Khishigtugs hat lange braune Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden sind und trägt eine Brille. Er hat ein rot-weiß gestreiftes Hemd an und lächelt in die Kamera.

„Die Uni Mannheim gibt euch keine Fische, sondern lehrt euch, wie man fischt“

Schon als Jugendlicher träumte Khishigtugs Amarbayasgalan davon, später in Deutschland zu studieren. Nach einem Soziologie-Bachelor in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar hat er diesen Traum verwirklicht: Heute befindet sich der 26-Jährige im 3. Semester des Master­studien­gangs Soziologie in Mannheim. In seiner myUniMA-story erzählt er, was ihn an dem Studien­fach begeistert, wo er gerne seine Freizeit verbringt und welche Vorstellungen er für seine berufliche Zukunft hat.

Erzähl ein bisschen von dir: Wo bist du aufgewachsen und wo hast du studiert, bevor du nach Mannheim gekommen bist?
Ich bin bei meinem Großvater am Stadtrand von Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, aufgewachsen. Von klein auf habe ich viel Armut und Gewalt gesehen und mich deshalb schon früh mit der Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt. Als wir uns in der Schule irgendwann mit Philosophie auseinandergesetzt haben, habe ich für mich darauf eine Antwort gefunden: in der Liebe zu meinen Mitmenschen. Daraus ist der Wunsch entstanden, Soziologie zu studieren, um die Gesellschaft besser zu verstehen und sie dadurch positiv zu verändern. Da die Soziologie als Disziplin in Deutschland, Frankreich und England entstanden ist, wollte ich unbedingt in Deutschland studieren. In Vorbereitung darauf absolvierte ich zunächst einen Bachelor in Soziologie an der National University of Mongolia.

Hast du den Master direkt an deinen Bachelor­abschluss angeschlossen?

Nein, nach meinem Bachelor­abschluss habe ich zunächst praktische Erfahrung in einer Think-Tank-Organisation gesammelt. Neben der Arbeit an wissenschaft­lichen Beiträgen habe ich dort Schulungen zu den Themen Menschenrechte, Gender und politischer Ideologie für ungefähr 15.000 Teilnehmende durchgeführt. Um besser auf das englischsprach­ige Master­studium vorbereitet zu sein, habe ich im Anschluss ein Jahr in Irland verbracht. Parallel zu Englischkursen habe ich in einer Fabrik und später als Sozialarbeiter gearbeitet. Das hat es mir ermöglich, mich anschließend an deutschen Universitäten zu bewerben.

Was hat dich dazu bewogen, dein Master­studium in Mannheim aufzunehmen?

Ich habe mich aus zwei Gründen für den Master­studien­gang Soziologie an der Universität Mannheim entschieden. Zum einen wird der Studien­gang zu 100 % auf Englisch angeboten, was es mir ermöglicht, auch ohne ausreichende Deutsch­kenntnisse hier zu studieren. Und zum anderen hat die Universität Mannheim einen ausgezeichneten Ruf im Fach­bereich Soziologie.

Was begeistert dich an deinem Studien­fach Soziologie? Was gefällt dir besonders an dem Master­programm der Uni Mannheim?

Ich sehe Soziologie gerne als Be­fähigung zur „Soziologisierung“, damit meine ich die Betrachtung des Lebens von Menschen in Verbindung mit den sozialen Strukturen, die sie umgeben. Es ist spannend, wie beispielsweise unser Konsum­verhalten oder auch Dating-Apps unseren Blick auf Konstrukte wie Liebe beeinflussen. Besonders interessiere ich mich für die Analyse von Ungleich­heit. Das Master­programm hier ermöglicht es mir, mein Wissen über verschiedene Dimensionen von Ungleich­heit in beispielsweise Bildung, Vermögen und Gesundheit zu vertiefen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Außerdem finde ich die vielen zusätzlichen akademischen Angebote hier toll. Ich konnte letztes Jahr über ENGAGE.EU an einer Winter School in Tilburg teilnehmen und Kenntnisse in rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für die Bewältigung sozial-ökologischer Herausforderungen erwerben.

Wie verbringst du deine freie Zeit während des Semesters oder in den Semesterferien?

Die Semesterferien nutze ich gerne, um andere europäische Länder zu entdecken. Von Mannheim aus sind es nur wenige Stunden nach Zürich, Paris, Wien oder Prag – das ist super! Während des Semesters nehme ich regelmäßig an den kostenlosen Sportkursen am Institut für Sport teil und powere mich im Boxen, Basketball, Volleyball und Tischtennis aus. Ich arbeite dort auch selbst als studentische Hilfskraft und koordiniere das Kurs­programm von zwei der Sporthallen.

Wie hast du deinen Start in Mannheim erlebt? Was waren Herausforderungen, denen du begegnet bist? Was hat dir geholfen, hier anzukommen?

Ich erinnere mich noch gut, dass ich an einem Sonntag in Mannheim angekommen bin. Es hat mich sehr überrascht, dass in Deutschland sonntags fast alle Geschäfte und viele Restaurants geschlossen und die Straßen deshalb sehr ruhig sind. Leider habe ich mich direkt am ersten Tag versehentlich ausgesperrt und dabei gelernt, dass in Deutschland geschlossene Türen automatisch verschlossen sind. Ich achte nun immer darauf, dass ich meinen Schlüssel dabeihabe, bevor ich das Haus verlasse! Besonders hilfreich war für mich nach der Ankunft die Betreuung durch das International Office. Ich habe unter anderem an Ausflügen in nahegelegene Städte wie Stuttgart, Frankfurt und Heilbronn teilgenommen und dabei viele Kontakte zu anderen internationalen Studierenden aus der ganzen Welt geknüpft.

Gibt es etwas, das du aus deinem Heimatland vermisst?

In der Mongolei haben wir deutlich mehr Karaoke-Bars, in denen man auch eigene Bereiche nur mit seinen Freund*innen nutzen kann, das vermisse ich hier etwas. Und ich wünschte, ich hätte meine traditionelle mongolische Kleidung mitgebracht, um sie bei besonderen Anlässen zu tragen.

Was würdest du gerne nach deinem Master­abschluss machen? Hast du schon eine Idee, wo du gerne leben wollen würdest?

Nach meinem Master­abschluss möchte ich noch ein paar Jahre in Europa im Bereich Sozial- und Geistes­wissenschaften Arbeits­erfahrung sammeln, vielleicht erneut in Irland. Danach möchte ich gerne in die Mongolei zurückkehren und dort zur wirtschaft­lichen und gesellschaft­lichen Entwicklung beitragen. Eine meiner Leidenschaften ist das Schreiben wissenschaft­licher Artikel. Schon während meines Bachelors nahm ich an zwei Konferenzen teil und wurde beides Mal mit einem ersten Preis ausgezeichnet. Und einer meiner Beiträge zu einem Vorstoß der 4-Tages-Woche wurde im vergangenen Herbst sogar für eine Fach­konferenz der British Sociological Association ausgewählt, das ehrt mich sehr. Darüber hinaus greife ich Schlüsselkonzepte der Soziologie auch gerne in eigenen Büchern auf, um sie in den gesellschaft­lichen Diskurs in der Mongolei einzubringen. Ich habe während meines Bachelors zwei Bücher veröffentlicht und arbeite aktuell an einem weiteren. Das, was ich hier an der Uni Mannheim lerne, hilft mir dabei sehr, meine eigenen Gedanken zu entwickeln. Und das finde ich wirklich toll: Die Uni Mannheim gibt uns keine Fische, sondern lehrt uns, wie man fischt!

Interview: Julia Schöfthaler / Januar 2026