Verschiedene bunte Comicköpfe sind oben und unten in zwei Reihen zu sehen. Dazwischen steht: Fit für die Zukunft. Die Forschungsstrategie der Uni Mannheim.

Geschichte vor Ort erleben

1.300 Kilometer östlich von Mannheim, im Osten von Polen, nahe der ukrainischen Grenze befinden sich die Über­reste der NS-Vernichtungs­lager Treblinka, Sobibor und Belzec. Im April 1942 deportierte die Gestapo auch Jüd*innen aus Baden-Württemberg – dar­unter 30 Mannheimer*innen – dorthin. Im vergangenen Frühjahr machten sich 20 Geschichts­studierende aus Mannheim und Augsburg auf, die Orte im Rahmen einer Exkursion zu erkunden.

Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren starben 1942/43 rund 1,8 Millionen Menschen in den Vernichtungs­lagern Treblinka, Sobibor und Belzec. Aus Sicht der Nationalsozialisten war die sogenannte „Aktion Reinhardt“, die systematische Ermordung aller Jüd*innen und Rom*nja des Generalgouvernements im deutsch besetzten Polen, ein voller Erfolg. Die Zahl der Toten beträgt etwa ein Drittel aller durch das NS-Regime Ermordeten. Dennoch sind die Namen dieser Lager weniger bekannt als andere, Buchenwald oder Auschwitz etwa.

Im März 2026 begaben sich 20 Studierende der Universität Mannheim und der Universität Augsburg auf die Spur der Geschichte dieser Orte. Im Rahmen einer von Prof. Dr. Philipp Gassert (Inhaber des Lehr­stuhls für Zeitgeschichte an der Uni Mannheim) und Prof. Dr. Andrea Löw (Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München und Honorarprofessorin an der Uni Mannheim) angebotenen und der Initiative „what matters“ begleiteten Exkursion fuhren sie mit dem Zug von Berlin nach Warschau. Auf dem Programm standen Rundgänge durch die Gebiete der damaligen Ghettos in Warschau und Lublin sowie der Besuch der Tat- und Gedenkorte Treblinka, Izbica, Belzec, Piaski, Sobibor, Zbereze, Majdanek.

„Unglaublich wichtige Erfahrung“

Nach einer theoretischen Einführung vor allem mit Hilfe des Buchs „Der Kern des Holocaust: Belzec, Sobibor, Treblinka und die Aktion Reinhardt“ von Stephan Lehnstaedt standen der Besuch der Orte und die Auseinandersetzung mit Quellen vor Ort im Mittelpunkt dieses besonderen Lehr­angebots. „Wir bieten im Geschichtsstudium, insbesondere bei der Lehr­amtsausbildung, regelmäßig Exkursionen an. Diese siebentägige Fahrt nach Polen war dennoch etwas Besonderes. Das Programm war sehr intensiv und die Reise hat auch persönlich etwas mit mir gemacht. Es war eine unglaublich wichtige persönliche Erfahrung, dort gewesen zu sein, über diese ,Mordfelder‘ gelaufen zu sein und das auch in der räumlichen Dimension erfahren zu haben“, erklärt Gassert.

Anders als in Auschwitz oder Buchenwald ist in den ostpolnischen Lagern kaum noch die damalige Infrastruktur zu erkennen. Treblinka und Sobibor wurden nach Häftlingsaufständen geschlossen und abgerissen. „Die Orte sehen heute meist ganz friedlich aus. Das Wetter war schön, als wir sie besucht haben. Zu wissen, was damals passiert ist, und sie in ihrem heutigen Zustand zu erleben, erschafft eine kognitive Dissonanz, die nicht so leicht zu verarbeiten ist“, schildert Charlotte Zumkeller, die Geschichte im Master an der Uni Mannheim studiert, ihre Eindrücke von der Exkursion.

Um sich vorzustellen, wie die Orte in der NS-Zeit aussahen, haben die Mitarbeitenden der Organisation „what matters“ vor Ort Fotos gezeigt und weitere Quellen mitgebracht. „Wir haben an den verschiedenen Orten aus Briefen und Tagebüchern gelesen, direkt da, wo die Dokumente entstanden sind, das hat wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, ergänzt Löw. Darüber hinaus stand ein Besuch des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau auf dem Programm: Dort wird das Oneg Shabbat Archiv, das Unter­grundarchiv aus dem Warschauer Ghetto, das heute zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört, aufbewahrt und ausgestellt. „Für mich ist das eine der eindrücklichsten Erinnerungen dieser Reise: vor den Archivkisten zu stehen und die Dokumente zu lesen, die jüdische Personen an ihre Familien geschrieben haben, als sie nicht wussten, wie es weitergeht“, sagt der Mannheimer Master­student Jakob Grosch.

Reise führt zu Forschungs­projekt

Neben der Vor-Ort-Erfahrung hatte die Exkursion noch eine zweite Seite, wie Löw deutlich macht: „Durch die Auseinandersetzung vor Ort haben die Teilnehmenden gemerkt, dass das Thema nicht abgeschlossen ist und auch heute noch sehr viel mit uns und unserer Gegenwart zu tun hat. Dabei geht es um Fragen wie: Wie erinnern wir eigentlich? Wie gehen wir mit diesen Orten um? Wer ist eigentlich dafür verantwortlich?“ Diesen Aspekt betonen auch die Studierenden: „Mir war nicht bewusst, wie unter­schiedlich der Umgang mit der Erinnerungs­kultur sein kann. An vielen Orten, die wir besucht haben, waren wir die einzige Gruppe. Manche Orte werden von den Einheimischen gar nicht als Erinnerungs­orte wahrgenommen, Menschen laufen arglos darüber oder feiern an diesen Orten Partys“, beschreibt Zumkeller. Einordnend ergänzt Löw, dass die Umstände in einem damals besetzten Land andere seien, sich außerdem auch in der Bundes­republik die Erinnerungs­kultur erst im Lauf der Zeit entwickelt habe und auch hier noch in Bewegung sei.

Dass die Reise intensiv nachwirkt, darüber sind sich alle Teilnehmenden einig. Viele der Studierenden haben beschlossen, sich weiter mit der Thematik auseinanderzusetzen, daran zu forschen und die Erinnerung zu bewahren. In einem ersten Projekt werden die Schicksale der 30 Mannheimer Deportierten aufgearbeitet und eine geeignete Form des Gedenkens konzipiert.

Text: Katja Bauer / August 2026