Artem Zverkovskiy / Foto: Elisa Berdica

„Wenn man den Schritt in ein fremdes Land wagt, wächst man über sich selbst hinaus“

Artem Zverkovskiy kommt aus Yuzhno-Sakhalinsk, einer Stadt auf der russischen Insel Sachalin, die sehr nah an Japan liegt. Seinen Bachelor hat er in Moskau gemacht, vor zwei Jahren ist er nach Deutschland gekommen. Der 22-Jährige ist im letzten Semester seines Business Informatics Master an der Uni Mannheim. In seiner my UniMA story berichtet Artem darüber, wie er sich hier eingelebt hat.


Warum hast du dich entschieden, deinen Master in Deutschland zu machen?

Artem: Für meinen Studien­gang Wirtschafts­informatik gibt es ein paar Länder, die die besten in diesem Bereich sind. Das sind meiner Meinung nach Russland, England, die USA und Deutschland. Also habe ich mich für Deutschland entschieden, da es die günstigste Variante ist, in der Nähe von Russland liegt und ich noch eine weitere Sprache lernen kann. Die Universität Mannheim ist eine der besten in Deutschland für mein Fach, deswegen habe ich mich entschieden hierher zu kommen.

Wenn du das Studium hier mit dem in Russland vergleichst: Was sind die größten Unterschiede?

Artem: Das Studium ist komplett unterschiedlich. In Russland wird von dir erwartet, den Lehr­stoff zu verstehen. Du musst nicht alles auswendig lernen, aber du musst in der Lage sein, die Inhalte einer anderen Person erklären zu können. In Deutschland muss man wirklich alle Definitionen genau auswendig lernen. Aber das ist auch das Gute daran, in zwei Ländern mit komplett verschiedenen Erwartungen zu studieren. Ich war es nie gewohnt, auswendig zu lernen, aber hier musste ich damit anfangen und nun fällt es mir viel leichter. Ich möchte später mal ein Spezialist im maschinellen Lernen werden und in diesem Bereich muss man viel über Programmiersprachen wissen, die man nur anwenden kann, indem man auswendig lernt.

Engagierst du dich in deiner Freizeit in einer Initiative oder einem Programm an der Uni?

Artem: Ja, es gibt ein Programm an der Universität Mannheim, bei dem man ein Buddy für andere internationale Studenten werden kann. Ich kann mich noch erinnern, als ich ankam und aus dem Hauptbahnhof heraus gekommen bin. Man sieht die Stadt und weiß nicht so richtig, wo was ist und wohin man gehen soll. Ich finde es toll, dass die Universität so ein Programm anbietet und man anderen Leuten helfen kann, die Anfangs­schwierigkeiten zu überwinden. Ich hatte damals auch einen Buddy aus Bolivien, der mir in den ersten Wochen sehr weiterhelfen konnte.

Du hast uns im Vorfeld erzählt, dass du Mitgründer des Projekts „Kursomir“ bist. Was ist das für ein Projekt?

Artem: Kursomir ist ein Online-Projekt,  bei dem Vorlesungen von den weltweit führenden Universitäten, wie z.B. dem MIT oder Stanford ins Russische übersetzt werden. Es ist ein freiwilliges Projekt, an dem Leute aus der ganzen Welt mitarbeiten. Ich habe von der Idee zu dem Projekt hier in Deutschland gelesen und mich dazu entschieden, es mit aufzubauen. Hier in  Deutschland ist es einfacher diese Projekte in den Alltag zu integrieren. Mich hat es beeindruckt zu sehen, wie viele Russisch-sprechende Menschen es verteilt auf der ganzen Welt gibt.

Was war bisher deine beste und deine schlechteste Erfahrung hier in Mannheim?   

Artem: Ich denke die schlechteste Erfahrung war, dass man sich nicht so genau mit den Gesetzen des anderen Landes auskennt. Zum Beispiel habe ich mal ein kostenloses Exemplar einer Zeitschrift angenommen und meinen Namen und meine Adresse hinterlassen. Am Ende musste ich viel Geld bezahlen, da ich das Abo nicht gekündigt habe. In Deutschland muss man sehr darauf achten, das Kleingedruckte zu lesen. Aber solche Erfahrungen gehören auch dazu.  Die beste Erfahrung sind die Menschen. Die Universität Mannheim ist wirklich eine internationale Universität und ich habe Leute aus Ländern getroffen, die nicht mal nah an Deutschland oder Europa liegen, wie z.B. Bolivien, Kanada oder Brasilien. Es ist toll, dass man sich hier treffen kann und mehr über die verschiedenen Kulturen seiner Kommilitonen lernt.

Kannst du dir vorstellen in Deutschland zu bleiben und hier zu arbeiten?

Artem: Ich kann mir gut vorstellen, eine Zeit lang in Deutschland zu arbeiten. Momentan arbeite ich auch bei SAP, wie fast jeder aus meinem Studien­gang. Die Arbeits­erfahrung in Deutschland ist ganz anders als in Russland. In Russland hat man eine individuelle Aufgabe und muss diese erfüllen. In Deutschland arbeitet man eher im Team und hat mehrere Aufgaben für das gesamte Team. Ich würde irgendwann aber auch gerne mal eine Zeit lang in einer amerikanischen Firma arbeiten.

Ist dein Langzeit-Ziel zurück nach Russland zu gehen?

Artem: Ja, irgendwann möchte ich gerne wieder zurück nach Russland, da ich das Land sehr gerne mag. Ich mag auch Deutschland und die Natur hier, aber in Russland hat man mehr Freiheiten. Man kann einfach nach draußen gehen und Fische fangen und in Deutschland braucht man eine Lizenz für so gut wie alles.

Du bist jetzt fast fertig mit deinem Master hier. Was denkst du rückblickend über deine Entscheidung, für das Studium hierher zu kommen?

Artem: Viele Leute versuchen möglichst viele Informationen über ein Land durch das Internet zu sammeln. Natürlich findet man dort richtige und hilfreiche Informationen, aber es ist nicht damit zu vergleichen, wirklich in einem anderen Land zu leben. Man muss Deutschland selbst sehen, man muss es fühlen und vielleicht auch in Schwierigkeiten geraten wie ich mit dem Zeitschriften-Abo. So lernt man viel mehr über die Menschen und ihre Kultur, als man jemals im Internet lesen kann. Ich finde jeder, der die Möglichkeit hat, mal in einem anderen Land zu studieren, sollte diese nutzen. Man wächst über sich hinaus und stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen. Es ist mir leicht gefallen, mich hier einzugewöhnen, aber natürlich kommen auch Herausforderungen auf einen zu, an denen man wachsen kann.

Interview: Lena Trumpfheller  |  Foto: Elisa Berdica  |  Juni 2017