In Online­prüfungen schummeln Studierende häufiger

Die eilige Umstellung auf Online­prüfungen an deutschen Hochschulen im Sommersemester 2020 hatte Konsequenzen für die akademische Redlichkeit – das zeigt eine neue Studie unter der Leitung des pädagogischen Psychologen Dr. Stefan Janke.

Pressemitteilung vom 24. November 2021
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Die rasche Einführung der Corona-Infektions­schutz­maßnahmen im Frühjahr 2020 veränderte das Hochschul­studium von rund 2,9 Millionen Studierenden in Deutschland gravierend. Das zeigte sich auch bei Klausuren und Prüfungen, die vielerorts auf Onlineformate umgestellt wurden. Eine deutschland­weite Umfrage unter mehr als 1.600 Studierenden verdeutlicht nun, welche Konsequenzen diese Umstellung auf das Prüfungs­verhalten der jungen Menschen hatte: Die Befragten berichten, im Sommersemester 2020 in Online­prüfungen deutlich häufiger geschummelt zu haben als in Präsenz-Prüfungen.

An der Studie wirkten Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler von den Universitäten Mannheim, Augsburg und Landau mit. Die Ergebnisse der Studie wurden unter der Federführung von Dr. Stefan Janke (Lehr­stuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Mannheim) in der Fach­zeitschrift Computers and Education Open veröffentlicht und sind seit Anfang November frei zugänglich.

An der anonymen deutschland­weiten Umfrage nahmen Studierende verschiedener Hochschulen teil. Eine Vielfalt von Fächern war vertreten – von Medizin, Jura, Wirtschafts- und Sozial­wissenschaften bis hin zu Informatik und Technik. Das Ergebnis der Umfrage: 61,4 Prozent der Befragten, die in dem kritischen Zeitraum eine Online­prüfung abgelegt hatten, gaben an, unerlaubte Hilfsmittel verwendet zu haben oder sich mit anderen Studierenden ausgetauscht zu haben. Nur 31,7 Prozent räumten dies hingegen in Bezug auf Klausuren ein, die in Präsenz stattfanden. „Dies deutet darauf hin, dass die hastige Umstellung auf Online­prüfungen im Sommersemesters 2020 unerwünschte Nebenwirkungen für die akademische Redlichkeit an den Hochschulen hatte“, stellt Janke fest.

„Besonders spannend sind die Ergebnisse in Bezug auf die Studierenden, die in dem kritischen Zeitraum sowohl Online- als auch Präsenz­prüfungen abgelegt hatten“ so Janke weiter. „Zwar wurden diese Studierenden im Schnitt häufiger in Präsenz geprüft, sie gaben aber an, in den selteneren Onlineexamen häufiger betrogen zu haben.“

„Akademisches Betrugsverhalten ist kein Corona-spezifisches Problem“, konstatiert Janke. Die Ergebnisse der aktuellen Studie können jedoch grundsätzlich dazu anregen, sich über alternative Prüfungs­formen Gedanken zu machen. Aus früheren Studien ist beispielsweise bekannt, dass Studierende eher betrügen, wenn geschlossene Frageformate gewählt werden (zum Beispiel Multiple-Choice), bei denen nur das korrekte Ergebnis angegeben werden muss. Besser seien daher womöglich offene Prüfungs­formate, die nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Lösungs­weg berücksichtigen.

Es sei aber auch sinnvoll, grundsätzlich darüber nachzudenken, welche Verhaltensweisen in Prüfungen erwünscht und welche unerwünscht sind. „In Open-Book-Klausuren ist es beispielsweise erlaubt, Zusatzmaterialien zu verwenden“ so Janke. „Dieses Format fordert Prüfende und Prüflinge gleichermaßen, da die Fragen in stärkerem Ausmaß Tiefenwissen und Transfer­fähigkeit voraussetzen, als dies bei traditionellen Klausuren der Fall ist.“

Eine weitere Möglichkeit seien kollaborative Prüfungen, die den Austausch zwischen Studierenden sogar erlauben. „Eine solche Prüfungs­form reflektiert besser die Anforderungen des späteren Berufslebens, in welchem Studierende häufig team­fähig sein und mit anderen gut zusammenarbeiten sollen,“ ergänzt Janke.

Link zur Originalpublikation:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666557321000264?via%3Dihub

Kontakt:
Dr. Stefan Janke
Fakultät für Sozial­wissenschaften
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181–1936
E-Mail: stefan.janke uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181–1266
E-Mail: kaul uni-mannheim.de