann. Ich sage meinen Freund*innen immer, ich studiere im Schloss, und empfinde das als eine Ehre. Besonders mag ich die hohen Decken, durch die fühle ich mich nicht eingeengt. Außerdem ist die Uni wie eine kleine Familie. 

Hast du neben Studium und Engagement noch Zeit für Hobbys? 

Ich koche sehr gern, weil ich dabei abschalten kann. Dabei probiere ich gerne komplexe Gerichte aus und verbringe manchmal Stunden in der Küche. Besonders gern lade ich Freund*innen ein, dann gibt es einen Abend mit gutem Essen und Wein. Außerdem reise und wandere ich gern und lese viel.

Weißt du schon, was du in der Zukunft hauptberuflich machen möchtest?

Ich möchte mich politisch engagieren und versuchen, meine Ideale einzubringen – auch in dieser Region, weil sie mir viel gegeben hat und zu meiner Heimat geworden ist. Ich finde es daher wichtig, dass man nicht lebens­lang als Abgeordnete*r im Bundestag sitzt, sondern versucht, mit politischen Projekten seine Ideale umzusetzen, auch wenn es scheitert. Aktuell ist es mir wichtig, mir neben der Politik eine berufliche Grundlage zu schaffen, deshalb arbeite ich nebenher in einem Finanz­instut als Werkstudent. So kann ich mich beruflich auch in eine andere Richtung entwickeln, wenn ich das möchte. Ich lasse mir die Entscheidung aber offen, weil in der Zukunft immer etwas eintreten kann, das die eigenen Pläne verändert.

Interview: Ilayda Aydemir   I   September 2026