Verschiedene bunte Comicköpfe sind oben und unten in zwei Reihen zu sehen. Dazwischen steht: Fit für die Zukunft. Die Forschungsstrategie der Uni Mannheim.

Fünf Jahre Drama – und kein Ende in Sicht

Was haben Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, Hamlet und Faust gemeinsam? Nicht nur sind alle drei weltberühmte Theaterstücke, auch wurden sie in jüngster Vergangenheit auf Mannheimer Bühnen aufgeführt. Das Unitheater hat es sich zur Aufgabe gemacht, neben modernen Stücken auch alte Werke neu zu inszenieren – und begeistert damit ein immer größer werdendes Publikum.

Punkt 19 Uhr wird es dunkel im Saal der Mannheimer Abendakademie. Mephisto betritt die Bühne, blickt teuflisch durch die Reihen des Publikums, zückt eine Zigarette und beginnt, mit Gott zu sprechen. Sie trägt einen knallroten Hosenanzug, Lippenstift, an ihren Ohren baumeln Ohrringe in Form von Chilischoten. Sie? Richtig gelesen: Das Mannheimer Unitheater bringt Johann Wolfgang von Goethes weltbekannte Tragödie rund 200 Jahre später in einer zeitgenössischen Fassung auf die Bühne. Fa(u)st Forward: gleiche Geschichte, moderne Inszenierung.

Die weibliche Besetzung der im Originaltext männlichen Rolle bleibt bei insgesamt vier ausverkauften Vorstellungen im Mai 2026 nicht die einzige Über­raschung, denn: Mephisto wird von gleich zwei Mannheimer Studentinnen gespielt. Lucia Frackenpohl Fuentes und Marla Klein teilen sich die Rolle, stehen mal zusammen, mal nacheinander auf der Bühne, verführen abwechselnd Professor Faust – kurzum: Sie ergeben zusammen ein teuflisches Duo. „Uns gefällt das gemeinsame Schauspielern sehr. Jede von uns spielt die Figur auf ihre eigene Art, was es besonders spannend macht“, beschreibt Frackenpohl Fuentes ihre Erfahrungen.

Walpurgisnacht wird Techno-Rave

Die Idee hinter der Neuinterpretation von Goethes Werk stammt von Regisseurin Christine Heinzel, die seit 2019 das Mannheimer Unitheater leitet (→ mehr zu ihr lesen Sie in unserem Ein Wiedersehen mit …). „Bei William Shakespeares Drama Hamlet hatte ich zum ersten Mal die Über­legung, einen Klassiker in die heutige Zeit zu übertragen, ohne dabei die Story zu ändern“, blickt sie auf das vorherige Projekt zurück. „Das ist an manchen Stellen gar nicht so einfach.“

Unter anderem deshalb sind die Stücke mittlerweile Co-Produktionen von Heinzel und den Schauspieler*innen: „Wir unter­stützen sie gern dabei, die Handlung zu modernisieren und Teile der Dialoge in Jugendsprache umzuschreiben“, erklärt Frackenpohl Fuentes, die am Faust-Text mitgearbeitet hat. Zudem komme es vor, dass den Akteur*innen beim Proben spontane Pointen einfallen, die nicht nur für einen Lacher sorgen, sondern die sie auch gern mal ins finale Skript übernehmen.

So auch bei der Inszenierung von Faust: Während einige von Goethes weltberühmten Zeilen unverändert bleiben, werden Gretchen und Marthe zu WG-Mitbewohnerinnen und die Walpurgisnacht entpuppt sich als Techno-Rave. Doch nicht nur deswegen ist die diesjährige Aufführung für das Unitheater etwas Besonderes: Das Stück wurde vom Kultus­ministerium des Landes Baden-Württemberg als „Projekt mit besonderer gesellschaft­licher Relevanz“ ausgezeichnet – passend zum fünfjährigen Bühnenjubiläum des Theaters.

