GBP-Monitor April: Mehrheit der Steuerexpert*innen spricht sich für Senkung der Unter­nehmens­steuern aus

Das kürzlich beschlossene Wachstums­chancengesetz soll die Wettbewerbs­fähigkeit stärken und Investitions­anreize erhöhen. Doch reichen die steuerlichen Maßnahmen des Gesetzes aus, um diese Ziele zu erreichen? Eine aktuelle Umfrage des German Business Panels (GBP) zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Die GBP-Daten zeigen, dass sowohl Unter­nehmen als auch Steuerexpert*innen mit der Wirtschafts­politik un­zufrieden sind und wenig Hoffnung auf eine Kursänderung besteht. Einigkeit besteht jedoch darüber, was die Steuerpolitik tun könnte.

Pressemitteilung vom 19. April 2024 
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Im März 2024 haben Bundestag und Bundes­rat nach zahlreichen Verhandlungen und Anpassungen das „Gesetz zur Stärkung von Wachstums­chancen, Investitionen und Innovation sowie Steuervereinfach­ung und Steuerfairness“ (kurz: Wachstums­chancengesetz) verabschiedet. Es hat zum Ziel, die Liquidität von Unter­nehmen in Deutschland zu verbessern sowie wichtige Impulse für Investitionen und Innovationen zu setzen. Durch das Gesetz soll die stagnierende Wirtschaft in Deutschland wieder in Schwung gebracht werden. Das Gesetz beinhaltet Maßnahmen wie Steuervereinfach­ungen oder die Anhebung von Schwellenwerten und Pauschalen. Eine grundlegende Reform der Steuerpolitik ist jedoch nicht vorgesehen. Die aktuelle GBP-Expert*innenbefragung sowie die GBP-Befragung unter Unter­nehmen geben nun Aufschluss darüber, welche Maßnahmen Steuer­wissenschaft­ler*innen und Entscheidungs­träger*innen in der Wirtschaft als notwendig erachten.

Die Befragung der Expert*innen ergibt ein klares Bild: 55,8 Prozent der mehr als 250 Expert*innen an Universitäten und Forschungs­einrichtungen befürworten eine Reduzierung der Unter­nehmens­steuern, während nur 10,8 Prozent eine Erhöhung unter­stützen würden. Wie könnte so eine Reduzierung aussehen? 72,5 Prozent der Befragten sprechen sich für eine vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags aus, den Kapital­gesellschaften (trotz Abschaffung für viele Lohnsteuerzahler*innen und Personen­gesellschaften) weiterhin zahlen müssen.

Trotz der von den Expert*innen empfohlenen steuerlichen Entlastungen zeigen die Daten des GBP, dass kurz- bis mittelfristig nur geringfügige Veränderungen in der tariflichen Besteuerung erwartet werden können. Erst bis Ende 2026 rechnen die Befragten mit einer leichten Senkung der tariflichen Körperschafts­teuer, jedoch bei gleichzeitiger Erhöhung der Einkommensteuer. „Die Steuerexperten unter­einander, aber auch die Einschätzungen aus der Wirtschaft zeigen überraschend große Einigkeit in der Forderung nach Steuersenkungen, erwarten aber nicht, dass diese in den nächsten Jahren kommen werden“, erklärt GBP-Projektleiter Prof. Dr. Davud Rostam-Afschar. „Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Erwartung könnte ein Grund für die große Un­zufriedenheit mit der Wirtschafts­politik sowohl bei den Forschenden als auch bei den Unter­nehmen sein“, so Rostam-Afschar.

In der Tat ist die Mehrheit der Expert*innen (50,2 Prozent) un­zufrieden mit der deutschen Wirtschafts­politik und gibt zunehmende steuerliche und regulatorische Belastungen sowie mangelnder Investitions­anreize als Ursachen an. Auch hohe bürokratische Anforderungen sowie Unsicherheit über regulatorische Vorgaben sind Gründe, warum Unter­nehmen weniger investieren.

