Bilder der sechs im FORUM porträtierten Professorinnen in bunten Farben. Darunter der Schriftzug: "Im Schwerpunkt: Berufung Professorin"

Zu zweit auf weiter Flur

Als Gudrun Höhl und Elfriede Höhn Mitte der 1960er Jahre an die Wirtschafts­hochschule Mannheim berufen werden, sind sie Pionierinnen – an der Universität und in ihren Fächern. Ihr Weg in die Wissenschaft jedoch war geprägt von Krieg, Neuanfängen und institutionellen Widerständen.

Prag, Anfang Mai 1945. Der Krieg ist fast vorbei, die Stadt im Ausnahmezustand. Gudrun Höhl, wissenschaft­liche Assistentin an der Deutschen Karls-Universität, packt hastig ihre Sachen. Nach der Kapitulation der deutschen Garnison marschiert die Rote Armee in Prag ein, das seit dem „Anschluss“ 1939 zum Deutschen Reich gehört. Deutsche werden gefangen genommen oder vertrieben. Nicht wenige überleben die Verfolgung nicht. Höhl gelingt vermutlich bereits in den Tagen zuvor die Flucht. Doch zurück bleiben fast all ihr Hab und Gut, ihre gesamte wissenschaft­liche Arbeit. Beides ist für immer verloren.

Geboren 1918 nahe Würzburg, wächst Höhl in bürgerlichen Verhältnissen auf. Sie besucht das Realgymnasium in Nürnberg, danach die Hochschule für Lehr­erbildung in Bayreuth, und bereitet sich auf das höhere Lehr­amt vor. Nach dem frühen Tod des Vaters legt sie zudem die Prüfung für das Lehr­amt an Volksschulen ab – eine Absicherung, die für Frauen ihrer Generation nicht ungewöhnlich ist. Letztlich schlägt Höhl aber doch einen anderen Weg ein. Sie beginnt ein Studium der Geografie, Geschichte und Germanistik an der Universität Göttingen. 1940 wechselt sie an die Deutsche Universität Prag, deren Verwaltung personell und ideologisch eng mit der SS verflochten war.

Gudrun Höhl selbst verhält sich unpolitisch. Wissenschaft­lich arbeitet sie zielstrebig: Sie promoviert, übernimmt erste eigene Lehr­veranstaltungen und bereitet ihre Habilitation vor. Dass es noch 17 Jahre dauern wird, bis sie sich tatsächlich Professorin nennen darf, ahnt sie damals nicht.

Verantwortung ohne Professur

Nach der Flucht aus Prag steht Höhl erst einmal vor dem Nichts – ohne Besitz, Manuskripte, institutionelle Anbindung. Im November 1946 findet sie eine Anstellung als wissenschaft­liche Assistentin an der Universität Bamberg. Das Geographische Institut ist nach Kriegsende personell ausgedünnt, Professoren fehlen. Höhl übernimmt – und trägt jahrelang allein die Verantwortung für die gesamte Lehre.

Trotz des vollen Deputats lebt sie finanz­iell prekär. Um sich über Wasser zu halten, übernimmt sie einen weiteren Lehr­auftrag an der Universität Erlangen und beantragt Beihilfe für ihre Habilitation. Dass eine junge Frau an einer Hochschule selbständig lehrt, sorgt jedoch für Irritationen. In einem Schreiben von 1951 gibt der Vizepräsident der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der heutigen DFG, zu bedenken, es sei ein „organisatorische[r] Schaden[…], dass eine solche noch dazu weibliche junge Nachwuchskraft allein, ohne die Aufsicht und Leitung eines erfahrenen Institutsdirektors an einer Hochschule dozierend tätig sei.“ Er warnt vor einer „Gefahr“ für die Ausbildung der bayerischen Geografen. Höhls direkte Vorgesetzte und ihr ehemaliger Doktorvater sehen das zum Glück anders. Als ein Professor eingestellt werden soll, um ihre Vorlesungen zu übernehmen, setzen sie sich dafür ein, dass Höhl bleibt. Dem Professor wird abgesagt.

Allein unter Männern

1959 kann Höhl sich endlich habilitieren, sechs Jahre später folgt der Ruf auf den Lehr­stuhl für Physische Geographie und Länder­kunde der Wirtschafts­hochschule Mannheim. Mehrere Jahre ist sie die einzige Frau an der Fakultät. 1969 kommt Rosmarie Günther hinzu. Als Günther 1976 akademische Rätin wird, sind zumindest zwei Frauen im Fakultäts­rat der Fakultät für Geschichte und Geographie vertreten – einfach ist es für beide dennoch nicht. 

