Wie können Geflüchtete mit geringer Bildung am deutschen Arbeits­markt teilhaben?

Mit dieser Frage beschäftigt sich das Projekt „Fach­kräfte der Zukunft oder langfristig marginalisiert? Möglichkeiten zur Integration von geringfügig qualifizierten Geflüchteten“ unter Beteiligung von Dr. Christoph Sajons, Leiter des Forschungs­bereichs „Arbeits­markt und Selbständigkeit“ am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim. Fazit: Um gute Chancen auf einen Ausbildungs­platz zu haben sind fortgeschrittene Deutsch­kenntnisse und ein sicherer Aufenthaltsstatus, vor allem aber Disziplin und Motivation entscheidend. Für etwas ältere Geflüchtete mit relevanter Berufserfahrung kann sich hingegen der Weg in eine berufliche Selbständigkeit lohnen. Diese ermöglicht in vielen Fällen das Umgehen struktureller Hindernisse und führt auch bei einer unfreiwilligen Beendigung nicht zu einer Stigmatisierung auf dem Arbeits­markt.

Pressemitteilung vom 25. Oktober 2022
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In zwei getrennten Studien des von der Stiftung Mercator geförderten Projektes wurden duale Ausbildung und Selbständigkeit als Wege in den Arbeits­markt untersucht. Für junge Menschen, die keinen formalen beruflichen Bildungs­abschluss besitzen, bietet eine Ausbildung eine hervorragende Möglichkeit im deutschen Arbeits­markt Fuß zu fassen. Bei der Bewerbung auf einen Ausbildungs­platz haben es Geflüchtete jedoch vielerorts schwer. Die Hemmnisse und deren mögliche Beseitigung analysierte das Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim gemeinsam mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg in der Studie „Mehr Ausbildung wagen! Barrieren und Chancen für die Einstellung von Geflüchteten in deutschen Unternehmen“. Über 1.100 ausbildende Unternehmen in Süddeutschland haben die Forschenden dafür in Kooperation mit den Industrie- und Handels­kammern (IHKs) und Handwerkskammern (HWKs) befragt. Trotz Fach­kräftemangel haben weniger als ein Drittel der Unternehmen Geflüchtete eingestellt (29%) und nur 8 % von ihnen Beratungs­angebote zur Integration von Geflüchteten in Anspruch genommen. Als Gründe wurden Bedenken bezüglich der langfristigen Bindung der Geflüchteten und deren Aufenthaltsstatus sowie bezüglich der Verständigung innerhalb der Belegschaft geäußert. In die Befragung war auch ein sogenanntes „Auswahlexperiment“ eingebaut, bei dem Personal­verantwortliche zwischen zwei Bewerbenden, einmal mit und einmal ohne Fluchthintergrund, wählen sollten. Mangelnde Deutsch­kenntnisse und unsichere Bleibeperspektive der Geflüchteten führten dazu, dass deutsche Bewerbende häufiger ausgewählt wurden, auch wenn sie in dem Experiment eine niedrigere formale Bildung aufwiesen. „Nur bei besserer Schulbildung, guten Deutsch­kenntnissen auf B2-Niveau und gesichertem Aufenthaltsstatus hatten Geflüchtete praktisch die gleichen Auswahl­chancen,“ erläutert die Co-Leiterin des Projekts, Professorin Christina Felfe von der Universität Würzburg. Als sehr bedeutend erwiesen sich außerdem weiche Faktoren wie Disziplin und Motivation, die beispielsweise mit Hilfe von absolvierten Praktika oder geringen Abwesenheiten bei der letzten Schulbildung identifiziert werden können. Zuletzt erhöhe auch ein einjähriges Kombi­modell Spracherwerb und Ausbildung, bei dem ein zusätzliches bezahltes Lehr­jahr mit intensiver sprachlicher Vorbereitung der traditionellen drei-jährigen Lehr­zeit vorgeschaltet wird, die Einstellungs­chancen substanziell. Um die Integration der Geflüchteten in das Ausbildungs­system zu verbessern, sollten Unternehmen demnach gemäß der Studie verstärkt Schnupper­praktika anbieten und die Politik für den Zugang zu sprachlichen Förder­programmen und deren enge Verzahnung mit der dualen Ausbildung sorgen.

Einen alternativen Weg in den Arbeits­markt stellt die Selbständigkeit dar. Geflüchtete und Zuwanderer könnten mit einer Selbstständigkeit formale Hürden am Arbeits­markt umgehen, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten voll einbringen und somit den Fach­kräftemangel lindern. Die Studie „Selbständigkeit von Geflüchteten und Zugewanderten. Alternativer Weg in den Arbeits­markt oder berufliche Sackgasse?“ zeigt, dass die Quote der Abbrüche innerhalb der ersten drei Jahre bei migrantischen Gründenden in den 2010er Jahren mit 54% leicht höher lag als bei Gründungen von in Deutschland geborenen Personen (47%). Wer von ihnen nach drei Jahren noch im Markt war, konnte im Schnitt höhere Nettoeinkommen im Monat erzielen als Migrantinnen und Migranten in abhängiger Beschäftigung (etwas über 2000 Euro vs. 1650 Euro). Aber auch wer seine Selbständigkeit schon wieder beendet hatte, stand drei Jahre nach dem Gründungs­versuch mit rund 1800 Euro Nettoeinkommen im Monat besser da als abhängig Beschäftigte. Außerdem fand die Mannheimer Forschungs­gruppe um Dr. Sajons in einem Bewerbungs­experiment heraus, dass durch eine wieder aufgegebene Selbständigkeit keine Stigmatisierung am regulären Arbeits­markt stattfand. „Bewerbungen von Migrantinnen und Migranten, die zuvor selbständig waren, waren genauso erfolgreich wie die von Personen, die zuvor einer abhängigen Beschäftigung nachgingen – unabhängig davon, ob die Selbständigkeit freiwillig oder gezwungenermaßen beendet wurde,“ erklärt Sajons. Im Vergleich zu einer Phase der Erwerbslosigkeit stiegen die Bewerbungs­chancen durch eine unternehmerische Tätigkeit sogar beträchtlich. Unternehmertum bei Migrantinnen und Migranten trug in den 2010er Jahren zudem zur gesamtwirtschaft­lichen Dynamik bei, denn auf jeden Gründungs­versuch kamen nach drei Jahren im Schnitt fast 1,4 geschaffene Arbeits­plätze. Die Forschenden empfehlen politischen Entscheidungs-trägerinnen und -trägern sowie Institutionen wie Arbeits­agentur und Jobcenter gezielt systematische Hürden für migrantische Gründende abzubauen, indem sie z.B. den Vermittlungs­vorrang in die abhängige Beschäftigung abschaffen und damit Geflüchteten einen besseren Zugang zu Qualifizierungs- und Beratungs­maßnahmen sowie finanz­iellen Förderinstrumenten ermöglichen.

Weitere Informationen

Bei einer Konferenz der Stiftung Mercator im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin referierte Dr. Christoph Sajons über das Thema „Selbständigkeit als Weg zur Arbeits­markt­integration von älteren Geflüchteten mit Berufserfahrung“. Copyrights: Märkisches Medienhaus Service GmbH

Kontakt:
Dr. Christoph Sajons
Leiter Forschungs­bereich „Arbeits­markt und Selbständigkeit“
Institut für Mittelstandsforschung
Universität Mannheim
Tel. +49 621 181–2891
E-Mail: sajons uni-mannheim.de

Saskia Bachner
Redakteurin internationale Kommunikation
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181–1434
E-Mail: saskia.bachner verwaltung.uni-mannheim.de