Im Porträt: Stefanie Egidy
Für Prof. Dr. Stefanie Egidy waren Fernseh-Gerichtsshows der erste Kontakt mit dem Thema Recht. Schon damals faszinierte sie die Dialektik und die Möglichkeit, Konflikte nach objektiven Kriterien fair zu lösen. Als Professorin erforscht die Examensbeste heute, wie Institutionen und demokratische Systeme in Krisen und angesichts grundlegender Transformationen wie der Digitalisierung handlungsfähig bleiben.

Der ursprüngliche Termin für das Interview musste verschoben werden. Stefanie Egidy hat kurzfristig eine Einladung als Expertin in den Bundestag erhalten, um an der Vorbereitung eines Gesetzgebungsvorhabens mitzuwirken. Einen Tag später klappt das Treffen. Egidy, schwarzes, knielanges Kleid, Hahnentritt-Jackett und dunkelblauer Schal, kommt gerade aus einer Vorlesung: Datenschutzrecht und öffentliches Informationsrecht für Masterstudierende.
Wie stabil ist die Demokratie?
Seit 2023 hat Egidy den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Ökonomische Analyse des Rechts und Öffentliches Wirtschaftsrecht inne. In der Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit der Frage, wie ein demokratisches System mit Herausforderungen umgeht. „Im Öffentlichen Recht ist der Fokus dabei auf die Funktionsfähigkeit von Institutionen und demokratischen Systemen gerichtet, also die Gewaltenteilung, beispielsweise die Unabhängigkeit der Judikative.“
In ihrer Dissertation hat sie am Beispiel der Finanzkrise untersucht, wie demokratische Systeme in Krisenzeiten arbeiten und arbeitsfähig bleiben, wie demokratische Kontrollrechte und Transparenzpflichten gewährleistet werden können, wenn angesichts der situativen Entwicklung schnelle Entscheidungen getroffen und Gesetze erlassen werden müssen. Aus einer anderen Perspektive hat sie das Thema in ihrer Habilitation betrachtet: Wie kann ein demokratisches System damit umgehen, dass Prozesse strategisch geführt werden, um Präzedenzfälle zu schaffen für zukünftige Verfahren. Auch das Thema SLAPP-Klagen, also gezielte Einschüchterungsversuche von zum Beispiel Journalist*innen durch Klagen, hat sie dabei betrachtet. Zu diesem Thema hatte sie am Vortag im Bundestag ihre Expertise eingebracht.
Faszination Recht
Mit Anfang 40 ist Egidy eine gefragte Wissenschaftlerin. Mehrere Rufe hat sie zugunsten der Universität Mannheim abgelehnt. Als kleines Kind – das erste von sechs Geschwistern – wollte sie Tänzerin werden, am liebsten Ballett. Dass das keine Karriere werden würde, war aber schnell klar. Das Interesse für Jura kam über das Gerichtsfernsehen: „In den Anfangszeiten wurden in Sendungen wie Streit um 3 oder Wie würden Sie entscheiden? noch echte Fälle verhandelt. Ich war ungefähr 12, 13 Jahre alt und kann mich erinnern, dass ich diese Dialektik spannend fand, einen Fall von mehreren Seiten zu betrachten. Und dass es mit dem Recht ein Instrument gibt, mit dem man Konflikte lösen kann, ohne nur zu sagen: Das finde ich besser, das finde ich schlechter. Das hat mich schon damals fasziniert.“
Im Rückblick betrachtet, verlief ihr Weg vielleicht schon ab da fast mustergültig zur Professur: ein engagierter Lehrer im Leistungskurs Wirtschaft und Recht in der Schule, Jurastudium und Mitarbeit am Lehrstuhl an der Universität Würzburg, Erstes Staatsexamen als bayernweit Beste. Den Master of Laws (LL.M.) hat sie an der amerikanischen Elite-Universität Yale absolviert. Ein Selbstläufer war dieser Weg natürlich dennoch nicht. Die juristischen Examina sind bekannt dafür, sehr schwer zu sein.
Egidys Erfolgsrezept? „Lernen fiel mir schon immer leicht und ich habe immer gern gelernt. Außerdem macht mir das Fach einfach Spaß, ich fand Jura nie trocken. Die Sachverhalte kommen ja direkt aus dem Leben. Mir hat sich die Rechtsdogmatik immer relativ intuitiv erschlossen. Und wenn man das System verstanden hat, muss man gar nicht so viel auswendig lernen.“ Bei allem Ehrgeiz, den es im Wissenschaftssystem braucht, wirkt Egidy sympathisch und bodenständig. Ihr Ausgleich zur Wissenschaft? „Meine Familie. Sie erdet mich. Im Moment ist bei meinem Sohn Fußball angesagt. Mein Mann und ich müssen nun Tabellen durchgehen, Fußballspiele angucken, in Stadien mitfiebern und Lieblingsspieler küren“, sagt sie lächelnd.
Liebe zur Wissenschaft
An ihrem Beruf schätzt sie vor allem die große Freiheit, die man als Wissenschaftlerin hat. „Das größte Privileg ist es, sich Themen zu wählen, die einen interessieren, die einen begeistern, die man selbst für wichtig hält – und dabei immer offen für Neues zu sein. Man darf nicht verschweigen, dass ich viel arbeite. Aber da ich im Prinzip meine Agenda selbst bauen kann, fühlt es sich nicht nach Arbeit an“, sagt sie.
Aktuell widmet sich Egidy in ihrer Forschung dem Thema digitaler Demokratie, zum Beispiel der Frage, wie die digitale Wirtschaft reguliert werden sollte. Sie will ihre Forschungsschwerpunkte weiter ausdifferenzieren, sich stärker vernetzen und plant neue Projekte mit Kolleg*innen aus anderen Fachbereichen. „Ich schätze sehr, dass an der Universität Mannheim die Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten gefördert wird. Ich finde in anderen Fächern viele Anknüpfungspunkte zu dem, womit ich mich beschäftige, aber aus anderen Perspektiven. So entstehen kreative, kluge, innovative Ideen, die man nicht hätte, wenn man in den Grenzen der eigenen Disziplin bleibt.“
Ein grundlegendes Interesse an Erkenntnis, an Fortschritt, an Gemeinwohlorientierung, sich immer wieder neue Themen und Forschungsfelder erschließen – das ist es, was sie aus ihrer Tätigkeit als Habilitandin am Max-Planck-Institut (MPI) zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn mitgenommen hat und was sie bei ihren wissenschaftlichen Vorbildern bewundert und von ihnen übernommen hat: ihrem Doktorvater Helmuth Schulze-Fielitz, den früheren Direktoren des MPI Martin Hellwig und Christoph Engel und dem ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle, bei dem sie eine Wahlstation während ihres Vorbereitungsdienstes absolvierte.
Ob sie sich damit selbst als Vorbild für Studentinnen sieht? Die Frage beantwortet sie zögerlich, fast bescheiden. „Ich würde nie sagen, mein Weg ist der, den man beschreiten soll oder muss. Aber es tut sicher gut, eine gewisse Heterogenität vorgelebt zu bekommen.“
Text: Katja Bauer / April 2026



