Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Stau im Suezkanal: Produktions­ausfälle treffen viele Branchen in Baden-Württemberg besonders hart

Regionen mit einem hohen Anteil industrieller Fertigung leiden stärker unter unterbrochenen Lieferketten, wie aktuell wegen der havarierten „Ever Given“. Das sagt der Wirtschafts­wissenschaft­ler Jannis Bischof von der Universität Mannheim.

Pressemitteilung vom 1. April 2021
Druckversion (PDF)

Die Blockade des Suezkanals durch die „Ever Given“ dauerte zwar nur wenige Tage. Die Unterbrechung der globalen Handels­wege durch den Zwischenfall wird jedoch noch für längere Zeit auch die lokale Wirtschaft behindern – gerade in Baden-Württemberg und der Metropolregion Rhein-Neckar. Davon ist der Wirtschafts­professor Jannis Bischof von der Universität Mannheim überzeugt.

„Die Situation verdeutlicht das erhebliche Risiko, das internationale, weltumspannende Lieferketten mit ihrer Abhängigkeit von reibungs­losem Verkehrs­fluss mit sich bringen. Dies kann einen Trend verstärken, mehr auf regionale Lieferanten und kürzere Lieferketten zu setzen. Entsprechende Tendenzen deuteten sich bereits während der Coronakrise an“, kommentiert Bischof.

„Wir wissen aus unseren Umfragen, dass Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe wie Maschinenbau von Unterbrechungen in den Lieferketten, wie sie auch während der Coronakrise auftraten, besonders betroffen sind“, so der BWL-Experte weiter. Die Spätfolgen eines Lieferstaus wie des im Suez-Kanal treffe daher die regionale Wirtschaft besonders hart: Baden-Württemberg ist das führende Zentrum des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus. Rund ein Viertel der gesamten deutschen Maschinen- und Anlagenbauer haben ihren Sitz hier.

In einer repräsentativen Umfrage der Universität Mannheim aus diesem und letzten Jahr bestätigen 46,7 Prozent der Firmen aus dem Maschinenbau, dass sie ihre Produktion unterbrechen mussten, als Material während der Corona-Krise nicht rechtzeitig zur Verfügung stand. Der Grund: Viele Unternehmen in diesen Branchen versuchen ihren Lagerbestand gering zu halten, nicht zuletzt aus Kostengründen. Lieferausfälle schlagen sich daher sehr kurzfristig in Unterbrechungen der eigenen Produktion nieder. „Diese Firmen sind auf das Material angewiesen, das sie für die eigene Produktion benötigen“, erklärt Bischof.

Aber auch Textilproduzenten (58,9 Prozent), Großhandel (41,1 Prozent) und davon abhängig der Einzelhandel (42,5 Prozent) berichten im Rahmen der Umfrage von über­durchschnittlich starken Einschränkungen, gerade wenn Waren für den Weiterverkauf aus Übersee bezogen werden.

Die Zahlen stammen aus einer langfristigen Corona-Befragung des German Business Panel (GBP), bei der mehr als 14.000 Unternehmen aus ganz Deutschland seit dem Sommer 2020 wiederkehrend teilnehmen. Davon kommen 2.670 aus Baden-Württemberg und 818 aus Rheinland-Pfalz. Bei der engmaschigen Umfrage geben die Unternehmen Auskunft darüber, wie sich die Coronakrise – und als Folge davon auch die Unterbrechungen in den Lieferketten – auf ihre Geschäfte auswirkt. Jannis Bischof ist Inhaber des Lehr­stuhls für Allgemeine Betriebs­wirtschafts­lehre und Unternehmens­rechnung sowie Projektleiter des German Business Panel (GBP).

„Zwar gibt es Unterschiede zwischen den Unterbrechungen der Lieferketten während der Coronakrise und während der aktuellen Sperrung des Suez-Kanals, unter anderem weil anders als im Frühjahr 2020 der Warenverkehr in Europa ohne Einschränkungen aufrecht erhalten bleibt“, erklärt der Wirtschafts­experte. Parallelen gebe es dennoch: Da ein erheblicher Anteil von Produktions­material aus Asien geliefert wird, bestehe diese Abhängigkeit in der aktuellen Situation genauso. „Es ist daher sehr naheliegend, dass die gleichen Branchen und Regionen besonders stark betroffen sind, die schon im Vorjahr die größten Einschränkungen aufgrund der Coronakrise meldeten“, resümiert Bischof.

Hohe Preise im Luftverkehr verschärfen die Krise sogar
Indirekt trägt die Coronakrise sogar zu einer Verschärfung der Auswirkungen durch die zeitweilige Sperrung des Suezkanals bei. Da in sehr großem Umfang der Luftverkehr abgenommen hat und insbesondere die Frachtmitnahme im Passagierverkehr fast vollständig weggefallen ist, haben sich die Preise für Luftfracht extrem verteuert. Das Statistische Bundes­amt berichtet einen durchschnittlichen Preisanstieg von 40 Prozent. Unternehmen berichten in Einzelfällen sogar von einer Verdoppelung der Frachtraten. Dadurch haben die Seerouten insbesondere für nicht verderbliche Waren stark an Attraktivität gewonnen. Unternehmen, die deshalb aufgrund der Folgen der Coronkrise auf Seefracht umgestiegen sind, leiden jetzt unter dem Stau umso stärker.

Kontakt:
Prof. Dr. Jannis Bischof
Lehr­stuhl für ABWL und Unternehmens­rechnung
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181–1630
E-Mail: jbischof uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181–1266
E-Mail: kaul uni-mannheim.de