Pausen für den Kopf
Mentale Gesundheit geht alle etwas an – damit das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt, hat BWL-Absolvent Josia Beshay einen Spendenlauf absolviert: 1.000 Kilometer in 20 Tagen.

Immer am Meer entlang: Von Nizza nach Barcelona, in drei Wochen. Was sich nach einer idyllischen Strecke für einen Roadtrip anhört, ist die Route, die Josia Beshay im Mai 2026 zu Fuß in einem Solo-Ultralauf bewältigt hat. 20 Tage lief er täglich im Schnitt 50 Kilometer, mehr als einen Marathon pro Tag. „Jeden Tag bin ich acht Stunden gelaufen und das, wo ich Laufen früher so gehasst habe“, sagt der 23-Jährige und schüttelt selbst etwas ungläubig den Kopf.
Es ist Ende Mai, Beshay ist den ersten Tag wieder zurück in der Heimat. Entspannt sitzt er in einem Bielefelder Café, die müden Beine dürfen sich regenerieren und baumeln jetzt einfach unterm Tisch. Wenn er die vergangenen drei Wochen schildert, dann tut er das sehr eindrücklich: Die Schmerzen (ab Tag zwei ist eine Sprunggelenksehne entzündet), die Zweifel („bis zuletzt war ich nicht sicher, ob die 1.000 Kilometer machbar sind“), aber auch die Liebe zum Projekt („mir haben so viele Menschen ihre Geschichten erzählt“) und der Stolz auf das Erreichte klingen in jedem Satz mit. „Finding P(e)ace“ hat er sein Spendenlauf-Projekt genannt, das Ziel: Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit bei Jugendlichen zu schaffen und Spenden für das Depressions-Präventionsprogramm der gemeinnützigen Organisation Mental Health Initiative (MHI) zu sammeln.
Die Idee zum Spendenlauf wuchs während des Studiums gewachsen: Im zweiten Semester in Mannheim kommt Beshay erstmals mit dem Thema Depressionen in Berührung, als er ein Buchmanuskript Probe liest. Von der Traumkarriere zu starken Depressionen vom einen auf den anderen Tag – die autobiografischen Schilderungen des Autors beschäftigen den jungen Studenten. Als dann ein Suizid im erweiterten Bekanntenkreis hinzukommt, beginnt er sich noch mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Statistiken schockieren ihn: In Deutschland kämpfen 9,5 Millionen Menschen mit Depressionen, Suizid ist die häufigste Todesursache von unter 25-Jährigen. „Da wusste ich, ich möchte ein Projekt starten, das auf dieses Thema aufmerksam macht“, erklärt Beshay seinen Antrieb und fügt rasch hinzu: „Trotzdem muss ich gestehen, dass dieser Ultralauf zunächst nicht mehr als eine Schnapsidee war, die dann zu etwas Größerem wurde.“

Laufen? Liebe auf den zweiten Blick
Vor einem Jahr noch lag nämlich die längste Distanz, die er am Stück gelaufen ist, bei 28 Kilometern. Und überhaupt: Das Laufen und er, das sei ohnehin keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Als jugendlicher Fußballer bei Arminia Bielefeld habe er nichts so sehr gehasst, wie wenn sein Trainer ihm für die Sommerpause Lauftraining verordnete. Erst in Mannheim, im Studium kam der Spaß am Laufen, als willkommene Abwechslung zum Lernen in der Bib. Im Auslandssemester in Australien spielte ein Mitbewohner aus Kopenhagen dann eine entscheidende Rolle: „Er hat mich ein bisschen mitgerissen, stand morgens um halb sechs vor meiner Tür, hat geklopft und gefragt, ob ich mitlaufen gehe“, erzählt Beshay lachend. „Da habe ich nochmal richtig Feuer fürs Laufen gefangen und in der Zeit auch viele Extremsport-Dokus geguckt, sodass die Idee des Spendenlaufs immer konkreter wurde.“
2025 hat der gebürtige Schweizer seinen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der Uni Mannheim abgeschlossen. In seinem Gap-Year vor dem Masterstudium absolviert er verschiedene Praktika und trainiert zudem nach einem sorgfältig recherchierten Trainingsplan bis zu 25 Stunden die Woche auf den Ultralauf hin: Eine Kombi aus Laufen, Kraftsport und Radfahren soll ihn optimal vorbereiten. Nebenher sucht er sich Sponsor*innen, plant die Strecke und beginnt, einen Instagram-Kanal zu betreiben.

In Intervallen zum Ziel
Anfang Mai ist es so weit: Mit einem gemieteten Camper, seinem Bruder und einem Freund als Begleitcrew geht es los. Immer am Meer entlang führt ihn die Laufroute von Nizza nach Barcelona, denn das Meer verbindet er mit Ruhe und Runterkommen. Schon an Tag zwei zwingt ihn eine entzündete Sehne allerdings dazu, komplett umzudenken. Es ist auf einmal unmöglich geworden, die geplanten Strecken durchzulaufen. Also beginnt Beshay damit, in Intervallen zu laufen: immer 300 Meter gehen, 700 Meter joggen. Und stellt fest: Er ist sogar schneller, als wäre er durchgelaufen! „Das war mein größtes Learning bei diesem gesamten Projekt und das lässt sich ja perfekt aufs Leben übertragen: Mit gezielten Pausen kommt man schneller ans Ziel und noch dazu ausgeruhter!“, fasst er zusammen.
9.547 Euro sind zusammengekommen, die Spenden werden von der Charity-Organisation MHI nun genutzt, um Jugendliche im kritischen Alter von 13 bis 17 Jahren für das Thema Depressionen zu sensibilisieren. Außerdem wurde der Ultraläufer von einer Kameracrew begleitet. Die Produktionsfirma plant, einen Dokumentarfilm in die Kinos zu bringen. Und Josia Beshay? Lange dürfen sich seine Beine nicht ausruhen, im September geht es fürs Masterstudium nach Lissabon, davor aber möchte er beim „Last Soul Ultra“ in der Nähe von Bonn starten und das wieder mit einer Spendenaktion verknüpfen.
Text: Jule Leger / August 2026
An der Universität Mannheim sind Sie nicht allein und es gilt: Wenn Kraft und Puste nachlassen – holen Sie sich Hilfe! Unsere Mitarbeitenden aus verschiedenen Einrichtungen stehen Ihnen in unterschiedlichen Bereichen zur Seite – mit Info-Sprechstunden, Coachings, Beratungen, Kursen und Workshops. Alle Infos zu unseren Angeboten finden Sie auf unserer Webseite Gesund studieren.



