„Die Entscheidung für Mannheim war die beste, die ich treffen konnte“

Tülay Yavuz stammt aus der Türkei und hat 2003 ihr Bachelor­studium der Recht­wissenschaften an der Yeditepe Universität in Istanbul abgeschlossen. Anschließend war sie viele Jahre als Rechts­beraterin tätig, bevor sie sich 2020 für ein Studium des Master of Comparative Business Law (MCBL) an der Universität Mannheim entschied. Wie es zu dieser Entscheidung kam und wie es sich anfühlt, nach fast 20 Jahren Berufs­tätigkeit wieder Studentin zu sein, verrät Tülay in ihrer myUniMA story.

Warum hast du dich ursprünglich für ein Jurastudium entschieden?

Ich habe mich dafür entschieden, weil ich seit meinem sechsten Lebens­jahr Anwältin werden wollte. Damals hat mich meine Mutter zu vielen Gerichtsterminen mitgenommen, da es nach dem Tod meines Großvaters einige Rechts­streitigkeiten gab. In dieser Zeit habe ich gesehen, wie viele Sorgen sich meine Mutter macht und deshalb beschlossen, Anwältin zu werden, um Menschen wie ihr zu helfen.

Was hast du nach deinem Bachelor­abschluss gemacht?

Ich habe in verschiedenen Branchen gearbeitet, war beispielsweise für Kanzleien, Automobilkonzerne oder Kosmetikhersteller tätig. In all diesen Positionen habe ich gelernt, niemals aufzugeben und auf mich selbst zu vertrauen. Als ich in der Türkei bei einem Technologiekonzern als leitende Rechts­beraterin angefangen habe, hatte ich beispielsweise nur zwei Monate Zeit, mich in alle Regularien zur erneuerbaren Energie einzuarbeiten. Ich habe anfangs an mir gezweifelt, mich dann aber gewissenhaft eingearbeitet und wurde einige Jahre später aufgrund meiner Expertise von der türkischen Niederlassung einer deutschen Firma abgeworben. Dort war ich dann fast zehn Jahre lang als Leiterin der Rechts­abteilung tätig und habe viele Gerichtsprozesse erfolgreich abgewickelt. Ich habe meine Arbeit immer sehr gerne gemacht, habe mir dann aber mit dem Jurastudium in Deutschland einen lang gehegten Traum erfüllt.

Wie kam es zu diesem Traum?

Durch meine Arbeit für deutsche Unternehmen hatte ich oft direkten Kontakt zu deutschen Kolleg*innen. Dabei hat mich deren strukturierte Arbeits­weise sehr begeistert: Im Vergleich zu türkischen Arbeits­abläufen waren alle Vorgehensweisen genau definiert und wurden gewissenhaft protokolliert. Es war immer klar, welche Prozesse an einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen sind. Ich wusste, dass ich meinen Master problemlos in der Türkei machen konnte, aber das wäre mir zu einfach gewesen. Ich wollte mich herausfordern und habe mich für Mannheim entschieden, weil ich die umliegende Region durch Arbeits­reisen kannte und mich das Studien­programm der Universität gereizt hat. Die Universität genießt einen sehr guten Ruf und mir gefiel die Möglichkeit, sich während des Studiums auf Teil­bereiche spezialisieren zu können, da Jura-Master­studien­gänge in der Türkei oft nur sehr allgemein gehalten sind. Die Entscheidung für Mannheim war die beste, die ich treffen konnte. Ich fühlte mich hier so schnell zu Hause, als hätte ich einen Teil meiner Seele gefunden.

Wie fühlt es sich an, mit so viel Berufserfahrung noch einmal Studentin zu sein?

Ich habe viel neues Wissen aus den Lehr­veranstaltungen mitgenommen, weil ich mich auf die Themengebiete spezialisiert habe, die mich interessieren. Gleichzeitig konnte ich aber auch viel von meiner Erfahrung einbringen, Beispiele aus der Arbeits­praxis anführen oder Unterschiede zwischen den internationalen Rechts­systemen aufzeigen, die den Dozierenden gar nicht bekannt waren. Ich hatte den Eindruck, dass meine Expertise sehr interessant für sie war und dass wir voneinander gelernt haben. Außerdem hat mich die digitale Infrastruktur sehr beeindruckt, dass man beispielsweise via E-Mail über wichtige Ereignisse informiert wird oder über die Plattform ILIAS alle Studien­inhalte online einsehen kann. Als ich 1998 mein Jurastudium angefangen habe, war das natürlich alles anders. Eine Angewohnheit von damals habe ich aber beibehalten: In den Vorlesungen habe ich immer von Hand mitgeschrieben, so wie früher, während meine Kommiliton*innen alles in ihren Laptops notiert haben (lacht).

Du bist extra in ein Studierenden­wohnheim gezogen, um das „richtige“ Unileben kennenzulernen. Was hast du dort für Erfahrungen gesammelt?

Ich habe mit sechs Studierenden zusammengelebt und mich dort sehr wohlgefühlt, obwohl ich teilweise mehr als doppelt so alt war wie sie. Wir haben uns „dormily“ genannt, in Anlehnung an die englischen Wörter „dorm“ und „family“, weil wir uns so gut verstanden haben. Wir haben viele Partys und Spieleabende veranstaltet und waren füreinander da. Eine meiner Mitbewohnerinnen hat mir beispielsweise dabei geholfen, Deutsch zu lernen. Da ich mein Master­studium beendet habe, bin ich momentan auf Wohnungs­suche, aber ich werde meine Zeit im Wohnheim und meine Mitbewohner*innen sehr vermissen.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich möchte gerne in Deutschland bleiben. Ich mag, dass ich so viele neue Dinge ausprobieren kann und mir gefällt die deutsche Mentalität, die rationale Herangehensweise und Strukturiertheit. Ab einem gewissen Alter braucht man diese Stabilität und Planungs­sicherheit (lacht). Aktuell arbeite ich noch als Hilfskraft am Institut für Sport. Das passt zu mir, weil ich sehr viel Sport treibe. Zukünftig möchte ich gerne in einer deutschen Firma arbeiten und meine jahrelange Expertise dort einbringen. Vielleicht finde ich auch einen Weg, mein Wissen an jüngere Menschen weiterzugeben, das würde mir ebenfalls viel Freude bereiten.

Text: Tina Ratajczyk / August 2023