Im Porträt: Lidia Becker
Eine große Leidenschaft zieht sich als dicker roter Faden durch Prof. Dr. Lidia Beckers Karriere: die Liebe für Sprachen. Stetig dieser Liebe folgend führt sie der Weg aus der russisch-ukrainischen Grenzregion Woronesch nach Deutschland, wo die Romanistin eine beeindruckende wissenschaftliche Laufbahn absolviert.

„Hier wird gerade renoviert“, sagt Lidia Becker entschuldigend und schiebt die Malerfolie zur Seite. Im Büro der Professorin ist dann nichts mehr vom Baustaub auf dem Flur zu bemerken, ein ordentlicher, gemütlicher Raum mit Blick auf das novembergraue Bahnhofsviertel. In der Ecke zeugen zwei letzte Umzugskartons davon, dass die Romanistin noch vor gar nicht allzu langer Zeit hier in Mannheim gelandet ist – erst Anfang des Jahres, zum Frühjahrs-/Sommersemester 2025, folgt sie dem Ruf ans Romanische Seminar. Beim Setzen fällt der Blick der 45-Jährigen auf die beiden Kartons und sie lächelt: „Ja, stimmt, die stehen hier noch. Aber ich bin in Mannheim schon komplett angekommen. Auch für uns als Familie ist es ein absolut runder Moment, da mein Mann aus der Pfalz stammt.“
Eine italienische Reise
Der Weg hierher? Mit einer angenehmen Ruhe in der Stimme und einem mitreißenden, wachen Blick, der jede Anekdote sofort lebendig werden lässt, beginnt Becker zu erzählen. Von ihrer Heimat Russland, in der sie als Lidia Kouznetsova aufwächst, der Kindheit und Jugend in der Grenzregion Woronesch, wo ihre Eltern noch heute leben und Besuche unmöglich geworden sind. „Schon mit zehn, elf Jahren war mir klar, dass meine Liebe den Sprachen gilt. Zuerst träumte ich davon, Schriftstellerin zu werden, verfasste Geschichten und schickte sie an Kinderzeitschriften. Etwas später entdeckte ich dann die englische Sprache für mich und organisierte mir einen Privatlehrer“, erinnert sich Becker. Die Eltern, beide Bauingenieur*innen, können sich das leisten und fördern die Leidenschaft der Tochter bedingungslos.
„Ich hatte so ein Glück mit meinen Eltern, die Geisteswissenschaften waren ja überhaupt nicht ihre Welt, aber sie sahen mich und wie viel Spaß ich daran hatte und sie bremsten mich nie“, erzählt die junge Professorin dankbar. Ein wegweisendes Schlüsselerlebnis folgt dann mit 15 Jahren: Als ehemalige Besatzungsmacht im zweiten Weltkrieg engagiert sich das italienische Militär zur Geste der Versöhnung verstärkt in Beckers Heimatregion und organisiert eine Jugendreise nach Italien. Mailand, Venedig, Rom, Florenz – das erste Mal in Westeuropa hinterlässt einen prägenden Eindruck bei der Jugendlichen: „Das war natürlich auch mein erster Berührungspunkt mit den romanischen Sprachen, das Italienische hat mich unglaublich fasziniert. Und diese Reise machte mir zudem deutlich: Sprachen öffnen mir die Welt, das will ich studieren.“
Der Weg zur Wissenschaft
Italienisch gibt es an der Staatlichen Universität in der Provinzhauptstadt Woronesch nicht als Studiengang und so schreibt sich Becker eben für Spanisch ein, auch wegen der Option, weitere romanische Sprachen wie Italienisch und Portugiesisch lernen zu können. Nach dem Uni-Diplomabschluss in Russland geht sie mit einem studentischen Visum nach Deutschland, um an der Universität Mainz einen deutschen Abschluss anzuschließen. Wenn sie an ihre erste Zeit in Deutschland zurückdenkt, stöhnt sie allerdings auf: „Um die Hochschulzulassung zu bekommen, musste ich eine wirklich anspruchsvolle Deutsch-Prüfung absolvieren. Und so sehr ich Sprachen liebe – das war nach nur einem Jahr Deutschunterricht echt hart!“ Gerade eben so bestanden habe sie diese, zum Glück.
