Yijiao Li trägt einen hellgrauen Anzug und ein weißes Hemd.

„Als ich die Zusage der Universität Mannheim bekam, habe ich nicht gezögert.“

Nach seinem Germanistik-Studium in China entscheidet sich Yijiao Li aus Peking, noch einen Bachelor in Betriebs­wirtschafts­lehre an der Universität Mannheim dranzuhängen. Hier engagiert er sich nicht nur an der Uni, sondern pflegt nebenher auch seine künstlerisch kreativen Interessen als Musiker und Model. In einem Gespräch erzählt er von seinem Weg nach Mannheim sowie den Erfahrungen als internationaler Student.

Warum hast du dich für ein Studium an der Uni Mannheim entschieden?

Die Entscheidung, in Deutschland zu studieren, war sehr naheliegend, da ich in China bereits Germanistik studiert hatte. Germanistik war zwar nicht meine erste Wahl gewesen, dennoch passte das Fach zu mir, da verschiedene Familien­mitglieder einige Zeit in Deutschland gelebt haben. Schon damals hatte ich also eine Verbindung zu der Sprache und dem Land. Dadurch konnte ich von einem großen sprachlichen Vorsprung profitieren. Trotzdem wollte ich in Deutschland mein Studien­fach wechseln und entschied mich für BWL. Leider ist es in Deutschland kaum möglich, für einen Master das Hauptfach zu wechseln. Deswegen habe ich mich für einen zweiten Bachelor in BWL entschieden. Sicher, ein Master hätte dem linearen Konzept entsprochen, aber ich wollte mich eher auf meine tatsächlichen Fähigkeiten konzentrieren als auf einen optimierten Lebens­lauf.

Warum ist deine Wahl letztendlich auf BWL gefallen?

In BWL vereinen sich meine persönlichen Anlagen mit interessanten Inhalten und aussichtsreichen Perspektiven. Mein Interesse an wirtschaft­lichen Themen wurde schon früh von meiner Mutter unterstützt. Einmal gab sie mir sogar Taschengeld, damit ich es auf dem Aktien­markt investiere. Dabei habe ich bereits als Kind erleben können, wie relevant Wissen um finanz­ielle Themen ist. Natürlich ist BWL so viel mehr als Investment, es ist wirklich eine umfassende, perspektivenreiche Ausbildung, die dich auch als Person voranbringt. Zusätzlich sichert mir BWL eine Karriere und gibt mir gleichzeitig die Möglichkeit, meinen Hobbys, insbesondere der Musik, nachzugehen. Die Universität Mannheim ist die beste staatliche Universität für BWL in Deutschland, die Entscheidung lag hier also auf der Hand: Als ich die Zusage bekam, habe ich nicht gezögert. Es gab für mich keinen Grund, andere Universitäten in Betracht zu ziehen.

Du bist Vorsitzender des Vereins Chinesischer Studierender und Wissenschaft­ler an der Universität Mannheim. Wie erlebst du die chinesische Community an der Uni Mannheim?

Als ich vor vier Jahren aus China hierherkam, war mein Deutsch akzeptabel, aber ich hatte Schwierigkeiten, mich in die Kultur einzufügen. Wie die Leute kommunizieren und sich verhalten – alles war neu für mich. Am Anfang meines Aufenthalts in Mannheim schickte der Verein allen neuen chinesischen Studierenden Broschüren mit vielen hilfreichen Tipps zum Studium und Leben in Mannheim. Sie gaben mir das Gefühl, willkommen zu sein. Jetzt fühle ich mich wohl in Deutschland und möchte den neuen Studierenden den gleichen herzlichen und sicheren Empfang bereiten, den ich erfahren habe. Ich bin seit zwei Jahren Präsident des Vereins und seither haben wir mehrere Veranstaltungen für die Vernetzung der Studierenden organisiert. Letzten Monat waren wir Lasertag spielen und Kartfahren. Außerdem haben wir eine „Back to Uni“-Party organisiert, bei der wir nicht nur chinesische Studierende willkommen hießen, sondern alle, die sich für unsere Kultur interessieren oder einfach nur eine gute Zeit haben wollten. Dieses Jahr nahmen daran über 100 Personen teil.

Was sind die größten Unterschiede im Studium, wenn du China und Deutschland vergleichst?

