Gastvortrag: „Lesen 4.0 – die romanischen Sprachen in multimodalen und digitalen Kommunikationsräumen: Herausforderungen für den Fremdsprachenunterricht“ Prof. Dr. Johanna Wolf (LMU München)
Im Rahmen des Masterseminars „Technik und Linguistik im Fremdsprachenunterricht“ von Prof. Dr. Johannes Müller-Lancé findet am Donnerstag, 30.04.2026 ein Gastvortrag von Prof. Dr. Johanna Wolf (LMU München) zum Thema „Lesen 4.0 – die romanischen Sprachen in multimodalen und digitalen Kommunikationsräumen: Herausforderungen für den Fremdsprachenunterricht“ statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Abstract Prof. Dr. Johanna Wolf:
Lesen wird im schulischen Fremdsprachenunterricht noch häufig als relativ klar umrissene Kompetenz verstanden: Texte erscheinen als abgegrenzte Einheiten, Bedeutungen als im Text angelegt, Sprecher:innen als identifizierbar. Dieses Verständnis steht jedoch zunehmend in Spannung zu den sprachlichen Erfahrungsräumen, in denen sich Schüler:innen heute bewegen. Digitale Kommunikationsformen, soziale Medien und interkulturell vernetzte Öffentlichkeiten prägen ihren Alltag und konfrontieren sie mit multimodalen, hochverdichteten und dynamischen Leseräumen und -situationen – auch und gerade in anderen Sprachen als ihrer Erstsprache(n).
Hintergrund des Vortrags ist die Überlegung, dass Digitalisierung nicht nur neue Medien hervorgebracht hat, sondern vorherrschende wissenschaftliche und didaktische Auffassungen von Sprache nachhaltig zu verschieben scheint. Sprache erscheint zunehmend als vernetztes, multimodales und relationales Gefüge, in dem Bedeutungen nicht linear entstehen, sondern aus dem Zusammenspiel sprachlicher, visueller, auditiver und interaktiver Ressourcen hervorgehen. Autorschaft wird verteilt, kommunikative Stimmen überlagern sich, semantische und pragmatische Eindeutigkeiten lösen sich noch stärker auf, und die Vielschichtigkeit des Evaluationsprozesses von Lesesituationen nimmt zu – stärker als in linear und monomodal organisierten Text- und Kommunikationsformaten. Lesen bedeutet unter diesen Bedingungen weniger das Entschlüsseln (scheinbar) stabiler Texte als vielmehr das Navigieren in komplexen Bedeutungsräumen.
Schüler:innen müssen lernen, solche Strukturen zu erkennen, einzuordnen, zu evaluieren und kritisch zu reflektieren.
Anknüpfend an diese Überlegungen versteht der Vortrag Lesenlernen daher als Bewegung innerhalb sprachlicher, medialer und kultureller Kontinua. Schüler:innen erscheinen in diesem Sinne als Grenzgänger:innen, die sich permanent in Übergangszonen zwischen Sprachen, Modi, Registern und Diskursen bewegen. Diese Perspektive verschiebt den didaktischen Fokus: weg von der Frage nach dem „korrekten“ Verstehen einzelner Texte hin zu der Frage, wie Lernende Bedeutungen vernetzen, semantische Dichte bewältigen und mit Vielstimmigkeit umgehen.
Diese Fragestellungen werden wir exemplarisch anhand von Beispielen verschiedener digitaler Formate beleuchten und der Frage nachgehen, ob wir für das Lesen 4.0 eine andere Lese- und Textkompetenz benötigen als für den analogen Raum.