„Fehlende Impulse können dazu führen, dass die Attraktivität und die Wettbewerbs­fähigkeit des Wirtschafts­standorts Deutschland langfristig sinkt“, resümiert Rostam-Afschar. Die Un­zufriedenheit mit der Wirtschafts­politik spiegelt sich auch in der GBP-Firmenumfrage. Hier sind es sogar 68,9 Prozent der deutschen Unter­nehmen, die der Wirtschafts­politik ein negatives Zeugnis ausstellen. Der Anteil an sehr un­zufriedenen Unter­nehmen liegt bei 42,9 Prozent und ist damit fast viermal so hoch wie bei den Expert*innen.

Die Befragungen zeigen deutlich, dass sowohl Wissenschaft­ler*innen als auch Unter­nehmen tiefgreifende Änderungen in der Steuerpolitik fordern, um die wirtschaft­liche Dynamik in Deutschland zu stärken. Rostam-Afschar betont abschließend die Notwendigkeit eines fortgesetzten Dialogs zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik: „Dieses klare Bild zeigt, dass die Debatte über substantiellere Steuerreformen intensiver geführt werden muss.“

Der Bericht zeigt zudem eine positive Entwicklung der betriebs­wirtschaft­lichen Indikatoren: Die erwartete Gewinnveränderung stieg um 0,76 Prozent. Zum ersten Mal seit dem ersten Quartal 2023 liegen die prognostizierten Gewinne damit aktuell – wenn auch nur leicht – auf Wachstumskurs.

Den „GBP-Monitor: Unter­nehmens­trends im April 2024“ finden Sie hier:  https://www.accounting-for-transparency.de/wp-content/uploads/2024/04/gbp_monitor_2024_04.pdf

Weitere Informationen zum GBP-Monitor
Das German Business Panel befragt monatlich mehr als 800 Unter­nehmen und erstmalig um März 2024 mehr als 250 Wissenschaft­ler*innen zur Unter­nehmens­lage in Deutschland und erhebt dabei Daten zu 1) erwarteten Umsatz-, Gewinn- und Investitions­änderungen, 2) unter­nehmerischen Entscheidungen, 3) der erwarteten Schließungs­rate in der Branche und 4) der Zufriedenheit mit der Wirtschafspolitik. Zudem wird alle drei Monate zu besonders aktuellen Fragen berichtet.

Hintergrund­informationen zum German Business Panel
Das German Business Panel ist ein langfristiges Befragungs­panel des DFG-geförderten überregionalen Projektes „Accounting for Trans­parency“ (www.accounting-for-trans­parency.de). Der Sonderforschungs­bereich (SFB) „TRR 266 Accounting for Trans­parency“ startete im Juli 2019. Im Mai 2023 beschloss die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG), den SFB um zunächst weitere vier Jahre zu verlängern. Er ist der erste SFB mit betriebs­wirtschaft­lichem Schwerpunkt. Am SFB sind über 100 Wissenschaft­ler*innen von neun Universitäten beteiligt: Universität Paderborn (Sprecherhochschule), Humboldt-Universität zu Berlin und Universität Mannheim, zudem Forschende von der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Frankfurt School of Finance & Management, der Universität zu Köln und der Leibniz Universität Hannover. Die Forschenden unter­suchen, wie Rechnungs­wesen und Besteuerung die Trans­parenz von Unter­nehmen beeinflussen und wie sich Regulierungen und Unter­nehmens­trans­parenz auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. Das Fördervolumen des SFBs beträgt rund 18 Millionen Euro.

Kontakt:
Prof. Dr. Davud Rostam-Afschar
Professor für Rechnungs­wesen
Universität Mannheim
Tel: +49 621 1811645
E-Mail: rostam-afscharmail-uni-mannheim.de

Yvonne Kaul
Forschungs­kommunikation
Universität Mannheim
Tel: +49 621 181-1266
E-Mail: kaulmail-uni-mannheim.de