Weniger Gehör für Frauen
Männliche Abgeordnete sind um rund sechs Prozentpunkte weniger aufmerksam, wenn im Plenum eine Frau spricht. Weibliche Abgeordnete hören Männern und Frauen dagegen gleichermaßen zu. Das zeigt eine Untersuchung des MZES-Politikwissenschaftlers Dr. Oliver Rittmann und Kollegen.

Ergreift eine Frau im Stuttgarter Landtag das Wort, dann wird ihr oft weniger Aufmerksamkeit zuteil als einem männlichen Abgeordneten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Politikwissenschaftlers Dr. Oliver Rittmann und seiner Kollegen Prof. Dr. Dominic Nyhuis (Hannover) und Tobias Ringwald (Karlsruhe). Rittmann, der am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim forscht, hat mit seinem Team anhand von Videoaufzeichnungen rund 25.000 Interaktionen zwischen Abgeordneten ausgewertet.
Unterschied nicht riesig, aber eindeutig
Die Ergebnisse seien eindeutig, erklärt Rittmann: „Frauen erhielten während ihrer Beiträge systematisch etwas weniger Aufmerksamkeit aus dem Plenum. Dieser Unterschied bleibt auch bei Berücksichtigung weiterer Faktoren wie etwa der Tageszeit oder der Länge einer Rede bestehen.“ Männliche Abgeordnete zeigten demnach durchschnittlich 5,86 Prozentpunkte weniger Aufmerksamkeit, wenn eine Frau sprach. Bei einer Redelänge von fünf Minuten entspricht das rund 18 Sekunden. „Man mag sagen: Das ist doch nicht viel. Auffällig ist aber, dass das Aufmerksamkeitsdefizit zulasten der Frauen allein auf die Männer im Plenum zurückzuführen ist. Frauen gelingt es hingegen, Männern und Frauen gleichermaßen Gehör zu schenken“, gibt Rittmann zu bedenken.
„Weibliche Abgeordnete können nur dann gleichen Einfluss in Parlamenten ausüben, wenn sie denselben Respekt und dieselben Chancen wie Männer erhalten. Dies setzt voraus, dass sie gleiche Möglichkeiten haben, ihre Meinung zu äußern, und dass ihre Perspektiven Gehör finden. Unsere Studie zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist und dieses Thema Aufmerksamkeit verdient“, so Rittmann weiter.
Über 1.000 Reden analysiert
Die Untersuchung basiert auf 1.003 Reden in 142 Landtagsdebatten zwischen Juli 2018 und Juli 2019. Videoaufnahmen wurden mithilfe von Analysesoftware in einem eigens entwickelten Verfahren untersucht. Die Studie „Gendered Patterns of Parliamentary Attention“ ist in der renommierten Fachzeitschrift The Journal of Politics erschienen und online einsehbar.
Text: Nikolaus Hollermeier / August 2026
