Warum verändern sich Sprachen?

Die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG) fördert ein neues Projekt unter der Federführung der Mannheimer Sprach­wissenschaft­lerin Prof. Dr. Carola Trips mit insgesamt 3,5 Millionen Euro. Ziel des Projekts ist es, den Sprachwandel nicht nur aus historischer, sondern auch aus psycholinguistischer Perspektive zu untersuchen und damit eine neue Disziplin der Linguistik zu begründen.

Pressemitteilung vom 27. September 2021
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Unterschiedlicher könnten die Arbeits­methoden nicht sein: Während die Psycholinguistik vorwiegend mit Technologien wie Eye-Tracking – also Blickbewegungs­messung – im Labor experimentiert, untersucht die historische Linguistik die Veränderungen von Sprachen über längere Zeiträume hinweg – meist mit Hilfe von alten Texten und historischen Daten. Die neue Forschungs­gruppe SILPAC unter der Leitung von Professorin Carola Trips und mit Juniorprofessorin Helen Engemann als Co-Sprecherin hat das Ziel, beide Sichtweisen zu verbinden, um neue Er­kenntnisse über den Sprachwandel zu gewinnen. Am Freitag hat die DFG die Förderung für das Projekt in Höhe von 3,5 Millionen Euro für zunächst vier Jahre bekanntgegeben.

SILPAC steht für Structuring the Input in Language Processing, Acquisition, and Change. Acht Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaft­ler aus fünf Universitäten kommen in dieser Gruppe zusammen. Ihre Aufgabe ist es, eine empirisch und theoretisch fundierte Erklärung der Zusammenhänge zwischen der Sprachverarbeitung, dem Spracherwerb und dem Sprachwandel zu liefern. Sprecher­universität ist die Universität Mannheim, die auch den renommierten Mercator Fellow des Projekts, Charles Yang von der University of Pennsylvania, als Gastprofessor aufnimmt.

Insgesamt sind drei der acht Projekte der Forschungs­gruppe an der Universität Mannheim beheimatet, dar­unter zwei aus der Psycholinguistik: Dr. Gunnar Jacob (Vertretungs­professur für Mehrsprachigkeits­didaktik) geht in seinem Projekt der Frage nach, ob sich psycholinguistische Phänomene, die normalerweise experimentell untersucht werden, auch in historischen Korpora nachweisen lassen und schlägt damit eine Brücke zwischen den Disziplinen. Juniorprofessorin Helen Engemann untersucht in dem von ihr geleiteten Projekt, inwiefern bilinguale Sprecherinnen und-sprecher in Sprachkontaktsituationen wie in Südtirol möglicherweise durch die ständige Co-Aktivierung beider Sprachen einen besonderen Motor für den Sprachwandel darstellen und welche Rolle dabei das Alter der Menschen spielt.

Der Wandel der Sprache, ihrer Struktur und ihrer Grammatik ist ein Thema, dem sich die historische Linguistin Trips schon längere Zeit widmet. Sie hat in der Vergangenheit unter anderem in einem DFG-Projekt die Entwicklung des Englischen und Französischen im Mittelalter erforscht. In ihrer Arbeit stellte sie jedoch immer wieder fest, dass ihr eine neue Perspektive fehlte, um Sprachwandel erklären zu können. Aus diesem Grund wollte sie die bislang nur punktuelle Zusammenarbeit mit Psycholinguisten vertiefen. „Dass wir den Zuschlag für unser Projekt erhalten haben, ist ein großer Erfolg. Diese Art von Zusammenarbeit gibt es so bislang nicht“, so Trips.

Eine Besonderheit der Zusammenarbeit sind so genannte Brücken­projekte. Hier untersuchen die Forschenden zum Beispiel das so genannte Priming. Priming ist eine Methode aus der Psycholinguistik und bezeichnet eine subtile Beeinflussung des Denkens, Handelns oder Sprechens. Die psycholinguistische Methode machen sich nun auch die historischen Linguisten bei der Arbeit an alten Manuskripten zu Eigen. Denn so können sie besser nachweisen, dass die Schreiber von historischen Texten auch geprimt wurden, etwa weil sie bilingual waren und Strukturen aus dem Englischen ins Französische übertrugen – oder umgekehrt.

Warum verändert sich eine Sprache? Und was muss geschehen, damit sie sich verändert? Sprachen wandeln sich nicht gerne in ihrer Struktur. Linguisten sprechen in dem Zusammenhang von der Stabilität der Sprache. Sie verändern sich vor allem, wenn sie in Kontakt mit anderen Sprachen kommen – was man am Beispiel des Mittelalters, in dem neben dem Lateinischen eine Vielzahl von romanischen und germanischen Volkssprachen gesprochen wurde, gut nachvollziehen kann. „Unsere Forschung hilft zu verstehen, wie Mehrsprachigkeit Sprachwandel auslösen kann“, erklärt die Anglistin.

Nicht weniger als die Begründung einer neuen Disziplin, der psycho-historischen Linguistik, schwebt der neuen Forschungs­gruppe vor. Dafür haben die Projektleiterinnen und Projektleiter ein spezielles Programm für den wissenschaft­lichen Nachwuchs entwickelt und ein breit gefächertes Ausbildungs­programm für Master­studierende, Doktoranden und Postdoktoranden konzipiert – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die im Rahmen von SILPAC geschaffenen Strukturen von Dauer sein werden.

Zur Pressemitteilung der DFG: https://www.dfg.de/service/presse/pressemitteilungen/2021/pressemitteilung_nr_39/index.html

Ein Pressefoto von Prof. Dr. Carola Trips finden Sie unter: https://www.uni-mannheim.de/newsroom/presse/pressefotos/

Kontakt:
Prof. Dr. Carola Trips
Lehr­stuhl für Anglistische Linguistik IV
Universität Mannheim
Tel. +49 621 181–2348
E-Mail:ctrips mail.uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
E-Mail: kaul uni-mannheim.de