Unter den Studierenden eilt Höhl ein bestimmter Ruf voraus: „Sie wirkte sehr diszipliniert und streng auf uns, wenig nahbar“, erinnert sich Ilse Page-Schlichenmaier, die als Studentin an mehreren Exkursionen mit Gudrun Höhl teilgenommen hat. „Sie konnte forsch sein“, erzählt auch Rosmarie Günther, „war aber auch sensibel.“ Ersteres sei angesichts der damaligen Verhältnisse kaum verwunderlich. „Das waren die Zeiten, in denen die Männer im Fakultäts­rat über unsere Beiträge hinweggingen und lieber mit anderen Männern weiterdiskutierten. Sicher haben viele Frauen ihr Verhalten angepasst“, so Günther. Vielleicht ist es auch Höhls Auftreten, das dazu beiträgt, dass sie später Dekanin der Fakultät wird. Eine andere Seite hat sie jedoch auch: Gudrun Höhl tanzt gern – beim Rektorball am liebsten mit Hans Raffée.

Zwischen Lehr­amt und Wissenschaft

Ein Jahr nach Höhl wird eine zweite Frau berufen: Elfriede Höhn. Auch ihr Weg ist alles andere als geradlinig. 1915 in Freudenstadt als Tochter eines Landwirts geboren, schlägt sie zunächst eine sichere Laufbahn ein und arbeitet nach dem Lehr­amtsstudium mehrere Jahre als Volksschullehr­erin. Erst 1941 entscheidet sie sich für ein Studium der Psychologie und Neophilologie, zunächst in Marburg, dann in Tübingen. 1946 legt sie sowohl ihre Promotion als auch die wissenschaft­liche Prüfung zum Lehr­amt an höheren Schulen ab.

Wann Höhn weiß, dass sie Professorin werden möchte, ist nicht belegt. Neben ihrer wissenschaft­lichen Arbeit absolviert sie ein Referendariat und bildet staatliche Hilfsschullehrer aus. Doch auch in Tübingen fehlt es nach 1945 an unbelasteten Professoren. Höhn wird – wie Höhl – früh zur tragenden Figur: Acht Jahre lang ist sie die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin des Psychologischen Instituts. Sie lehrt, forscht – und übernimmt Verantwortung.

Durchbruch nach Jahren

Der Weg zur Professur ist dennoch steinig. Ein erstes Habilitations­verfahren scheitert 1954. Ein Mitglied der Kommission hält sie für „widerborstig“ und ist überzeugt, als Wissenschaft­lerin tauge sie nicht. Zudem sei eine Frau im Lehr­körper „der Anfang allen Übels“. Für Höhn ist dies wohl der größte Rückschlag ihres Lebens. Entmutigen lässt sie sich jedoch nicht. Ihre abgelehnte Habilitations­schrift wird veröffentlicht – und stärker rezipiert als viele andere Beiträge ihres Fachs.

1966 habilitiert sich Höhn mit der Schrift Der schlechte Schüler, die rasch zum Standard­werk der Pädagogischen Psychologie wird. Im selben Jahr folgt der Ruf auf den Lehr­stuhl für Erziehungs­wissenschaft und Pädagogische Psychologie der Wirtschafts­hochschule Mannheim. Höhn prägt die Universität weit über ihr Fach hinaus: als Mitglied der Grundordnungs­versammlung und des Senats, als Dekanin und 1976 als erste Prorektorin der Universität Mannheim. Sie setzt sich für studentische Kinderbetreuung, psychologische Beratung und das Gasthörendenstudium ein. 1985 erhält sie als erste Frau die Universitäts­medaille.

Pionierinnen mit Nachhall

Gudrun Höhl und Elfriede Höhn waren ihrer Zeit voraus – und lange allein. Auch nach ihren Berufungen blieb der Aufstieg von Frauen in Mannheim die Ausnahme. Erst 1987 wurde mit Barbara Hopf wieder eine Frau auf einen Lehr­stuhl der Universität berufen. Ihre Geschichten zeigen, wie viel Einsatz und Beharrlichkeit nötig waren, um sich als Frau im Wissenschafts­betrieb dieser Zeit durchzusetzen – und wie wichtig es war, dass sie damit den Anfang gemacht haben.

Text: Linda Schädler / April 2026


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