Bilder der sechs im FORUM porträtierten Professorinnen in bunten Farben. Darunter der Schriftzug: "Im Schwerpunkt: Berufung Professorin"

Die Gleich­stellungs­beauftragten Karin Hoisl und Christiane Koch im Interview

Beim Blick auf die Gleich­stellungs­zahlen der Universität Mannheim zeichnet sich ein Bild ab, das sich in der gesamten deutschen Hochschul­landschaft widerspiegelt: Liegt der Frauenanteil unter den Studierenden noch bei gut 50 Prozent, beträgt er bei den Professuren weniger als 30 Prozent. Wo gehen die Frauen auf dem Weg verloren – und wie möchte die Universität dem begegnen? Darüber sprechen die beiden Gleich­stellungs­beauftragten Karin Hoisl und Christiane Koch im Interview mit dem FORUM.

FORUM: Sie sind seit dem 1. Oktober 2025 neu im Amt der Gleich­stellungs­beauftragten. Welche Gründe sehen Sie für den noch immer bestehenden Gender Gap in der Wissenschaft? 

Karin Hoisl: Die Zahlen zeigen ein strukturelles Problem: Obwohl Frauen bei Studien­beginn und -abschluss in den meisten Fach­bereichen etwa 50 Prozent ausmachen, verlieren wir sie auf dem Weg zur Professur, insbesondere nach der Promotion. Diese „Leaky Pipeline“ ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck eines Wissenschafts­systems, das stark auf lineare, zeitlich hoch verdichtete und international mobile Karriereverläufe zugeschnitten ist. Dieses Modell passt häufig besser zu traditionellen männlichen Biografien.

FORUM: Welche Hürden gibt es nach wie vor für junge Frauen, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben?

Christiane Koch: Zentrale Hürden sind die schwierige Vereinbarkeit von wissenschaft­licher Karriere und Familie, befristete Beschäftigungs­verhältnisse in den Qualifikations­phasen und die fehlende Planungs­sicherheit. Zudem sind Frauen in Netzwerken und als Vorbilder, insbesondere auf Professuren, oftmals unter­repräsentiert. Auch unbewusste Vorurteile in Berufungs­verfahren können Frauen benachteiligen. Diese sogenannten „Unconscious Biases“ sind jedoch empirisch schwer nachzuweisen. Um ihnen entgegenzuwirken, sollten von Beginn an klare Bewertungs­kriterien festgelegt werden, die sich konsequent an den tatsächlich notwendigen Qualifikationen orientieren.

FORUM: Wie sieht es an der Universität Mannheim aus: Was ist der Status quo in puncto Gleich­stellung und wo stehen wir im Vergleich?

Karin Hoisl: Die Universität Mannheim hat in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte erzielt: Der Frauenanteil auf den wissenschaft­lichen Qualifikations­stufen ist lange gestiegen, stagniert jedoch seit etwa 2018. Aktuell liegt der Anteil auf Professor*innenebene bei rund 23 Prozent und damit noch unter dem Landes­durchschnitt von etwa 26 Prozent sowie dem bundes­weiten Durchschnitt von rund 27 Prozent.

Für die kommenden Jahre hat sich die Universität ambitionierte Ziele gesetzt. Der Gleich­stellungs­plan sieht einen Frauenanteil von 25 Prozent bis 2028 vor, im Gleich­stellungs­konzept des Professorinnen­programms werden 30 Prozent bis 2030 angestrebt. Diese Ziele sollten wir konsequent verfolgen, denn Gleich­stellung ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein zentraler Standortfaktor im Wettbewerb um exzellente Wissenschaft­ler*innen.

FORUM: Was hat die Universität in den vergangenen Jahren konkret unter­nommen, um Gleich­stellung voranzubringen?

Christiane Koch: Ein wichtiger Schritt war die strukturelle Stärkung der Gleich­stellungs­arbeit: Als Gleich­stellungs­beauftragte verfügen wir inzwischen über eigene Personal- und Sachmittel. Zudem wurden regelmäßige Austauschformate mit den Fakultäts­gleich­stellungs­beauftragten etabliert, um diese bei der Betreuung von Berufungs­verfahren zu begleiten. Faire und trans­parente Verfahren sind ein wichtiger Hebel für mehr Professorinnen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der aktiven Rekrutierung. Da sich exzellente Wissenschaft­lerinnen seltener bewerben, müssen wir sie gezielt ansprechen. Die Fakultäten erhalten dabei verstärkt Unter­stützung. Parallel haben unsere Vorgängerinnen begonnen, die Gleich­stellungs­arbeit stärker evidenz­basiert auszurichten. Sie haben Daten erhoben und aufbereitet. Die Ergebnisse sind unter anderem in den überarbeiteten Berufungs­leitfaden eingeflossen. Diese Arbeit wollen wir konsequent fortsetzen.

