Im Porträt: Michèle Tertilt
Neugier als Motor: Prof. Michèle Tertilt, Ph.D., interessiert sich schon früh für eher unkonventionelle Themen und verfolgt diese stets selbstbewusst. Geschadet hat das ihrer Karriere nicht, im Gegenteil: Die vielfach ausgezeichnete VWL-Professorin und derzeitige Leibniz-Preisträgerin kann auf einen beeindruckenden Lebenslauf zurückblicken.

Draußen ist es eisig an diesem Dezembermorgen, drinnen im VWL-Gebäude L7 herrscht um halb neun morgens eine verschlafene Stimmung. Alle Türen des langen Flures im ersten Stock sind geschlossen, alle bis auf eine. Hinter dieser sitzt an ihrem Schreibtisch Michèle Tertilt schon vor dem Rechner – hellwach und hochkonzentriert. Auf die Frage, wie lange sie denn Zeit habe, meint die Ökonomin mit Blick auf die Uhr am Handgelenk: „In exakt einer Stunde wird es hier an der Tür klopfen. Ob so ein halbes Forscherinnenleben wohl in eine Stunde passt?“ Und dann legt sie los.
In aufrechter Haltung sitzt sie beim Erzählen auf dem Stuhl, das Erinnern fällt ihr leicht und es macht ihr sichtlich Spaß. Sie beschreibt bildlich und gründlich, nimmt einen sofort mit zu den Stationen ihres Karrierewegs: an ihre alte Uni in Bielefeld, in ihre Studi-WG in Purdue, zu den Sandstränden Kaliforniens und auf den wunderschönen Campus der Stanford University. Immer wieder schießen der VWL-Professorin dabei Anekdoten in den Kopf, die sie ohne Scheu preisgibt, dabei herzhaft lacht und mit Nachdruck versichert: „Eine tolle Zeit war das!“ Und auch, wenn bislang alles nach Plan lief, so sei der Anfang selbst eher etwas planlos gewesen, gesteht die 53-jährige.
Der Weg zum Studienfach
Dass sie studieren würde, das war keine Frage – die ganze Familie hat studiert, schon die beiden Großväter waren Lehrer und Schulleiter, der Vater promovierter Betriebswirtschaftler. Die Wahl des Studienfaches allerdings fällt Tertilt erst einmal nicht so leicht. „Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich studieren sollte. Deshalb ging ich für ein halbes Jahr als Au-Pair nach Spanien, und hoffte, dass mir in der Zeit eine zündende Idee kommt. Das war aber nicht der Fall“, erzählt sie und muss schmunzeln. Pünktlich zu Ostern und zum Sommersemester ist sie zurück in der Heimat und schreibt sich an der dortigen Universität Bielefeld für das Fach Mathematik ein, rein der Neigung wegen.
Das Studium macht Spaß, die Noten sind sehr gut, dennoch merkt sie gleich nach dem ersten Semester: Etwas fehlt. „Nur Mathe, das war mir irgendwie zu trocken und ich habe mich immer auch schon für soziale und gesellschaftliche Themen interessiert, für Weltverbesserung im weitesten Sinne“, fasst die heutige Professorin ihre damalige Gefühlslage zusammen. Ihr Vater und ein Freund der Familie, selbst BWL-Professor an der Uni Bielefeld, geben dann den entscheidenden Tipp: Warum es nicht mal mit der Volkswirtschaftslehre versuchen? Da könne die junge Studentin ihre mathematischen Fähigkeiten doch mit dem gesellschaftlichen Interesse gut kombinieren.
Über den Teich
VWL passt dann auf Anhieb, hier fühlt sich Tertilt zu Hause. Zu Fleiß und Ehrgeiz gesellt sich obendrein noch Glück, als sie sich direkt nach dem Grundstudium gemeinsam mit einer Freundin für ein Austauschprogramm bewirbt. „Man durfte für ein Jahr an eine von drei amerikanischen Unis, von unserer Uni wurden vier Leute ausgewählt – und ausgerechnet wir beide wurden tatsächlich genommen und an denselben Ort geschickt!“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin lachend. Dieser Ort ist die Purdue University in Indiana, Das Jahr an der Purdue University ist ein entscheidendes in ihrer Karriere: Die Studentinnen dürfen dort schon am Promotionsprogramm teilnehmen („sehr fordernd, mitunter überfordernd!“), wohnen in einer WG und Bielefeld fühlt sich sehr weit weg an („Zwei Dollar pro Minute kostete ein Telefonat nach Deutschland, da überlegte man sich jeden Anruf nach Hause gut!“).
