Pandemie verstärkte anti-asiatische Diskriminierung

Mannheimer Soziologinnen und Soziologen belegen mit der Studie CILS4COVID, dass sich Menschen mit asiatischen Wurzeln in Deutschland in der Anfangs­phase der Covid-19-Pandemie häufiger ausgegrenzt gefühlt haben. Insbesondere in von der Pandemie stark betroffenen Gebieten scheint die Diskriminierung gestiegen zu sein.

Pressemitteilung vom 31. August 2021
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Die Covid-19-Pandemie hat die Diskriminierung asiatisch-stämmiger Menschen in Deutschland verstärkt. Dies belegen die Ergebnisse der Studie CILS4COVID von Soziologinnen und Soziologen des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES) der Universität Mannheim. Das Forschungs­team hat von April 2020 bis Januar 2021 mehr als 3.500 junge Erwachsene in ganz Deutschland befragt.

„Bereits vor der Pandemie fühlten sich Menschen mit Migrations­hintergrund aus der Türkei, Asien, Afrika und dem mittleren Osten häufiger aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt als andere Gruppen. Die Frage, ob sich daran seit Beginn der Pandemie etwas geändert hat, bejahten Menschen mit einem asiatischen Migrations­hintergrund besonders häufig“, erklärt Dr. Jörg Dollmann vom Studien­team des MZES. Etwa die Hälfte der rund 80 Personen mit asiatischem Migrations­hintergrund gab in der Erhebung an, sich seit Beginn der Pandemie häufiger diskriminiert zu fühlen als vorher.

Asiatisch-Stämmige normalerweise eher weniger diskriminiert

Gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Dr. Irena Kogan hat Jörg Dollmann die Ergebnisse der Befragung nun in einer internationalen Fach­zeitschrift veröffentlicht. Die Resultate decken sich nach Angaben des Forschungs­teams mit vorläufigen Befunden aus Deutschland, aber auch aus anderen europäischen Ländern. Insgesamt sei “COVID-19–associated discrimination (CAD)“, also Diskriminierung, die mit COVID-19 in Zusammenhang zu stehen scheint, aber noch wenig erforscht. Als mögliche Ursache für mehr Anfeindungen und Ausgrenzungen sehen die Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler, dass vor allem zu Beginn der Pandemie Asien beziehungs­weise China als Ursprungs­region des Virus sehr im öffentlichen Fokus stand. „Asiatisch-Stämmige sind im Vergleich zu anderen Gruppen in Deutschland normalerweise nicht über­durchschnittlich von Diskriminierung betroffen. Auch in dieser Hinsicht scheint Covid-19 das Zusammenleben der Menschen in Deutschland also beeinträchtigt zu haben“, erläutert Irena Kogan. Offenbar seien vermeintlich aus Asien stammende Personen in der Öffentlichkeit als potenzielle Verbreiter des Virus oder gar als verantwortlich für die Pandemie eingestuft worden. Denn insbesondere in stark von der Pandemie betroffenen Gegenden berichteten Menschen asiatischer Abstammung von gestiegener Diskriminierung. „Es scheint naheliegend, dass eine besorgniserregende Entwicklung der Ansteckungs­zahlen sich auch auf das Ausmaß der Alltagsdiskriminierung auswirkte. Die Infektions­gefahr und der Pandemiestress haben das diskriminierende Verhalten tendenziell verstärkt“, so Kogan.

Auch andere Gruppen sind betroffen – aber nur in Gebieten mit hohen Inzidenzen

Ganz alleine sind die Asiatisch-Stämmigen mit ihren Erfahrungen nicht. Denn in stark von der Pandemie betroffenen Gebieten berichteten laut Studie auch Menschen mit Wurzeln auf dem amerikanischen Kontinent oder in der ehemaligen Sowjetunion von mehr Diskriminierung. Dass ausgerechnet diese Gruppen mehr Diskriminierung erlebten, andere dagegen nicht oder kaum, könnte nach Ansicht des Forschungs­teams auf die jeweilige Entwicklung der Pandemie in diesen Regionen und die Berichterstattung darüber zurückzuführen sein. So sei das Infektions­geschehen etwa in den USA, Südamerika oder Russland während der Erhebungs­phase teilweise besonders dynamisch gewesen. „Möglicherweise hat das die Diskriminierung dieser Menschen in Deutschland etwas verstärkt – insbesondere, wenn in ihrer hiesigen Umgebung die Fallzahlen gleichzeitig ebenfalls nach oben gingen“, fasst Dollmann zusammen.

In diesem Zusammenhang warnt das Team aber vor einer Überinterpretation der Studie: „Unsere Ergebnisse sind nach wissenschaft­lichen Standards robust. Allerdings sind die Fallzahlen von Menschen mit Abstammung aus Asien, Amerika oder der ehemaligen Sowjetunion mit jeweils unter 200 relativ gering. Auch zielte unsere Befragung ausschließlich auf junge Erwachsene ab. Um mehr über Diskriminierung im Zusammenhang mit Covid-19 zu lernen, würden wir daher noch breiter angelegte Folge­studien begrüßen.“

CILS4COVID: Zusatzstudie der Langzeiterhebung CILS4EU

Für die Langzeitstudie „Children of Immigrants Longitudinal Survey in Four European Countries“ (CILS4EU) befragt ein Team des MZES seit 2010 regelmäßig tausende junge Menschen vielfältiger sozialer und ethnischer Hintergründe zu so verschiedenen Themen wie beruflicher Werdegang, Religion und Freundschaften. Gefördert wird CILS4EU vom Europäischen Förder­netzwerk NORFACE und der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (DFG). Da immer dieselben Menschen befragt werden, ist es möglich, Änderungen in ihrer Lebenssituation und ihren Einstellungen über die Zeit hinweg zu analysieren. 2020 wurden die jungen Erwachsenen – nun zwischen 24 und 26 Jahre alt – wie im Studien­design vorgesehen zum achten Mal befragt. Zusätzlich wurden sie aus gegebenem Anlass aber auch zum Thema Corona befragt. An der CILS4COVID-Umfrage nahmen von April 2020 bis Januar 2021 mehr als 3.500 junge Erwachsene in ganz Deutschland teil.

Weitere Informationen
Dollmann, Jörg and Irena Kogan (2021): COVID-19 associated discrimination in Germany. Research in Social Stratification and Mobility. Volume 74. https://doi.org/10.1016/j.rssm.2021.100631.

 

Kontakt:
Nikolaus Hollermeier
Presse- und Öffentlichkeits­arbeit
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
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