Der offensichtlichste Unterschied besteht in der Unterrichtsform. In China ist alles in feste Unterrichtsklassen aufgeteilt, in der man jede Veranstaltung besucht. Hier in Deutschland habe ich die Freiheit, meinen Stundenplan selbst zu gestalten und die Kurse setzen sich immer aus unterschiedlichen Teilnehmenden zusammen. Zudem bekommen Studierende in China keine drei Chancen, um eine Prüfung zu bestehen, wie es teilweise in Mannheim möglich ist. Diese neuen Umstände machen das Studium für mich, aber auch für meine chinesischen Kommiliton*innen, flexibler. Ein weiterer Punkt ist die Wohnsituation. In China habe ich mein Zimmer im Wohnheim mit zwei anderen Studierenden geteilt, in Deutschland ist es Standard, ein komplett eigenes Zimmer zu mieten. Der Ortswechsel gab mir also im wahrsten Sinne des Wortes mehr Raum für meine individuelle Entfaltung.

Neben deinem Studium beschäftigst du dich mit Musik und arbeitest als Model. Wie kam es dazu und was macht dir dabei besonders Spaß?

Ungeachtet dessen, wann man sie entdeckt, glaube ich, dass jede*r eine Aufgabe im Leben hat. Für mich ist das die Musik. Ich spiele Gitarre und singe. Ich selbst würde meinen Musikstil als Indie-Pop bezeichnen, aber auch Jazz, Rock und viele andere Genres beeinflussen mich. Seit einigen Monaten bin ich außerdem Teil eines Projekts zur elektronischen Musikproduktion. Meine ausgeprägte Leidenschaft für die verschiedensten Musikgenres hat mir gezeigt, wie ich für das Musizieren brenne und, dass es mir mehr bedeutet als nur ein Hobby. Auf der Bühne fühle ich mich wie elektrisiert und spüre, dass ich meinen Platz gefunden habe. Das Modeln hingegen ist eher zufällig passiert und wäre ohne die Uni Mannheim nicht gekommen. Vor über zwei Jahren habe ich aus Spaß an einem Fotoshooting für die Uni-Website teilgenommen und die Fotografin sagte mir danach, dass ich das Potenzial hätte zu modeln. Das kam vollkommen überraschend, denn Modeln war bis dahin nie eine Option für mich gewesen. Sie leitete mich an mehrere Agenturen weiter und nach meiner Bewerbung wurde ich unter Vertrag genommen. Im Endeffekt war dieses Fotoshooting der Startschuss zum besten Nebenjob, den ich je hatte. Es macht mir sehr viel Spaß, vor der Kamera zu stehen und unterschiedliche Persönlichkeiten und Emotionen zum Ausdruck zu bringen.

Inwiefern hat das Leben und Lernen in Mannheim deine Einstellungen zu Studium und Beruf geprägt?

Als ich anfing, BWL in Mannheim zu studieren, wollte ich mich ursprünglich auf Finanzen spezialisieren. Die ersten beiden Jahre war ich auch im Mannheimer Investmentclub engagiert, wo wir sogar an internationalen Wettbewerben teilnahmen. Obwohl ich dies als eine mögliche Chance sah, spürte ich, dass mein Leben in eine andere Richtung gehen sollte. In Mannheim lernte ich, was die Deutschen „freie Entfaltung“ nennen. Kulturell gesehen hat mich Deutschland in gewisser Weise „cooler“ gemacht. Außerdem bin ich in fast allen Bereichen meines Lebens unabhängiger geworden. Als internationaler Studierender gibt es keine Familie in der Nähe, die mir helfen könnte – ich muss alles selbst in die Hand nehmen. Seitdem ich das Hochschul­sport­programm regelmäßig nutze, bin ich auch körperlich stärker geworden.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Die Zeit meines Bachelors möchte ich nutzen, um meine Möglichkeiten in Deutschland weiter auszuloten: neue Kulturen kennenlernen, reisen oder meine Modelkarriere ausbauen – ich habe das Gefühl, dass Mannheim noch viele Erfahrungen für mich bereithält. Wie es danach weitergeht, wird sich zeigen. Ich habe das Gefühl, es gibt noch viel, was ich entdecken kann.

Text: Clara Schünemann / November 2023