Kirchenaustritte: Emotionale Entkopplung
Wie emotional zufrieden, verbunden und persönlich angesprochen sich Mitglieder der katholischen Kirche fühlen, beeinflusst einer Studie der Universität Mannheim zufolge maßgeblich ihre Austritts- oder Bleibeabsicht.

Die Zahl der Katholik*innen in Deutschland sank 2025 laut der Deutschen Bischofskonferenz um etwa 550.000 auf 19,2 Millionen. Damit sind noch 23 Prozent der Gesamtbevölkerung katholisch. Doch warum kehren immer mehr Menschen der katholischen Kirche den Rücken?
Dieser Frage sind die Mannheimer Sozialpsychologin Dr. Lotte Pummerer und ihre Kolleg*innen in einer aktuellen Studie unter Caritas-Mitarbeitenden nachgegangen. Ihre Befragungsdaten, die in drei Wellen zwischen 2023 und 2024 erhoben wurden, legen nahe, dass langfristig vor allem emotionale Aspekte der Bindung entscheidend dafür sind, ob Menschen gehen oder bleiben wollen. Darunter fallen die Zufriedenheit mit der Kirche, die empfundene Nähe zu anderen Mitgliedern sowie die Bedeutung der Kirche für das eigene Selbstbild. Nehmen diese Faktoren ab, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts.
Überraschende Ergebnisse
Weniger wichtig sind dagegen kognitive Aspekte der Identifikation – etwa ob man Katholik*innen als einheitliche Gruppe wahrnimmt oder sich selbst als typisches Mitglied versteht. Die Studie zeigt zudem, dass negative Einschätzungen von Autorität, Reformfähigkeit und Image der katholischen Kirche zwar auch mit höheren Austrittsabsichten in Zusammenhang stehen, jedoch weniger entscheidend sind als die emotionale Identifikation.
„Diese Ergebnisse waren für uns überraschend“, sagt Erstautorin Pummerer. „Wir haben angenommen, dass Themen wie Reformstau, Hierarchien oder das öffentliche Image der Kirche für sich genommen wichtige Treiber von Austrittsintentionen sind. Tatsächlich zeigte sich aber, dass vor allem die emotionalen Aspekte der Identifikation ausschlaggebend sind.“
Insgesamt spreche nach Ansicht der Autor*innen diese Erkenntnis dafür, dass der Kirchenaustritt kein abrupter Entschluss sei, sondern in den meisten Fällen im Vorfeld mit einer emotionalen Entkopplung einhergehe. Die Untersuchung basiert auf einer Kombination aus Quer- und Längsschnittdaten mit insgesamt 583 katholischen Caritas-Mitarbeitenden aus verschiedenen Regionen Deutschlands sowie einer Langzeitanalyse mit 271 Personen.
Text: Yvonne Kaul / August 2026