Premiere zwei Jahre verschoben

„Unsere erste Aufführung war eigentlich für 2020 geplant, nachdem es rund 15 Jahre gar keine deutsche Theater­gruppe mehr an der Uni gab“, erzählt Heinzel, die auch die Idee für die Neugründung des Unitheaters hatte. Doch die Corona-Pandemie machte ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung: Das erste Stück – die Komödie Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Joachim Meyerhoff – feierte erst 2022 Premiere. „Leider bedeutete das auch, dass das ursprüngliche Ensemble nie auf der Bühne stand“, bedauert die Regisseurin.

Frackenpohl Fuentes hingegen war Teil des ersten „Bühnen-Ensembles“. Die Psychologie-Studentin besuchte bereits in der Schulzeit Theaterkurse, stand dort aber pandemiebedingt ebenfalls nicht auf der Bühne. „Als ich 2021 nach Mannheim kam und erfahren habe, dass es hier ein Unitheater gibt, habe ich sofort den Kontakt gesucht“, erinnert sie sich. Auf ihre erste Rolle als Großmutter in Meyerhoffs Komödie folgten nach zweijähriger Pause prompt zwei Hauptrollen: Hamlet und Mephisto.

Die Liebe zur Schauspielerei merkt man der 23-Jährigen schnell an. „Ich mag es total, mich immer wieder neu zu entdecken, wenn ich mich in Rollen hineindenke und -fühle. Haben wir nicht alle einen kleinen Mephisto in uns, der auch mal etwas nicht ganz so Legales machen möchte?“, fragt sie lachend. Texte lernen falle ihr ebenfalls nicht schwer: „Das mache ich gern nebenbei – zum Beispiel halte ich dramatische Monologe, während ich meine Wohnung putze.“

Mehr als nur Schauspielern

Dass dahinter eine ganze Menge Arbeit steckt, zeigt auch ein Blick auf die Vorbereitungs­zeit: Knapp ein Jahr vergeht von der Entwicklung des Skripts in den Semesterferien über Casting und Recall im Herbst bis zur Aufführung im Mai. Dazwischen finden wöchentliche Proben am Montagabend sowie drei Probenwochenenden statt. Neben rund zehn Spieler*innen im Ensemble sind beim Unitheater auch Studierende aktiv, die sich um Licht- und Tontechnik und die Regieassistenz kümmern. „Außerdem übernehmen alle Schauspieler*innen noch eine zusätzliche Aufgabe, beispielsweise Programmheft und Plakate entwerfen oder den Ticketverkauf organisieren. Ich war in diesem Jahr für das Bühnenbild zuständig“, ergänzt Frackenpohl Fuentes.

Umso größer ist die Freude über den Erfolg des Unitheaters, dessen Vorstellungen von Anfang an ein breites Publikum begeistert haben. „Schon 2022 im Theaterhaus G7 waren alle vier Termine ausverkauft. In diesem Jahr hatten wir in der Abendakademie 100 Plätze pro Aufführung – und trotzdem waren die Tickets schnell weg“, erzählt Heinzel. Also beim nächsten Mal ein noch größerer Saal? „Lieber nicht“, sagt sie und begründet: „Je kleiner der Raum, desto intensiver das Erlebnis. Spätestens ab der elften Reihe hat man einen so großen Abstand zur Bühne, dass Details verloren gehen.“

Eines steht aber bereits jetzt fest: Das Unitheater möchte weitere Klassiker in das heutige Zeitalter übertragen. Die Fans dürfen also gespannt sein, was 2027 auf Hamlet Reloaded und Fa(u)st Forward folgen mag.

Text: Jessica Scholich / August 2026

Info-i

Für die nächste Spielzeit sucht das Unitheater wieder neue Schauspieler*innen sowie eine*n Lichttechniker*in. Der Infoabend findet am 14. September, der Schauspiel- und Aufnahmeworkshop am 20. September 2026 statt. Theatererfahrung ist nicht erforderlich. Zudem bietet das Unitheater einen Impro-Workshop im Rahmen des Uni-Fests am 12. September an. Weitere Infos gibt es auf der Webseite des Unitheaters.


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