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Einsichten ins Krisen­management

Zwei Mannheimer Studien liefern Handlungs­empfehlungen für Führungs­kräfte

Pressemitteilung vom 11. Mai 2020
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Die Corona-Pandemie trifft Unternehmen auf der ganzen Welt mit ungeahnter Härte. Innerhalb kürzester Zeit rutschten die Märkte in eine starke Krise und Führungs­kräfte müssen nun versuchen, ihre Organisationen so gut wie möglich wieder auf Kurs zu bringen. 

Forscher der Universität Mannheim haben in zwei Forschungs­projekten das Verhalten von Unternehmen bzw. deren Führungs­mitgliedern in Krisenzeiten untersucht. Die Studien­ergebnisse können Praktikern helfen, in der Coronakrise die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Beide Arbeiten entstanden über internationale Kooperationen an der Fakultät für Betriebs­wirtschafts­lehre der Universität Mannheim. Für die erste Studie haben die Mannheimer Forscher sich mit Kollegen aus Deutschland sowie aus Asien (China) zusammengetan. In einem mehrjährigen Forschungs­projekt untersuchten sie, welchen Einfluss Selbstüberschätzung von Geschäftsführern auf ihr Handeln in Krisenzeiten hat. Von Selbstüberschätzung ist klassisch die Rede, wenn die handelnden Akteure ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und Ungewissheiten in Bezug auf die Auswirkungen ihres Handelns unterschätzen. Während eine derartige Veranlagung beispielsweise einen positiven Einfluss auf die Innovations­kraft von Unternehmen haben kann, zeigen die Studien­ergebnisse, dass selbstüberschätzende Geschäftsführer besonders schlecht in der Lage sind, ihr Unternehmen in Krisenzeiten wieder auf Kurs zu bringen. 

Krisensituationen stellen per se einen fundamentalen Gegensatz zu hohen Performanceansprüchen dar. Geschäftsführer, die zu Selbstüberschätzung neigen, versuchen, die Schuld auf ungünstige Einflüsse zu lenken oder die Dramatik der Situation her­unterzuspielen. Beides führt dazu, dass dieser Managertyp weiterhin vom Erfolg ihrer bisherigen Strategie überzeugt ist und daher eine geringere Notwendigkeit für Restrukturierungs­maßnahmen sieht. Im Endeffekt wird es ihm dadurch weniger gut gelingen, einen erfolgreichen „Turnaround“ des Unternehmens zu schaffen, sprich, die Organisation vor der Zahlungs­un­fähigkeit oder gar der Insolvenz zu bewahren.

Im Gegensatz dazu zeigt die Studie jedoch auch, dass Selbstüberschätzung zu Krisenzeiten durchaus positive Effekte auf den Restrukturierungs­erfolg haben kann: Stellt eine Firma zu Krisenzeiten einen neuen Geschäftsführer ein, der sich durch Selbstüberschätzung auszeichnet, wird dieser keinen Grund haben, die Ursachen der Krise zu verkennen und die Restrukturierung des Konzerns stattdessen besonders zielstrebig vorantreiben. Dies kann es Unternehmen ermöglichen, doch noch einen Turnaround herbeizuführen.

In der derzeitigen Lage scheinen die Er­kenntnisse dieser Studie über die Geschäftswelt hinaus relevant zu sein: Auch manchen Staatenlenkern scheint ein Hang zur Selbstüberschätzung nicht abzusprechen zu sein. Ihr zögerliches Handeln und die Verharmlosung des neuartigen Coronavirus könnte auf ihre ausgeprägte Selbstwahrnehmung zurückzuführen zu sein.

In einer zweiten Studie haben Mannheimer Forscher gemeinsam mit Kollegen mit Deutsch-Französisch-Amerikanischen Hintergründen untersucht, wie Familien­unternehmer (z.B. Ford), Gründerfirmen (z.B. Tesla) und professionelle, breit gehaltene Corporations (z.B. GE, Daimler, etc.) mit plötzlich auftretenden, existentiellen Krisenumgehen und wie sich das Verhalten der Unternehmens­lenker auf die getroffenen Maßnahmen, sowie letztlich die Unternehmens­leistung in der Krise auswirkt.

In ihrer Gesamtheit liefert die Studie mehrere wichtige Er­kenntnisse. Kerner­kenntnis ist, dass die jeweilige (soziale) Identität des Unternehmens­lenkers maßgeblich die Reaktion der Unternehmen auf die Krise prägt und die soziale Einbettung des Unternehmens wiederum bestimmt, wie diese Reaktion vom Umfeld aufgefasst wird.

Einerseits zeigt sich, dass Gründer im Vergleich zu professionell gehaltenen Unternehmen dazu neigen, in Krisen besonders weitreichende Gegenmaßnahmen zu treffen. Sie schießen damit häufig über das Ziel hinaus, sodass sie ihrem Unternehmen damit eher schaden als helfen. Die Forscher führen dieses Verhalten auf die besondere Bedeutung des Unternehmens für den Gründer zurück. Als Erbauer des Unternehmens scheinen Gründer alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um ihr Unternehmen zu retten. Dabei scheint die Wirtschaft­lichkeit der getroffenen Maßnahmen weniger wichtig zu sein als der grundsätzliche Erhalt des Unternehmens. Besonders schädlich wird diese Krisenreaktion mit zunehmendem Firmenalter. Dies führen die Autoren darauf zurück, dass Mitarbeiter, Lieferanten, etc. mit der Zeit eine besondere Erwartungs­haltung dem Gründer gegenüber entwickeln. Dieser Erwartungs­haltung können Gründer offenbar schwer gerecht werden, wenn sie in der Krise vorwiegend auf den Erhalt des Unternehmens (und damit z.B. weniger auf den Erhalt von Arbeits­plätzen) achten.

Im Gegensatz dazu zeigt die Studie auch, dass Familien­unternehmen in Krisenzeiten besonderen Wert auf den Erhalt von Arbeits­plätzen legen, während sich ihre Restrukturierungs­maßnahmen ansonsten nicht von denen professionell gehaltener Unternehmen entscheidet. Insbesondere in schweren Krisen und bei mit fortgeschrittenem Firmenalter zahlt sich eine derartige Reaktion auf die Krise besonders aus. Dies führen die Forscher insbesondere auf den besonderen Zusammenhalt innerhalb von Familien­unternehmen (Sozialkapital) zurück. Wenn Familien­unternehmen besonders verantwortungs­voll auf eine Krise reagieren, sind Mitarbeiter, Lieferanten und Co. eher bereit, ihren Teil zur Rettung des Unternehmens beizutragen.

Kontakt:
Dr. Liane Weitert
Leitung Kommunikation und Unternehmens­kooperationen
Universität Mannheim
Dekanat BWL
E-Mail: liane.weitert(at)uni-mannheim.de