Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Vergessene Erinnerungen: Der Maghreb im Zweiten Weltkrieg

Warum ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in den Maghreb-Ländern Marokko, Algerien und Tunesien so wenig präsent – obwohl die Region von diesem Krieg unmittelbar betroffen war? Ein neues Projekt von Prof. Dr. Claudia Gronemann unter­sucht, wie der Zweite Weltkrieg im Maghreb erinnert wird. Dafür erhält die Mannheimer Romanistin rund 400.000 Euro von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (DFG). Das Projekt startet im Oktober und ist für drei Jahre angelegt.

Wenn über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, stehen meist die Kriegserfahrungen der Menschen in Europa im Mittelpunkt. Dabei war auch Nordafrika Kriegsschauplatz: In Marokko und Algerien wurde 1942 gekämpft, Tunesien wurde anschließend von der deutschen Wehrmacht besetzt. Nordafrikanische Soldaten kämpften in den französischen Streitkräften.

Die Erfahrungen der Bevölkerung Nordafrikas mit dem Zweiten Weltkrieg sind bis heute nur unzureichend dokumentiert. Ein möglicher Grund: Die Geschichtsschreibung in der Region konzentrierte sich vor allem auf die Kolonialherrschaft und den späteren Unabhängigkeits­kampf. Genau hier setzt das von Gronemann geleitete DFG-Projekt „Erinnerungs­spuren 1939-45: Das trans­kulturelle Gedächtnis des Maghreb“ an. Über drei Jahre sollen literarische und autobiografische Texte, Filme und andere Medien aus den Maghreb-Ländern systematisch erschlossen und unter­sucht werden.

Wie unter­schiedlich ein Ereignis erinnert werden kann, zeigt etwa der algerische Film Héliopolis von Djaffar Gacem. Er thematisiert die Ereignisse vom 8. Mai 1945: Während in Europa das Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert wurde, kam es in Algerien zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen französischen Sicherheits­kräften und algerischen Demonstrierenden. Dabei kam es zu Tausenden Toten Algerier*innen. Gronemann stellte den Film im Juni im Rahmen der internationalen Mannheimer Tagung „Traces de mémoire 1939–1945/54“ zum Auftakt ihres Projekts vor. 

„Wir wollen sichtbar machen, welche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg jenseits der europäischen Perspektive entstanden sind und wie sie bis heute nachwirken“, sagt die Romanistin. Die Ergebnisse ihres Projekts sollen unter anderem in einer digitalen Wissensbasis zugänglich gemacht werden.

Weitere Informationen zum Projekt sind hier erhältlich. 

Der Bericht über die Mannheimer Tagung „Traces de mémoire 1939–1945/54“ ist auf der Plattform Humanities – Sozial- und Kulturgeschichte erhältlich. 

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