Country-by-Country Reporting macht Steueroasen aber auch Hochsteuerländer weniger attraktiv

Das Country-by-Country Reporting (CbCR) zeigt Biss. Es dämmt die aggressive Steuervermeidung multinationaler Unter­nehmen ein und führt zu einem signifikanten Rückzug aus Steueroasen. Profitieren können von dieser Entwicklung jedoch hauptsächlich die europäischen Niedrigsteuerländer, denen Deutschland nicht zuzurechnen ist. Vornehmlich diese Niedrigsteuerländer ziehen reale Investitionen der Multis an. Zu diesen empirischen Ergebnissen kommen Unter­suchungen von ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschafts­forschung, Universität Mannheim und Stanford University.

Pressemitteilung vom 12. Juli 2019

Seit die OECD die Arbeit zur Vermeidung aggressiver Steuerplanung multinationaler Unter­nehmen im Rahmen des Base Erosion and Profit Shifting-Projekts (BEPS) aufgenommen hat, steht eine erhöhte Steuertrans­parenz immer wieder im politischen Fokus. Die Europäische Kommission ist den OECD-Vorschlägen für mehr Trans­parenz schließlich gefolgt. Sie hat mit der EU-Richtlinie 2016/881 die länder­bezogene Bericht­erstattung für multinationale Unter­nehmen, die konsolidiert mindestens 750 Millionen Euro Umsatz im Jahr ausweisen und in der EU entweder ihren Sitz oder zumindest eine Tochter­gesellschaft haben, verpflichtend eingeführt. Seit 2016 müssen betroffene Unter­nehmen den zuständigen nationalen Steuerbehörden im Rahmen des CbCR ihre Gesamtaktivität (u.a. Tochter­gesellschaften, Mitarbeiter, Gewinne, Steuerzahlungen) auf Länder­ebene in einem separaten Bericht aufschlüsseln. Ziel dieser erhöhten Steuertrans­parenz ist vor allem, aggressive Steuerplanung einzudämmen und internationalen Steuerbehörden eine bessere Über­prüfung der Verrechnungs­preis­strategien zu ermöglichen.

Wie Wissenschaft­ler/innen von ZEW, Universität Mannheim und Stanford University zeigen, haben die betroffenen Unter­nehmen in mehreren Dimensionen auf das verpflichtende CbCR reagiert. In ihren empirischen Unter­suchungen haben die Wissenschaft­ler/innen die Präsenz in Steueroasen und die wirtschaft­liche Aktivität in EU-Mitgliedstaaten von Unter­nehmen oberhalb und unter­halb der Grenze von 750 Millionen Euro verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass von CbCR betroffene Unter­nehmen ihre Präsenz in Steueroasen signifikant verringert haben. Gleichzeitig ist die Mitarbeiteranzahl der betroffenen Unter­nehmen in den zwei Jahren seit der Einführung von CbCR deutlich geringer gewachsen als die der nicht betroffenen Unter­nehmen. Außerdem suggerieren die Unter­suchungen, dass betroffene

Unter­nehmen ihre Realinvestitionen vermehrt in europäische Niedrigsteuerländer verlagern. Dies zeigen die niedrigeren Gewinnsteuersätze, denen die betroffenen Unter­nehmen im Schnitt gewichtet nach Kapitalanlagen und Mitarbeitern ihrer Tochter­gesellschaften ausgesetzt sind. In der Folge scheinen auch Steuerzahlungen seit 2016 vermehrt in Ländern anzufallen, deren Steuersatz in Europa unter dem Medianwert liegt.

„Die empirischen Er­kenntnisse zeigen erstmals die Effektivität von verpflichtendem Country-by-Country Reporting. Für die Steuerpolitik ergeben sich hieraus wichtige Implikationen“, sagt Prof. Dr. Christoph Spengel, Steuerexperte am ZEW und Professor an der Universität Mannheim. Die erhöhte Steuertrans­parenz verringert zwar ziel­gerecht aggressive Formen von Steuerplanung mittels Steueroasen. Allerdings scheinen Unter­nehmen mit der Verlagerung von Realinvestitionen auch in vom Gesetzgeber nicht antizipierter Weise zu reagieren. So ist zu erwarten, dass CbCR zu erhöhtem Steuerwettbewerb um unter­nehmerische Investitionen innerhalb Europas führen könnte. Zudem deuten geringere Wachstumsraten auf eine erhöhte wahrgenommene Steuerunsicherheit hin. Um dem entgegenzuwirken, müssten Gesetzgeber und Steuerverwaltungen multinationalen Unter­nehmen nachhaltig signalisieren, dass größere Steuertrans­parenz nicht in aggressivere Betriebs­prüfungen münden wird.

Der ZEW policy brief in englischer Sprache findet sich zum Download unter: http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/policybrief/en/pb05–19.pdf

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Marcel Olbert
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Prof. Dr. Christoph Spengel
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