Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Gastvortrag von PD Dr. Urs Urban

Uhr

PD Dr. Urs Urban

EO 150

am Donnerstag, 07.05.2026

Das Romanische Seminar lädt herzlich ein zum  Gastvortrag von PD Dr. Urs Urban (HU Berlin / Bauhaus-Universität Weimar) zum Thema:

Gegenwart als Krise. Die Ökonomie des Erzählens in Literatur und Film Argentiniens nach 2000

Abstract: 
Der Vortrag findet im Rahmen der Ring-Vorlesung des Romanischen Seminars:  Medien, Ökonomie, Kommunikation der Romania statt.  Er befasst sich mit der Frage:,  was Literatur und Film über den Menschen und über die ‚Anthropotechniken‘ unter Bedingungen der Krise wissen, und wie dieses Wissen zur Sprache kommt bzw. ins Bild gesetzt, wie es also in eine je spezifische Erzählökonomie übersetzt wird. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem ‚neuen‘ (und weniger neuen) argentinischen Film – insbesondere Daniel Burmans Esperando al mesías (2001), Adolfo Aristarains Lugares comunes (2002) und Juan José Campanellas Luna de Avellaneda (2004). In diesem Zusammenhang wird  auch den historischen Kontext, auf den Literatur und Film sich beziehen, im Hinblich auf die Frage,w as sich für den Umgang mit Krisen und für die kritische Analyse von Krisendiskursen daraus lernen lässt, Bezug genommen.

Wenn ein Haushalt (gr. oikonomia) in Unordnung gerät, weil die Dinge des Lebens nicht länger jederzeit zur Hand sind, dann geraten seine Bewohner in eine Krise. Die Krise ist mithin Ausdruck der Dysfunktionalität oder wenn man so will zunehmender ‚Anökonomie‘ eines kleineren oder größeren Gemeinwesens. ‚Gegenwart‘ scheint heute allenthalben nur noch im Zeichen der Krise bedacht und zur Sprache gebracht werden zu können: jedenfalls suggeriert das die Rede der Öffentlichkeit über sich selbst.

Warum das so ist, und was das bedeutet, mag sich durch einen Blick auf die ‚Geschichte der Gegenwart‘ erschließen, die für viele Gesellschaften mit einer Krise beginnt: in der also Krisen gerade nicht der Normal-, sondern ein Ausnahmezustand, und als solcher durch einen Ereignischarakter geprägt sind, der einen historischen Umbruch und mithin einen Unter­schied zwischen Vergangenheit und Zukunft markiert. Was nach der Krise passiert, bleibt im Moment der Krise selbst offen und muss allererst verhandelt werden. 
Der Blick auf solche historischen Krisen macht deutlich, dass sich politisch wie diskursiv ganz unter­schiedlich auf den Krisen- oder Ausnahmezustand reagieren lässt: je nachdem, ob dieser auf Dauer gestellt und so für eine Politik der ‚Austerität‘ produktiv gemacht wird, oder ob er zum Anlass genommen wird, einen neuen, besseren Normalzustand zu imaginieren und diesen, wo möglich, auch gesellschaft­lich und politisch zu implementieren (also die Krise zu überwinden).
 Letzteres war in Argentinien der Fall, nachdem im Dezember des Jahres 2000 die Volkswirtschaft und mit ihr Politik und Gesellschaft nahezu vollständig zusammengebrochen waren. Literatur und Film haben diese Krise in ihrem Vorfeld, im Moment ihrer ereignishaften Zuspitzung und dann vor allem während der langen Phase ihres Einwirkens auf nahezu alle Bereiche und Formen des Lebens begleitet. Dabei bringen sie auf je spezifische Weise nicht nur historisches Wissen über diese Krise mit hervor, sondern stecken auch Imaginations­räume ab, in denen sich alle möglichen Formen des Lebens und Zusammenlebens erproben (Yves Citton würde sagen ‚szenarisieren‘) lassen.

Zurück