Die aktuelle Krise verschärft die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeits­markt – kurzfristig

Die Mannheimer Ökonomin Prof. Michèle Tertilt und drei weitere Wirtschafts­wissenschaft­lerinnen und -wissenschaft­ler zeigen in ihrer neuen Studie, wie sich die Covid-19-Pandemie von den vergangenen Wirtschafts­krisen unterscheidet und warum sie sich vor allem auf die Beschäftigungs­möglichkeiten von Frauen negativ auswirkt.

Pressemitteilung vom 7. April 2020
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Weltweit sind derzeit mehr als 1,5 Milliarden Kinder – das sind über 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler – von Schulschließungen betroffen. Dies zeigt die aktuelle Unesco-Statistik. Dieser Zustand hat große Aus­wirkungen auf die gesamte Gesellschaft, dar­unter auch auf die bestehenden Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern: Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeits­markt wird sich dadurch verschärfen – zumindest kurzfristig. Auf lange Sicht könnte es jedoch einen kulturellen Wandel geben, von dem Frauen profitieren. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie von vier Wirtschafts­wissenschaft­lerinnen und -wissenschaft­lern, dar­unter die Mannheimer Ökonomin Prof. Michèle Tertilt.

Die Autoren zeigen in ihrer Studie die Konsequenzen der Krise aus der Perspektive der Gender-Forschung auf: Arbeitende Frauen werden im Laufe der Krise mit zusätzlichen Aufgaben konfrontiert und ihre Belastung steigt. Das liegt vor allem daran, dass sie sich zum großen Teil um die Kinder kümmern und die ausbleibende Schulbetreuung selbst kompensieren. Ihrer regulären Arbeit nachzugehen wird daher erschwert: Sie sind weniger flexibel und müssen ihre Arbeits­zeiten den Betreuungs­zeiten zuhause häufig anpassen. Besonders schlimm trifft es die alleinerziehenden Mütter.

Zum anderen sind die Arbeits­plätze vieler Frauen stärker von der Krise betroffen, als es bei Männern der Fall ist. Das unterscheidet auch den aktuellen wirtschaft­lichen Abschwung von früheren Rezessionen. In der Finanz­krise vor zehn Jahren beispielsweise verloren viel mehr Männer als Frauen ihren Arbeits­platz, weil die am stärksten betroffenen Bereiche von Männern dominiert waren. Dazu gehörten beispielsweise die Produktion und das Bauwesen. „Normale Krisen sind für Männer schlimmer als für Frauen“, sagt Prof. Tertilt. Doch diesmal sind Sektoren wie Gastronomie und die Reisebranche betroffen, in denen traditionell viele Frauen beschäftigt sind. Voraussichtlich werden also viel mehr Frauen als Männer ihre Arbeits­plätze verlieren, so die Autorinnen und Autoren der Studie. „Frauen trifft die aktuelle Krise wesentlich schlimmer als Männer“, fasst Tertilt zusammen.

Auf lange Sicht könnte die Coronakrise kulturelle Normen verändern und Frauen Vorteile verschaffen. Das hängt damit zusammen, dass aufgrund der Krise viele Menschen ihrer Arbeit von zu Hause nachgehen und die Möglichkeiten des Homeoffice nutzen. Die Unternehmen haben in die entsprechende Technologie investiert und sich auch von ihren Vorteilen überzeugt. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass selbst temporäre Entwicklungen wie diese anhaltende Effekte auf die Gesellschaft haben können. Deshalb rechnen die Wissenschaft­ler auch langfristig damit, dass die zusätzliche Flexibilität zumindest teilweise auch nach der Krise erhalten bleibt. Mütter würden von dieser neuen Flexibilität stark profitieren.

Weitere Chancen liegen in der Verteilung der unbezahlten Kinderbetreuung. Millionen von Männer sind derzeit im Homeoffice, während ihre Frauen weiterhin ihren Jobs in Krankenhäusern und Pflege­einrichtungen nachgehen – weil sie Vorort unentbehrlich sind. Viele Väter übernehmen daher zum ersten Mal in ihrem Leben die Betreuung ihrer Kinder zu Hause zu fast 100 Prozent – ein Paradigmenwechsel, der sich nachhaltig als game changer erweisen und „in der Rollenverteilung Normen ändern könnte“, so Tertilt.

Link zur Originalpublikation: http://tertilt.vwl.uni-mannheim.de/research/COVID19_Gender_Equality_March2020.pdf

Kontakt:
Prof. Michèle Tertilt, Ph.D.
Professur für Makro- und Entwicklungs­ökonomie
Universität Mannheim
Tel. +49 621 181-1902
E-Mail: tertiltmail-uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
Tel. +49 174 3146512
E-Mail: kaulmail-uni-mannheim.de