Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Warum Menschen aus der katholischen Kirche austreten

Neue Studie zeigt: Entscheidend für die Bindung an die Kirche sind vor allem Zufriedenheit, die Nähe zu anderen Mitgliedern sowie die persönliche Relevanz der Kirche. Nehmen diese Faktoren ab, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts.

Pressemitteilung vom 27. März 2026
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Die Zahl der Katholiken in Deutschland sank 2025 laut der Deutschen Bischofskonferenz um etwa 550.000 auf 19,2 Millionen. Damit sind noch 23 Prozent der Gesamtbevölkerung katholisch. Doch warum kehren immer mehr Menschen der katholischen Kirche den Rücken? Dieser Frage ist die Mannheimer Sozialpsychologin Dr. Lotte Pummerer in Zusammenarbeit mit Bruno Schrage (Caritasverband für das Erzbistum Köln) und Michael Schüßler (Universität Tübingen) in einer aktuellen Studi­unter Caritas-Mitarbeitenden nachgegangen. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass langfristig vor allem emotionale Aspekte der Bindung entscheidend dafür sind, ob Menschen bleiben oder gehen. Themen wie Reformstau, Hierarchien oder das öffentliche Image der Kirche spielen langfristig nur dann eine Rolle, wenn sie die emotionale Bindung beeinflussen.

Im Zentrum der Studie steht die Frage, welche Faktoren Menschen dazu bringen, über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Auf Grundlage von Befragungs­daten, die in drei Wellen zwischen 2023 und 2024 erhoben wurden, zeigt sich ein klares Bild: Für die Austrittsabsicht sind vor allem die emotionalen Aspekte der Identifikation bedeutsam. Dar­unter fällt die Zufriedenheit mit der Kirche, die empfundene Nähe zu anderen Mitgliedern sowie die Bedeutung der Kirche für das eigene Selbstbild. Nehmen diese Faktoren ab, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts. 

Weniger wichtig sind dagegen kognitive Aspekte der Identifikation – etwa ob man Katholik*innen als einheitliche Gruppe wahrnimmt oder sich selbst als typisches Mitglied versteht. Die Studie zeigte zudem, dass negative Einschätzungen von Autorität, Reform­fähigkeit und Image der katholischen Kirche zwar auch mit höheren Austrittsabsichten in Zusammenhang standen, jedoch weniger entscheidend waren als die emotionale Identifikation. 

Erstautorin Pummerer: „Diese Ergebnisse waren für uns überraschend. Wir haben angenommen, dass Themen wie Reformstau, Hierarchien oder das öffentliche Image der Kirche für sich genommen wichtige Treiber von Austrittsintentionen sind. Tatsächlich zeigte sich aber, dass vor allem die emotionalen Aspekte der Identifikation ausschlaggebend sind“. 

Insgesamt spreche nach Ansicht der Autor*innen diese Er­kenntnis dafür, dass der Kirchenaustritt kein abrupter Entschluss sei, sondern in den meisten Fällen im Vorfeld mit einer emotionalen Entkoppelung einhergehe.

Was bedeutet „emotionale Identifikation“ mit der Kirche?
Unter den emotionalen Aspekten von Identifikation fallen laut sozialpsychologischen Modellen die Zufriedenheit mit der eigenen Gruppe, die empfundene Nähe zu anderen Mitgliedern und die Frage, welche Relevanz die Gruppe für das eigene Selbstbild hat. Entscheidend ist damit nicht die formale Zugehörigkeit zu einer Kirche, sondern ob Menschen positive Erfahrungen machen, sich mit anderen Mitgliedern verbunden fühlen und dies als persönlich relevant wahrnehmen. Auch die Teilnahme am Gemeindeleben und das Mitfeiern von Gottesdiensten können Ausdruck dieser Identifikation sein und die emotionale Bindung stärken.

„Für Kirche und Gesellschaft liefern die Ergebnisse der Studie wichtige Hinweise“, so Sozialpsychologin Pummerer. „Entscheidend ist offenbar nicht allein, welche Kritik Menschen an der Kirche haben, sondern ob sie sich ihr noch emotional verbunden fühlen. Letzteres entscheidet darüber, ob sie langfristig über einen Austritt nachdenken“. 

Die Unter­suchung basiert auf einer Kombination aus Quer- und Längsschnittdaten mit insgesamt 583 katholischen Caritas-Mitarbeitenden aus verschiedenen Regionen Deutschlands sowie einer Langzeitanalyse mit 271 Personen. Sie ist die Ausgliederung einer größeren Studie, die im Frühsommer 2026 im Lambertus-Verlag als Buch veröffentlicht wird. Sie entstand während Pummerers Zeit an der Universität Bremen. Inzwischen ist die Wissenschaft­lerin an der Universität Mannheim tätig, wo sie ihre Forschung weiterführt.

Originalstudie 
Pummerer, L., Reinhardt, C., & Nielsen, M. (2026). Leaving the Catholic Church: Cross-Sectional and Longitudinal Predictors of Leaving Intentions. The International Journal for the Psychology of Religion, 36(1), 115–132. doi.org/10.1080/10508619.2025.2553408

Kontakt: 
Dr. Lotte Pummerer
Wissenschaft­liche Mitarbeiterin am Lehr­stuhl für Sozialpsychologie und Mikrosoziologie 
Universität Mannheim
Tel. +49 621 181-2008
E-Mail: lotte.pummereruni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
E-Mail: kauluni-mannheim.de