Immer der Neugier nach
Nach dieser Erfahrung ist der Wunsch klar: Auf das Studium soll die Promotion folgen. Es gibt ein interessantes Angebot aus Tilburg, aber Tertilt entscheidet sich erneut für eine amerikanische Universität: die University of Minnesota. Sechs Jahre verbringt sie dort, promoviert und lernt inspirierende Menschen kennen, zu denen sie noch heute Kontakt hält. Erst vor zwei Wochen besucht sie ihre alte Uni erneut: „Ich wurde zur sogenannten Minnesota Lecture eingeladen und durfte als Alumna eine Vorlesung halten. Das Schöne daran: Die Studis entscheiden, wen sie einladen, und dieses Jahr haben sie mich ausgesucht – das hat mich so gefreut!“
In eine Menge bekannter Gesichter blickt sie im Publikum, darunter ein ganz besonders vertrautes: Auch ihr Doktorvater ist gekommen. Beim Gedanken an Larry Jones gerät Tertilt ins Schwärmen. Er habe sie stets ermutigt, ihr unkonventionelles Promotionsthema durchzuziehen, habe nie Ratschläge von oben herab erteilt, sondern einfach unermüdlich gute Fragen gestellt. Ein besonderes Verhältnis verbindet die beiden allein deshalb, weil Tertilt seine allererste Doktorandin ist.
Polygyny and Poverty lautet der Titel der besagten Dissertation, in ihr betrachtet Tertilt die Vielehe als Wirtschaftsfaktor in Entwicklungsländern. Viele raten ihr im Vorfeld von diesem Thema ab, zu nischig, zu unkonventionell. Doch die Risikobereitschaft der jungen Wissenschaftlerin wird belohnt: Die Schrift wird mit dem Preis für die beste Dissertation an der University of Minnesota 2004 ausgezeichnet und erhält in Forschungskreisen viel Beachtung. Und so bleibt Tertilt fortan dem Thema Family Economics treu. Später als Assistant Professor an der Stanford University untersucht sie die Wechselwirkung zwischen wirtschaftlichem Wachstum im 19. Jahrhundert und der Stärkung der Frauenrechte. Oder noch später, da ist sie bereits zwei Jahre an der Universität Mannheim, forscht sie zu Geschlechterdifferenzen aus makroökonomischer Perspektive und bekommt dafür einen ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrates.
Ihr Blick nach vorne
Aktuell gilt das Forschungsinteresse der Leibniz-Preisträgerin den Fertilitätsraten, dem weltweiten Rückgang der Geburtenraten. Ihre Themen findet sie auch gern einmal in der Zeitung und dann gilt nach wie vor die Devise: „Ich gehe immer meiner Neugier nach – und das wäre auch mein Tipp an alle jungen Forscherinnen: Hauptsache, ihr findet es interessant, ihr brennt dafür! Als Forscherin muss man ja ständig alle möglichen Menschen von den eigenen Themen und Ergebnissen überzeugen können und dazu muss man als allererstes selbst komplett überzeugt sein!“
Das Beste an so einem leidenschaftlichen Vorgehen: Es ist ansteckend. 15 Jahre ist es nun schon wieder her, dass Tertilt zurück nach Deutschland und an die Uni Mannheim gekommen ist. Hier hat sie über die Jahre eine beachtliche Gruppe von Forschenden aufgebaut, die sich mit Forschungsinhalten rund um Family Economics beschäftigen. Was einst als Nischenthema galt, ist längst etabliert und Tertilt eine weltweit gefragte Expertin, ausgestattet mit hochdotierten Preisen.
Gerade erzählt die Professorin vom für 2027 geplanten Forschungssemester in Barcelona, als es an der Tür klopft. Beim Blick auf die Uhr wird klar: Exakt eine Stunde ist vergangen. Ein halbes Forscherinnenleben hat ganz gut hineingepasst, aber noch etwas länger zuhören wäre zweifelsohne spannend gewesen.
Text: Jule Leger / April 2026



