Die Kunst, zu führen

Das Eröffnungs­wochenende verbringen die Stipendiatinnen und Stipendiaten des jeweils neuen Jahrgangs des Bronnbacher Stipendiums traditionell im Kloster Bronnbach in der Nähe von Würzburg. Doch was passiert dort eigentlich? Lea Rauh studiert den Mannheim Master in Management, ist Stipendiatin des aktuellen 19. Jahrgangs und hat ihre Eindrücke für das FORUM festgehalten.

Statt mit den üblichen Fragen nach Studium oder Job, begannen wir unser Eröffnungs­wochenende im Kloster Bronnbach mit der Frage, „was ist Kunst für mich“. Wir, das sind 16 junge Menschen, die sich normalerweise mit Wirtschaft, Recht, Informatik, Natur­wissenschaften oder Technik beschäftigen. In diesem Jahr dürfen wir uns als 19. Jahrgang des Bronnbacher Stipendiums viel mit Kunst beschäftigen. Im direkten Austausch mit Kunstschaffenden werden wir mehr über deren Arbeit erfahren und wahrscheinlich auch viel über uns selbst lernen.  

Ich habe an diesem Eröffnungs­wochenende mit der Dirigentin Anna-Sophie Brüning drei Dinge gelernt. Erstens: Um eine Gruppe zu steuern, muss man zuerst wissen, was man selbst möchte. Wir hatten noch nie zusammen gesungen, kannten uns bis vor ein paar Stunden nicht, aber Anna konnte uns, nur durch ihre Gesten, dazu bringen, gleichzeitig einzusetzen, lauter oder leiser, schneller oder langsamer zu singen. Als wir das Dirigieren dann der Reihe nach selbst ausprobierten, merkte ich, wie wichtig es ist, ganz deutliche Zeichen zu geben. Dafür muss man zuerst genau wissen, was man möchte. Führung sieht man meistens nicht – beim Dirigieren schon. 

Führung war definitiv ein zentrales Thema dieses Wochenendes und meine zweite Er­kenntnis hat auch mit Führung zu tun: Es geht auch ohne Führung im klassischen Sinn – wenn jeder mehr Verantwortung übernimmt. Anna erzählte uns von ihren Erfahrungen mit sehr hierarchischen Strukturen an vielen Theatern. Die Idee des Dirigenten als einsames Genie ist weit verbreitet. Ein Beispiel dafür, dass es auch ohne Dirigentin und ohne Dirigenten geht, ist das „STEGREIF.orchester“: Ein Kollektiv aus 30 internationalen Musikerinnen und Musikern, dessen Konzerte ganz ohne Noten, Dirigierenden und Stühle auskommt und das so mehr Freiheit für Interaktion und Bewegung schaffen will. Die Musizierenden müssen sich vorbereiten und die Stücke auswendig lernen. Es ist mehr Arbeit und alle sind in der Verantwortung. Anna brachte uns in kürzester Zeit ein Kunstlied von Schumann bei, und zwar nach der „Affen-Methode“, d.h. sie singt vor und wir singen ihr nach. Das war einfach und klang wirklich gut.  

Meine dritte Er­kenntnis lautete: Es ist erstaunlich viel möglich. Wir sollten alle ein Instrument zu dem Wochenende mitbringen, egal ob wir dieses spielen konnten oder nicht. Ein Klavier war vor Ort, außerdem hatten wir Gitarren, Ukulelen, Flöten, Trommeln, ein Saxofon, ein Akkordeon und mit einer Kalimba und einem Waschbrett sogar zwei Instrumente, die noch nicht einmal Anna gekannt hatte. Trotz dieser ungewöhnlichen Mischung an Instrumenten und obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten, spielten wir am ersten Nachmittag einen Walzer von Shostakovich. Am Vormittag hätte das wohl noch niemand von uns für möglich gehalten. 

Text: Lea Rauh / Oktober 2022

Über das Bronnbacher Stipendium:

Inspiration, Kreativität, Intuition und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel sind in der heutigen Wirtschafts- und Wissenschafts­welt Voraussetzung für erfolgreiches und nachhaltiges Handeln. Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. hat 2004 das Bronnbacher Stipendium ins Leben gerufen, damit künftige Führungs­kräfte diese Kompetenzen mit künstlerischen Methoden schon im Studium trainierenkönnen. Unter der Leitung des Kurators Konstantin Adamopoulos absolvieren die Studierenden ein interaktives Workshop­programm und entdecken neue kreative Herangehensweisen an Aufgabenstellungen in der Berufswelt.

Dies geschieht im direkten Austausch mit Künstler*innen und Kunstschaffenden aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Musik, Literatur, Tanz und Theater und weiteren. Das Exzellenz­programm unter dem Leitgedanken „Kulturelle Kompetenz für künftige Führungs­kräfte“ fördert ungefähr 16 Stipendiatinnen und Stipendiaten pro Jahr. Kooperations­partner ist seit 2004 die Universität Mannheim und seit 2017 zusätzlich das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das Bronnbacher Stipendium wird aktuell unter­stützt durch die Daimler AG, die Karl Schlecht Stiftung, die Dieter Schwarz Stiftung sowie die Peters-Beer-Stiftung.

Der 20. Jahrgang des Bronnbacher Stipendiums beginnt im März 2023 und dauert ein Jahr. Die Bewerbung ist bis einschließlich Montag, 16. Januar 2023 möglich.

Mehr Informationen: 

www.kulturkreis.eu/bronnbacher-stipendium 

https://www.uni-mannheim.de/stipendien/bronnbacher-stipendium/