Lorenz-von-Stein-Preis für zwei herausragende Dissertationen über autoritäre Regime und die Geografie der Persönlichkeit

Die Lorenz-von-Stein-Gesellschaft e.V. zeichnet Dr. Tobias Ebert und Dr. Christian Gläßel heute für die zwei besten sozial­wissenschaft­lichen Dissertationen an der Universität Mannheim des vergangenen Jahres aus. Die Förder­gesellschaft des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES) prämiert seit 1999 jährlich Doktorarbeiten aus den Fächern Politik­wissenschaft, Sozialpsychologie oder Soziologie. Der Lorenz-von-Stein-Preis ist mit insgesamt 1.000 Euro dotiert.

Pressemitteilung vom 1. Oktober 2021
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Tobias Ebert: Die Geografie der Persönlichkeit

Tobias Ebert (34) promovierte kumulativ, also in Form mehrerer eigenständiger Publikationen, im Fach Psychologie an der Schnittstelle zur Geografie (Titel: The Geography of Personality: On the Consequences of Geographical Personality Differences for Regions and Individuals). Alle drei Publikationen seiner Dissertation befassen sich mit der „Geografie der Persönlichkeit“, also der Frage, wie Menschen von der Region, in der sie leben, geprägt werden – und diese prägen.

„Neuere Forschung zeigt, dass neben Individuen auch geografische Räume eine Art Persönlichkeit besitzen“, erklärt Ebert. Obgleich die meisten Personen intuitiv wohl zustimmen würden, dass Gebiete sich kulturell unterscheiden, ist es schwierig, solche kulturellen Unterschiede empirisch offenzulegen. Durch neuartige empirische Ansätze und groß angelegte Online-Studien ist es Tobias Ebert in seiner Dissertation gelungen, diese Unterschiede empirisch fassbar zu machen.

Tobias Ebert zeigt in seiner Arbeit unter anderem, dass die Persönlichkeits­eigenschaft Mut in der Bevölkerung nicht nur unterschiedlich regional verteilt ist, sondern dass regionale Unterschiede in Mut auch mit der wirtschaft­lichen Entwicklung von Regionen in Verbindung stehen. Darüber hinaus belegt Tobias Ebert, dass geografische Persönlichkeits­unterschiede für das ökonomische Verhalten sowie die Gesundheit der Bevölkerung relevant sind. So zeigt er beispielsweise auf, dass religiöse Menschen nur in religiösen Gebieten länger leben.

Zusammengenommen zeigt Eberts Dissertation die Wichtigkeit von geografischen Persönlichkeits­unterschieden für das Verständnis folgenreicher Problemstellungen – bis hin zur Frage, warum manche Menschen länger leben als andere.

Christian Gläßel: Subversive Bedrohungen, Repression und Stabilität

Christian Gläßel (33) promovierte am Center for Doctoral Studies in Social and Behavioral Sciences (CDSS) der Universität Mannheim zum Thema „Subversive Threats, Repression, and Stability”, ebenfalls kumulativ. Er schafft mit seiner aus vier eigenständigen Publikationen bestehenden politik­wissenschaft­lichen Dissertation vertiefte Einblicke in die Funktions­mechanismen autoritärer Regime damals und heute.

Jahrzehntelang schien die Demokratie nahezu unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Heute gerät sie zunehmend unter Druck – und rund die Hälfte der Weltbevölkerung lebt unter autoritärer Herrschaft. „Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen zu verstehen, wie sich autoritäre Regime behaupten, unter welchen Bedingungen sie zerbrechen und wie der demokratische Teil der Welt mit ihnen umgehen kann“, erläutert Gläßel. Dazu nutzt der Politik­wissenschaft­ler auch historische Daten, sofern sie Rückschlüsse auf heutige Regime erlauben.

So zeigt Gläßel unter anderem, dass Zensur ein Regime nicht unbedingt stabilisiert – sie kann auch das Gegenteil bewirken. Derartige Effekte sind messbar am Beispiel der DDR. Kurz vor dem Untergang des ostdeutschen Staates wurden die Massen an Ausreisewilligen in den DDR-Medien kategorisch ignoriert. Viele Menschen konnten sich aber über das westdeutsche Fernsehen informieren und hatten somit einen Beweis für die Wahrheitsferne des Regimes – mit messbaren Folgen für Einstellungen und Verhalten. Gläßel kommt unter anderem zu dem Schluss, dass Informations­angebote jenseits der Regierungs­propaganda selbst in hochideologisierten Diktaturen erfolgreich sein und Regimen gefährlich werden können. Als aktuelles Beispiel nennt er das Angebot der BBC in koreanischer Sprache, das für die nordkoreanische Bevölkerung Informationen jenseits der Regimepropaganda erreichbar machen soll.

In einer weiteren Arbeit zeigt Gläßel die Leichtigkeit, mit der Diktaturen willige Erfüllungs­gehilfen finden. Weder Fanatismus noch sadistische Neigungen seien für die bereitwillige Umsetzung brutaler staatlicher Unterdrückung notwendig. Ausschlaggebend seien in erster Linie profane Karriereanreize und -zwänge. Anhand von Karrieredaten aller knapp 4.300 Offiziere der argentinischen Militärdiktatur belegt Gläßel, wie insbesondere die leistungs­schwächsten, von Entlassung bedrohten Kader versuchten, ihre Karriere zu retten: durch ein Engagement bei der berüchtigten Geheimpolizei. „Autokraten nutzen Karrierezwänge und -anreize, um einen loyalen Unterdrückungs­apparat zu erschaffen und ihre Herrschaft zu festigen“, so eine Schlussfolgerung Gläßels.

Vorsitzender Thomas Gschwend: „Beispielhaft für die Mannheimer Sozial­wissenschaften“

In seiner Laudatio auf die Preisträger betonte der Vorsitzende der Lorenz-von-Stein-Gesellschaft, Professor Thomas Gschwend, die Notwendigkeit, den Preis wie auch schon 2019, an zwei Wissenschaft­ler zu vergeben. „Beide Dissertationen haben den Vorstand so überzeugt, dass wir den Preis sehr gerne teilen. Die wissenschaft­liche Akribie und die ausgefeilten, innovativen methodischen Ansätze beider Wissenschaft­ler sind absolut preiswürdig. Sie verstehen es, Theorie und Empirie auf beeindruckende Weise miteinander zu verbinden und haben damit beide herausragende Leistungen erbracht, die beispielhaft für die Mannheimer Sozial­wissenschaften sind“, so Gschwend.

Tobias Ebert ist Postdoktorand an der Heisenberg-Professur für Kulturvergleichende Sozial- und Persönlichkeits­psychologie und External Fellow des Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), Universität Mannheim.

Christian Gläßel ist Postdoctoral Researcher am Centre for International Security der Hertie School, Berlin.

Kontakt:
Dr. Tobias Ebert
Postdoktorand, Heisenberg-Professur für Kulturvergleichende Sozial- und Persönlichkeits­psychologie
External Fellow des MZES
Universität Mannheim
Telefon: +49-621-181-2817
tobias.ebert mzes.uni-mannheim.de

Dr. Christian Gläßel
Postdoctoral Researcher
Hertie School Berlin
glaessel hertie-school.org

Prof. Thomas Gschwend, PhD
Vorsitzender d. Lorenz-von-Stein-Gesellschaft e.V.
Universität Mannheim
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES)
Tel: +49-621-181-2087
Fax: +49-621-181-2845
gschwend uni-mannheim.de
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