FORUM: Es gibt hier bereits Unter­stützungs­programme für Wissenschaft­lerinnen. Wie sieht diese Unter­stützung konkret aus?

Christiane Koch: Wir geben Ihnen gern ein paar Beispiele: Ein zentrales Instrument zur Erhöhung des Frauenanteils an Professuren ist das Professorinnen­programm von Bund und Ländern, an dem sich die Universität Mannheim erneut erfolgreich beteiligt hat. Neben der Förderung von Gleich­stellungs­maßnahmen ermöglicht es in den kommenden Jahren Anschubfinanzierungen für zwei Erstberufungen von Professorinnen.

Karin Hoisl: Daneben gibt es das Reisekostenförder­programm „Women go abroad“, das gezielt die internationale Mobilität von Wissenschaft­lerinnen fördert – ein entscheidender Faktor für wissenschaft­liche Karrieren. Das Programm wird derzeit neu aufgestellt. Zudem unter­stützen wir das landes­weite Margarete-von-Wrangell-Programm für Junior­professorinnen, für das wir im vergangenen Jahr ebenfalls erfolgreich Mittel eingeworben haben.

FORUM: Was möchten Sie als erstes angehen und welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer Amtszeit setzen?

Karin Hoisl: In den letzten Wochen haben wir mit Vertreter*innen der Fakultäten und Fach­bereiche gesprochen, um die fach­spezifischen Gleich­stellungs­herausforderungen besser zu verstehen. Diese Gespräche werden wir fortsetzen. Zudem haben wir ein kleines Förder­programm entwickelt für gleich­stellungs­relevante Initiativen von Mitarbeitenden der Universität, wie etwa neue Seminarkonzepte, für die es bisher keine Förderung gab. Als Nächstes wollen wir helfen, die Außen­wirkung der Universität Mannheim zu stärken. Obwohl es viele erfolgreiche Wissenschaft­lerinnen an unserer Universität gibt, gilt sie noch oft als „männlich orientiert“ – einige dieser Erfolgsgeschichten von jungen Wissenschaft­lerinnen wollen wir in einem neuen Format erzählen.

Christiane Koch: Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist natürlich die Erhöhung der Frauenquote unter den Professor*innen. Hierbei wird es entscheidend auf die Expertise der Fakultäts­gleich­stellungs­beauftragen ankommen, da sich die Markt­lage und Anforderungs­profile in einzelnen Fach­bereichen sehr deutlich unter­scheiden und einer individuellen Bewertung bedürfen. Wir unter­stützen die Fakultäts­gleich­stellungs­beauftragten wo nötig und gewünscht.

FORUM: Und wie sieht Ihre Aufgabenteilung dabei aus?

Christiane Koch: Die Erfüllung unserer Gleich­stellungs­aufgaben erfolgt gemeinsam und dabei ergänzen wir uns hervorragend. Wir kommen aus unter­schiedlichen Bereichen, Karin Hoisl aus der BWL und ich aus der Anglistik. Dadurch bringen wir verschiedene Stärken – und auch Schwächen – mit, sind uns in den wichtigen Fragen jedoch einig. Die Zusammenarbeit macht großen Spaß, auch weil wir uns persönlich sehr gut verstehen. Teilweise stimmen wir uns mehrmals täglich ab. Dank moderner Kommunikations­medien haben wir inzwischen fast so etwas wie eine Standleitung.

FORUM: Wo sehen Sie die Uni Mannheim beim Thema Gleich­stellung in fünf Jahren?

Karin Hoisl: In fünf Jahren werden wir hoffentlich eine deutlich höhere Frauenquote unter den Professor*innen haben und auf dem besten Weg sein, Exzellenz­universität zu werden.

Interview: Jule Leger und Jessica Scholich / April 2026


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