Im Porträt: Sabine Sonnentag
Sie gehört zu den meistzitierten Forschenden weltweit: Prof. Dr. Sabine Sonnentag. Als erste und einzige Doktorandin ihrer damaligen Abteilung gestartet, blickt die Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Mannheim heute auf eine erfolgreiche Karriere zurück.

Es muss nicht immer komplexe Fachliteratur sein, die zum wegweisenden Buch im Leben einer Forscherin wird. Manchmal reicht auch eine einfache Autobiografie, die ihr als Schülerin zufällig in die Hände fällt. Denn ohne Brombeerblüten im Winter von Margaret Mead wäre Prof. Dr. Sabine Sonnentag vielleicht nicht dort, wo sie heute steht: Seit 16 Jahren ist sie Inhaberin des Lehrstuhls für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim, befasst sich mit Themen wie Arbeitsstress oder Erholung nach Feierabend – und denkt bis heute an dieses eine Buch zurück, das den Grundstein für ihre Berufswahl gelegt hat.
„Lange Zeit wusste ich gar nicht, was ich studieren will“, beginnt Sonnentag mit ruhiger Stimme zu erzählen. Sie erinnert sich noch gut an die Mischung aus Neugier und Faszination, die Margaret Meads Erzählungen in ihr ausgelöst haben: „Eigentlich ist Mead als US-amerikanische Ethnologin bekannt, aber sie hat unter anderem Psychologie studiert und darüber in ihrer Autobiografie geschrieben. Damit hat sie sofort mein Interesse geweckt.“ Also informiert sich Sonnentag über das Studienfach und beginnt 1980 ihr Diplomstudium an der Freien Universität Berlin.
In der ersten Semesterwoche folgt prompt der nächste Schlüsselmoment: Durch eine Einführungsveranstaltung zum Thema „Stress am Arbeitsplatz“ lernt sie den Teilbereich Arbeits- und Organisationspsychologie kennen, zu dem sie seither schwerpunktmäßig forscht. „Die Arten und Ursachen von Stress haben sich zwar verändert, aber grundsätzlich ist das Thema damals wie heute aktuell“, betont die Professorin.
Wie bei vielen Studierenden habe es auch in Sonnentags Studienzeit „Phasen gegeben, in denen ich nicht übermäßig motiviert war“, gibt sie lachend zu, „und da stellt man sich auch mal die Frage: Warum das alles?“ Die Antwort findet die damalige Studentin erneut in ihrem Bücherregal: „Als ich Meads Buch nochmal in die Hand genommen habe, war ich mir wieder sicher, dass Psychologie die richtige Wahl ist. Es waren vor allem die psychologischen Experimente, deren Beschreibung mich fasziniert hat.“
Erste Doktorandin der Abteilung
Auf das Studium folgt die Promotion – als erste und einzige Frau in der Abteilung Angewandte Psychologie der Technischen Universität Braunschweig. „Am Anfang war das schon seltsam. Ich denke nicht, dass ich es dadurch schwerer hatte, aber dennoch kamen Kommentare wie ,Oh, wie schön, du promovierst als Frau‘ – das gibt es heutzutage eher nicht mehr“, überlegt sie und fügt an: „Glücklicherweise kannte ich Wissenschaftlerinnen an anderen Universitäten, sodass ich wusste: Ich bin nicht allein.“
Zum Zeitpunkt ihrer Promotion ist Sonnentag noch unschlüssig, wohin ihr beruflicher Weg sie führen wird. „Erst gegen Ende wurde mir bewusst, dass mich kein Job so sehr reizt wie die Forschung und Lehre an einer Universität“, erinnert sie sich. Mit Promotion in der Tasche wechselt sie daher 1991 nach Gießen, um sich dort sechs Jahre später zu habilitieren.
In den darauffolgenden Jahren arbeitet die Psychologin an den Universitäten in Gießen und Amsterdam, kehrt zurück an ihre alte Braunschweiger Wirkungsstätte, übernimmt eine Professur an der Universität Konstanz – und folgt schließlich 2010 einem Ruf in die Quadratestadt. „Der Mannheimer Fokus auf den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften passt optimal zu meinen Forschungsinteressen. Außerdem ist die Metropolregion Rhein-Neckar das ideale Umfeld für eine Arbeits- und Organisationspsychologin“, erklärt Sonnentag mit Blick auf die großen Unternehmen in und um Mannheim.
Stress und Erholung im Fokus
„Mein Lehrstuhlteam und ich beschäftigen uns vor allem damit, wie Menschen bei der Arbeit langfristig gesund und motiviert bleiben können“, fasst die Professorin ihre Forschung zusammen. Dazu gehöre zum einen die Frage, welche Bedingungen dafür am Arbeitsplatz erfüllt sein müssen, und zum anderen der Blick auf das Wohlbefinden der Beschäftigten: Wie gehen diese mit Stress um und was trägt am besten zur Erholung bei? „Unsere Haupterkenntnis ist: Man muss gedanklich von der Arbeit abschalten, um sich gut zu erholen“, betont die Psychologin. Ob das auch in den Pausen oder nur nach Feierabend geschieht, interessiert Sonnentag dabei ebenso wie die Frage, welche Aktivitäten am meisten dazu beitragen, mental vollständig auf andere Gedanken zu kommen. „Sport beispielsweise hilft vielen Menschen“, ergänzt sie.
Knapp vier Jahrzehnte forscht Sonnentag nun bereits auf dem Gebiet der Arbeits- und Organisationspsychologie – und diese Ausdauer macht sich bezahlt: In den Jahren 2024 und 2025 gehört sie zu den meistzitierten Forschenden weltweit. Zweimal in Folge steht sie mit mehr als 21.000 Zitationen auf der Liste der „Highly Cited Researchers“, die das Unternehmen Clarivate jährlich veröffentlicht.
Um sich selbst nach einem langen Arbeitstag von Vorlesungen, Studien und Arbeitsstress abzulenken, geht die Forscherin viel in die Natur: „Eine schöne Wanderung gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Aber ich verreise auch gern und entdecke neue Orte.“ Und Margaret Meads Autobiografie? „Leider habe ich sie nicht mehr“, sagt sie nachdenklich, „aber es wäre sehr interessant, das Buch mit meinem heutigen Wissen nochmal zu lesen.“
Text: Jessica Scholich / April 2026



