Im Porträt: Alexandra Niessen-Ruenzi
Sie untersucht den Kapitalmarkt aus der Genderperspektive: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Alexandra Niessen-Ruenzi hat schon in ihrer Studienzeit ihr Herzensthema gefunden. Mittlerweile ist sie eine der angesehensten und sichtbarsten Forscherinnen auf diesem Gebiet.

Auf dem Weg zu ihrem Büro, das sich in einem funktionalen Gebäude in L9 befindet, kommt man an einem Schaukasten vorbei, in dem Ausdrucke ihrer Interviews hängen. „Tut was, Frauen“ oder „Warum Finanzplanung ein Frauenthema sein sollte – und noch keins ist“ lauten die Titel. Regelmäßig wird Alexandra Niessen-Ruenzi von Zeitungen wie der FAZ, der Süddeutschen Zeitung oder der New York Times befragt und zitiert. Allein 2025 wurde sie mehr als 20-mal interviewt, Fachzeitschriften nicht mitgerechnet.
Alexandra Niessen-Ruenzi ist Inhaberin des Lehrstuhls für Corporate Governance an der Uni Mannheim. Genderfragen im Finanzbereich sind ihr Hauptthema. Es ist ein gesellschaftlich aktuelles Thema. Wenige Tage nach unserem Gespräch werden die Zahlen für den Gender Pay Gap 2025 veröffentlicht. Auch nach Bereinigung der Zahlen, also der Berücksichtigung, dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten und häufiger in schlechter bezahlten Berufen tätig sind, verdienen Frauen bei vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie sechs Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.
Die 45-Jährige beschäftigt sich mit den Gründen für diese Lücke. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht sie, ob Frauen im Finanzsektor in China nach der Geburt eines Kindes Unterschiede in der Performance aufweisen, die eine schlechtere Bezahlung rechtfertigen würden. „Ich war begeistert, als ein australischer Kollege mir berichtet hat, dass in China diese Daten erhoben werden. Wir sehen da, wenn Frauen in Mutterschutz gehen. Und die Analyse der Performance zeigt, dass die Frauen, die aus dem Mutterschutz zurückkommen, nicht anders performen als die anderen Arbeitnehmer*innen.“
Zum Thema gegen Widerstände
Niessen-Ruenzi ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf ihrem Gebiet. Sie hat zahlreiche Paper veröffentlicht, in denen sie etwa untersucht, wie Männer und Frauen ihr Kapital investieren, ob sie sich unterschiedlich verhalten und wodurch ihre Anlageentscheidungen beeinflusst werden. Aber auch: Ist der Erfolg eines Fonds abhängig davon, ob er von einer Frau oder einem Mann gemanagt wird?
Mittlerweile ist dieses Forschungsgebiet anerkannt, am Anfang ihrer Karriere musste sie dafür kämpfen. „Ich erinnere mich an eine Konferenz, bei der es während meines Vortrags zu einer hitzigen Diskussion zwischen männlichen Zuhörern kam. Ich hatte Mühe, die Aufmerksamkeit überhaupt wieder auf mich zu lenken. Am Ende habe ich für meinen Vortrag den Best Paper Award bekommen. Offensichtlich ist das Thema bei der Mehrheit dann doch gut angekommen“, erzählt sie.
An ihrer Alma Mater, der Universität zu Köln, stieß sie auf weniger offene Ohren. Nachdem Niessen-Ruenzi als wissenschaftliche Hilfskraft auf ein großes Ungleichgewicht beim Geschlecht amerikanischer Fondsmanager*innen gestoßen war und in diesem Bereich auch promovieren wollte, wurde ihr davon abgeraten: „Vielleicht war es die Sorge und ein wohlgemeinter Ratschlag, da ich in einem Nischenthema unterwegs war und mich möglicherweise wissenschaftlich ins Abseits geschossen hätte. Ich persönlich halte das aber für einen völlig falschen Ansatz. Man muss die Wissenschaft machen, die einen begeistert, und die Themen ansprechen können, für die man brennt.“
Begeisterung für mathematisch messbare Zusammenhänge
Das hat sie gemacht und neben ihrer Promotion weiter an ihrem Herzensthema geforscht – zu großen Teilen in den USA. Dass sie bis heute für ihre Themen brennt, merkt man daran, mit welcher Begeisterung sie darüber spricht. Dabei war zunächst gar nicht klar, in welche Richtung ihr akademisches Interesse überhaupt gehen würde. Der Vater, selbst VWL-Professor, wünschte sich insgeheim, dass sich seine älteste Tochter für eine seiner eigenen heimlichen Leidenschaften – Geschichte, Philosophie, Literatur – entscheiden würde. In dem halben Jahr Studium Generale, das ihre Eltern ihr ermöglichten, kristallisierte sich jedoch heraus, dass daraus nichts werden würde. „Ich habe eine BWL/
Dass es genau die richtige Entscheidung war, zeigt ihre lückenlose Karriere. Mit 29 Jahren erhielt sie eine Juniorprofessur an der Uni Mannheim. Es folgte eine Stiftungsprofessur für sechs Jahre, seit 2018 ist sie ordentliche Professorin. An der Fakultät ist Niessen-Ruenzi eine von sechs Professorinnen – bei insgesamt 35 Professuren. Um insbesondere Studentinnen zu fördern, hat sie den Kurs „Women in Leadership“ an der uni-eigenen Graduiertenschule GESS ins Leben gerufen. „Ich habe überlegt, was ich vor 20 Jahren an Information und Unterstützung gebraucht hätte. Entsprechend habe ich den Kurs gestaltet und unterrichte ihn seitdem in der Hoffnung, jungen Frauen wichtiges Handwerkszeug für eine Karriere mit Führungsaufgaben mitzugeben.“
Eine geschlechtergerechtere Gesellschaft
Das Thema Gleichberechtigung ist auch in ihrem Alltag präsent. In die Erziehung ihrer beiden Kinder, Zwillingsmädchen im Grundschulalter, fließen die Themen, mit denen sie sich beruflich beschäftigt, unweigerlich mit ein. Der forschende Blick ihrer Mutter prägt auch die Töchter: „Ihnen fällt schon auf, wenn Genderstereotype reproduziert werden und zum Beispiel bei bestimmter Werbung der Mann im Zentrum dargestellt ist und die Frau irgendwo im Hintergrund.“
Bei ihren Töchtern und mit ihren Veröffentlichungen schafft sie ein Bewusstsein für diese Themen. Der Anspruch, der dahintersteht? „Ich möchte dazu beitragen, dass die Gesellschaft geschlechtergerechter wird, indem ich zum einen dokumentiere, wo es Unterschiede gibt und mir zum anderen anschaue, wo diese Unterschiede herkommen, ob es strukturelle Hürden oder Defizite gibt, die es abzubauen gilt.“ Auch die Politik fragt sie gelegentlich als Expertin an. Solche Anfragen behandelt Niessen-Ruenzi allerdings mit Vorsicht. „Ich möchte nicht vor irgendeinen Karren gespannt werden, weil das der wissenschaftlichen Unabhängigkeit nicht zuträglich ist“, erklärt sie. Vielleicht haben ihre zahlreichen journalistischen Interviews und Beiträge sowieso einen größeren Einfluss, indem sie für weite Teile der Bevölkerung das Thema sichtbar machen, seine Bandbreite zeigen und auf Strukturschwächen hinweisen.
Text: Katja Bauer / April 2026