Und so folgen das weiterführende Studium der Romanistik, der Klassischen Philologie und der Klassischen Archäologie an der Johannes Gutenberg-Universität und die Promotion in Romanistik in Trier. Dank eines Landesgraduiertenstipendiums kann sie sich in der zweiten Hälfte der vierjährigen Promotion ganz ihrem Promotionsthema widmen und am Ende ein 1166 Seiten umfassendes Wörterbuch der mittelalterlichen Personennamen auf der Iberischen Halbinsel (Hispano-romanisches Namenbuch) veröffentlichen. Becker springt von ihrem Stuhl auf und zieht ebenjenen, beachtlich dicken Schinken aus dem Bücherregal hinter sich. Während sie das Buch in ihren Händen wiegt, verdeutlicht sie: „Von Haus aus kannte ich den wissenschaftlichen Beruf nicht, hatte keine Vorbilder. Hinzukommt, dass die Geisteswissenschaften in Russland auch wirklich unterirdisch bezahlt wurden.“
Bereits zur Mainzer Studienzeit allerdings wird auf einmal denkbar, was zuvor keine wirkliche Option war. Als prägend beschreibt die Sprachwissenschaftlerin ihre ersten Seminare auf Deutsch und kommt dabei ins Schwärmen: „Fasziniert hat mich diese Kultur des kritischen Denkens, die hier an den Universitäten gelebt wird. Die Lehrenden haben in den Seminaren mit uns gesprochen, wollten in den Austausch gehen, haben uns Studis als gleichwertig angesehen, wollten sogar etwas von uns lernen und mitnehmen!“
Faszination Mehrsprachigkeit
Mainz prägt den Karrierewunsch, Trier dann das wissenschaftliche Profil der heute 45-Jährigen. Denn während sie sich in ihrer Promotionsschrift einem historischen Thema widmet, entdeckt sie parallel in dieser Zeit die Soziolinguistik für sich und beginnt ein Habilitationsprojekt zum Thema der romanischen Regionalsprachen und deren Standardisierung. Selbst in einer Grenzregion aufgewachsen und dann als Migrantin nach Deutschland gekommen, baut sie die Thematik der Mehrsprachigkeit und des gesellschaftlichen Umgangs damit fortan zum Forschungsschwerpunkt aus.
Seit 2022 reist sie einmal im Jahr zur Feldforschung an die Grenze zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay, ein ganz besonderes Herzensprojekt sei das: „Uns geht es darum, den Menschen vor Ort in ganz alltäglichen Situationen zuzuhören. Wir reisen in kleinen Forschungsgruppen umher, stürzen uns mitten ins wahre Leben und dokumentieren, wie die Mehrsprachigkeit in dieser Region funktioniert.“
Drogenhandel, Schmuggel, Armut und Hungersnot – Themen, die vor Ort stets präsent sind, seien mitunter schwer auszuhalten, aber immer auch zugleich Motivation, weiter zu forschen: „Für mich ist die Sprachwissenschaft ein Teil der Geistes- und Sozialwissenschaften und kann auch dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen und zu lösen“, macht Becker deutlich.
Mutmacherin und Vorbild
Im Jahr 2010, eine Woche vor der Entbindung ihres ersten Sohnes, bewirbt sie sich in Hannover auf eine Juniorprofessur. Als er sechs Monate alt ist, darf die Romanistin zum „Vorsingen“, die junge Familie zieht für die erste Professorinnen-Stelle nach Hannover. Karriere und Kinder? „Das hat funktioniert, weil mein Mann die Betreuung unserer Kinder übernommen hat“, erzählt Becker. Mittlerweile sind sie zu viert, die Jungs besuchen schon die Schule in Mannheim und sollen im nächsten Jahr zum ersten Mal mit nach Argentinien kommen.
Dass sie hier gelandet ist, in einem fremden Land, als Professorin mit eigenem Lehrstuhl – das nimmt Becker nicht als selbstverständlich hin. Und ihre Geschichte sieht sie unbedingt auch als Migrationsgeschichte: „Ich hoffe, dass ich meinen Studentinnen, vielleicht gerade auch denen, die bzw. deren Familien aus einem anderen Land kommen, Hoffnung geben und sie motivieren kann. Ich weiß ja, wie schwierig es ist: Man traut sich nicht, laut zu reden oder sich überhaupt zu Wort zu melden, weil man durch Vorurteile und Abwertung geprägt ist. Da kann ich vielleicht als Vorbild dienen.“
Text: Jule Leger / April 2026



