Spuren geraubter Bücher
Wem gehörten die Bücher, bevor sie in die Bibliothek kamen? Diese Frage steht im Zentrum eines Provenienzforschungsprojekts der Universitätsbibliothek (UB) Mannheim. Gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste untersucht die UB historische Bestände auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Ein Gastbeitrag von Viktor Boecking, Leiter der Abteilung Kommunikation der UB und Fachreferent für Geschichte.

Rund 22.000 Bucheinheiten sind Gegenstand des Forschungsprojekts „Verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut im Bestand der Universitätsbibliothek Mannheim“. Im Mittelpunkt stehen Erwerbungen der ehemaligen Städtischen Schlossbücherei Mannheim aus den Jahren 1933 bis 1948. Ziel ist es, diese Bestände systematisch zu überprüfen, Hinweise auf frühere Besitzer*innen zu erfassen und die Erwerbungskontexte zu recherchieren. Solche Hinweise finden sich oft direkt in den Büchern: Stempel, handschriftliche Einträge, Exlibris oder alte Signaturen können zeigen, wem ein Buch einmal gehört hat. Ergänzt wird diese Arbeit durch Recherchen in Erwerbungsunterlagen, Archiven und historischen Quellen. Auf diese Weise trägt das Projekt nicht nur zur Aufklärung möglicher NS-Raubgut-Fälle bei, sondern auch zur Erforschung der Mannheimer Bibliotheks- und Stadtgeschichte.
Akribische Auswertung
Zu diesem Zweck werden seit Projektbeginn 2024 die Eingangsjournale der Städtischen Schlossbücherei ausgewertet. Diese 1921 entstandene öffentliche Bibliothek war im Mannheimer Schloss untergebracht und bildet heute den Grundstock der historischen Bestände der UB. Besonders im Fokus stehen anonyme Schenkungen, antiquarische Erwerbungen sowie Zugänge aus staatlichen Einrichtungen oder aus dem Umfeld der NSDAP. Bereits früh bestätigte sich hierbei der Verdacht, dass die Städtische Schlossbücherei während der NS-Zeit wiederholt Bücher aus dem Besitz verfolgter Personen und jüdischer Institutionen übernahm.
Bis Ende März 2026 wurden im Projekt etwa 6.500 einzelne Bände in eine Arbeitsdatenbank aufgenommen und anschließend im Magazinbestand untersucht. Bei rund 2.000 Bänden konnte im Projektverlauf ein NS-Unrechtskontext festgestellt oder zumindest nicht ausgeschlossen werden. Jeder Verdachtsfall wird in der Folge akribisch untersucht, abschließend bewertet und in überregionale Datenbanken eingepflegt. Ein Teil der Titel mit NS-Raubgut-Bezug ist zudem bereits im Bibliothekskatalog nachgewiesen und damit für die weitere Forschung auffindbar.
Kritische Aufarbeitung
Die Arbeit führt das Projektteam tief in die lokale Geschichte. Näher untersucht wurden unter anderem Bestände der Ressource-Gesellschaft, des Israelitischen Altersheims, des Israelitischen Krankenhauses, der Bernhard-Kahn-Lesehalle sowie Bücher verschiedener jüdischer Privatpersonen. Dadurch wird deutlich, dass die Geschichte von Verfolgung, Enteignung und Verlust auch in den Beständen wissenschaftlicher Bibliotheken Spuren hinterlassen hat. Für die Universität ist das Projekt, das noch bis September 2027 läuft, deshalb mehr als eine historische Bestandsprüfung. Es steht für einen verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen historischen Sammlungen, für Transparenz und für die Bereitschaft, die Geschichte der eigenen Institution kritisch aufzuarbeiten.
Text: Viktor Boecking / August 2026
