Das Mannheimer Barockschloss und der Ehrenhof unter blauem Himmel.

Neue Studie: Wie CO₂-Bilanzierungs­regeln Anreize für klima­freundlichen Wasserstoff beeinflussen

Eine neue Studie der Mannheimer Wissenschaft­ler Gunther Glenk, Philip Holler und Stefan Reichelstein unter­sucht, wie die Berechnung von CO₂-Emissionen Investitionen von Unter­nehmen in die Produktion von elektrolytischem Wasserstoff beeinflusst. Zentrales Ergebnis: Auch strenge Bilanzierungs­regeln bieten in der Regel ausreichende Investitions­anreize. Sie garanti­eren jedoch keinen kohlenstoffarmen Wasserstoff.

Pressemitteilung vom 10. August 2026
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Regierungen weltweit haben umfassende Förder­programme für Wasserstoff aufgelegt, um die industrielle Dekarbonisierung voranzutreiben. Zahlreiche Programme koppeln die Höhe der Förderung an die ermittelte CO₂-Intensität des Wasserstoffs. In den USA können Produzent*innen beispielsweise eine Steuergutschrift von bis zu drei US-Dollar pro Kilogramm produzierten Wasserstoffs erhalten. Politisch wird derzeit diskutiert, welche CO₂-Bilanzierungs­regeln dafür geeignet sind: Soll der für die Elektrolyse eingesetzte erneuerbare Strom stündlich nachgewiesen werden oder reicht eine jährliche Bilanz? Wenn strengere Vorgaben gewählt werden, haben Firmen noch ausreichende Anreize, notwendige Investitionen zu tätigen? Und stellen die Regeln sicher, dass geförderter Wasserstoff tatsächlich emissionsarm ist?

Diesen Fragen ging das Mannheimer Forschungs­team anhand des US-amerikanischen Inflation Reduction Act nach. Die Forscher unter­suchten elektrolytischen Wasserstoff, bei dem Wasser in sogenannten Power-to-Gas-Anlagen mithilfe von Strom aufgespalten wird. Die Ergebnisse der Studie wurden heute in der renommierten Fach­zeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Im Unter­schied zu vielen früheren Analysen nimmt sie die Perspektive von gewinn­orientierten Unter­nehmen ein, die die Investitionen in Power-to-Gas Anlagen tätigen würden.

Entgegen der vorherrschenden Meinung kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass strenge CO₂-Bilanzierungs­regeln mit stündlichem Abgleich ausreichende Investitions­anreize für Power-to-Gas-Anlagen bieten, mit internen Renditen von geschätzten acht bis 15 Prozent. Der erzeugte Wasserstoff ist jedoch nicht zwangs­läufig emissionsarm. Steigen die Wasserstoffpreise, wird es für Betreiber wirtschaft­lich attraktiv, Elektrolyseure vermehrt mit Strom aus dem allgemeinen Stromnetz zu speisen. Dadurch kann die durchschnittliche CO₂-Intensität auf das Niveau von „blauem“ Wasserstoff ansteigen, der aus Erdgas mit CO2-Abscheidung produziert wird.

Weniger strenge Regeln, mit jährlichem statt stündlichem Abgleich, steigern die geschätzten Renditen auf bis zu 23 Prozent, was deutlich über markt­üblichen Renditen für erneuerbare Energieanlagen liegt. Die CO₂-Intensität kann in diesem Fall bis auf das Niveau von „grauem“ Wasserstoff steigen, der aus fossilen Brennstoffen ohne CO2-Abscheidung produziert wird. 

„Unsere Rechnungen zeigen, dass strenge Regeln Investitionen in der Regel nicht abschrecken, wie oft behauptet wird. Sie liefern aber auch nicht automatisch sauberen Wasserstoff“, erklärt Dr. Gunther Glenk, Junior­professor am Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies (MISES). „Wie man die Emissionen anrechnet, ist also entscheidend“, ergänzt MISES-Doktorand Philip Holler. „Die Bilanzierungs­regeln bestimmen letztlich, ob die Förder­programme tatsächlich zur industriellen Dekarbonisierung beitragen.“

Bedeutung für Deutschland und Europa
Deutschland hat zahlreiche Abkommen geschlossen, um Wasserstoff in großen Mengen aus Kanada, Nordafrika, Australien und weiteren Regionen zu importieren. Aktuelle EU-Regeln für erneuerbaren Wasserstoff sehen vor, dass bis 2030 ein monatlicher Abgleich zwischen Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion ausreicht. Danach soll der Abgleich stündlich erfolgen. Allerdings wird derzeit diskutiert, ob diese Verschärfung um einige Jahre verschoben werden soll, um die Wirtschaft­lichkeit der Produktions­anlagen zu gewährleisten.

„Auch wenn unsere Rechnungen für Referenzanlagen in den USA kalibriert sind, lassen sich die zentralen Er­kenntnisse auf Europa übertragen“, sagt Stefan Reichelstein, Inhaber der Stiftungs­professur für Allgemeine BWL ab der Universität Mannheim. „Strenge CO2-Bilanzierungs­regeln führen zu deutlich emissionsärmerer Wasserstoffproduktion und dürften bereits heute ausreichende Investitions­anreize setzen, insbesondere in Regionen mit reichlich vorhandenen erneuerbaren Ressourcen.“ 

Originalpublikation:
Glenk, G., Holler, P., & Reichelstein, S. (2026). How Carbon Accounting Rules Shape Incentives for Hydrogen Production. Nature Communications. doi.org/10.1038/s41467-026-75473-z

Kontakt: 

Prof. Dr. Gunther Glenk
Junior­professor, Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies (MISES)
Universität Mannheim
E-Mail: glenkuni-mannheim.de

Philip Holler
Doktorand, Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies (MISES)
Universität Mannheim
E-Mail: philip.holleruni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
E-Mail: kauluni-mannheim.de