Studie zu Überlebenden sexueller Gewalt kommt zu verblüffendem Ergebnis

Die Studie zweier Politik­wissenschaft­ler aus Mannheim und Bergen in Norwegen zeigt, dass – anders als bisher angenommen – Überlebende sexueller Gewalt sich nach der Tat mehr in lokalen Gemeinschaften engagieren als zuvor.

Sexuelle Gewalt ist in den meisten Kriegen und Konflikten weltweit ein großes Problem – etwa in Bürgerkriegskonflikten in Afrika und Südostasien. Besonders für Frauen und Kinder ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie in irgendeiner Form sexuelle Gewalt erleben. Das wiederum führt oft zu Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen aus der Gemeinschaft. Prof. Dr. Richard Traunmüller von der Universität Mannheim und sein Kollege Prof. Dr. Carlo Koos von der Universität Bergen in Norwegen haben über 10.000 Interviews mit Betroffenen geführt, um zu untersuchen, wie sich Opfer sexueller Gewalt nach der Tat verhalten.

Bisher kamen Forschungs­literatur, NGOs und internationale Organisationen zu dem Schluss, dass Überlebende sexueller Gewalt hilflos sind und sozial marginalisiert und ausgegrenzt werden. Traunmüller und Koos haben jedoch den gegenteiligen Effekt festgestellt: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Überlebende oft resiliente und selbstbestimmte Individuen sind, die sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen und ihre Stigmatisierung abwenden.“ Sie würden sich im Durchschnitt stärker in ihren Gemeinschaften engagieren und sind eher Mitglieder in lokalen Vereinen. Als Grund dafür sehen die Forscher vor allem den Versuch der Betroffenen, ihrem Stigma entgegenzuwirken, indem sie einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten und sich in Form von bürgerschaft­lichem Engagement einbringen.

Die Bedeutung der Gemeinschaft
Besonders in Ländern, in denen der Staat keine Sicherheit, öffentliche Leistungen oder ein funktionierendes Justiz­system gewährleisten kann, bleibt die dörfliche Gemeinschaft als einziger Rückzugsort für Überlebende sexueller Gewalt. Oft ersetzen diese Gemeinschaften auch den Staat auf lokaler Ebene. Um nicht aus dieser Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, bemühen sie sich umso mehr, sich wieder in ihr soziales Umfeld und ihre soziale Gruppe einzugliedern. Forschungen in der Sozialpsychologie stützen diese Annahme.

Eine neue Methode
Für ihre Studie befragten Traunmüller und Koos Betroffene in drei verschiedenen Ländern: der Demokratischen Republik Kongo, Liberia und Sri Lanka. Dabei setzen sie auf eine neue Methode der Befragung, bei der die Anonymität der Befragten an oberster Stelle stand. „Das Haupt­problem bei der Erforschung von sexueller Gewalt ist das 'underreporting', das heißt das wahre Ausmaß wird unterschätzt, weil die Opfer aus Scham oder Furcht über ihre Gewalterfahrung schweigen. Unsere experimentelle Fragemethode umgeht dieses Problem, weil sie eine indirekte Schätzung liefert – ohne dass sich die Befragten direkt offenbaren müssten“, erklärt Traunmüller. Durch die neue Methode der sogenannten „Listenbefragung“  verdoppelte sich die Anzahl der Menschen, die bereit waren über die erfahrene sexuelle Gewalt zu sprechen. Dabei wird den Befragten eine Liste von Erfahrungen vorgelegt, in der sie nur die Gesamtzahl der erlebten Erfahrungen angeben müssen, aber nicht welche. Anschließend wird der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Anzahl der so gesammelten Punkte und der durchschnittlich von einer Kontroll­gruppe angegeben Anzahl ermittelt.

Laut der Forscher könnte die neue Art der Befragung eine sehr wichtige methodische Innovation sein, die Aus­wirkungen auf die Erhebung von Statistiken zu Vergewaltigung, häuslicher Gewalt und Mobbing, nicht nur in Krisengebieten, haben könnte. „Unsere Methode ist bereits auf sehr großes Interesse gestoßen – etwa bei USAID, der amerikanischen Behörde für internationale Entwicklungs­arbeit, oder UNU-WIDER, einem Institut der Vereinten Nationen, welches im Bereich der Politik­beratung und internationalen Entwicklung tätig ist“, merkt Traunmüller an.

Link zur Studie:
Koos, C., Traunmüller, R. The gendered costs of stigma: How experiences of conflict-related sexual violence affect civic engagement for women and men. onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ajps.12863

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