„Ich hatte immer ein Ziel vor Augen: mein in Syrien begonnenes Studium weiterzuführen!“

Abdolaziz Hassan ist 28 Jahre alt und kommt aus Qamishlo, einer kleinen Stadt im Nordosten Syriens. Als er 2015 seine Heimat verlassen musste und als Geflüchteter nach Deutschland kam, war für ihn klar: Er wollte sein begonnenes Psychologiestudium fortsetzen. Heute steht er kurz vor seinem Bachelor­abschluss und berichtet in der myUniMA story, wie sich sein Studium in Mannheim von dem in Syrien unterscheidet und was er an seiner Studien­erfahrung in Mannheim besonders schätzt.

Du stehst kurz vor deinem Abschluss in Psychologie. Wie fühlt sich das für dich an?

Schon während des Abiturs hat mir die Arbeit mit Menschen sehr viel Spaß gemacht und ich wusste vom ersten Monat meines Psychologiestudiums an, dass es das Richtige für mich ist. Ich habe zunächst an der Universität Aleppo studiert und musste später wegen des Krieges an die Tischrin-Universität in Latakia wechseln. Das Studium konnte ich aber leider nicht abschließen, weil ich das Land verlassen musste: Es war Krieg, mir stand ein Wehrdienst bevor und es gab keine akademischen Perspektiven für mich in meiner Heimat. Mitte 2015 kam ich dann in Deutschland an und anfangs war hier alles sehr schwierig für mich: ein neues Land, eine neue Sprache und eine andere Kultur. Aber ich hatte immer ein Ziel vor Augen: mein in Syrien begonnenes Studium weiterzuführen. Das hat auch geklappt und darauf bin ich sehr stolz!

Wie konntest du in kurzer Zeit so gut Deutsch lernen, dass du ein deutschsprachiges Studium aufnehmen konntest?

Anfang 2016 habe ich ein Stipendium für einen Deutschkurs von der Uni Mannheim erhalten. Der Deutschkurs war sehr intensiv und anstrengend, aber gleichzeitig auch eine optimale Vorbereitung für das Studium. Nachdem ich die Abschluss­prüfung bestanden hatte, konnte ich mich an der Uni bewerben und bekam zum Glück eine Zusage für den Bachelor. Das war eine Erleichterung, weil ich den Campus kannte und mich in Mannheim schon sehr wohl gefühlt habe – und wer will nicht in einem Schloss studieren? (lacht)

Hast du Unterschiede zwischen deinem Studium in Syrien und dem in Mannheim festgestellt?

Ich glaube, das ist die häufigste Frage, die ich hier von anderen Studierenden gestellt bekomme (lacht). Es gibt es viele Gemeinsamkeiten – ich konnte mir in Mannheim Leistungen aus meinem Studium in Syrien anrechnen lassen. Trotzdem habe ich einen großen Unterschied festgestellt: Das Studium in Syrien war sehr theorie- und lehr­buchlastig und aktuelles Wissen fehlte leider oft ein bisschen. An der Uni Mannheim dagegen wird sehr viel Aktuelles miteinbezogen und die Lehr­enden versuchen immer, die neuesten Forschungs­ergebnisse zu vermitteln. Das finde ich sehr interessant und wichtig! Es hat mich auch positiv überrascht, wie wichtig Psychologie in Deutschland ist. In Syrien ist das leider noch nicht der Fall: Man unterschätzt diesen Bereich noch etwas.

Was waren die größten Herausforderungen für dich während des Studiums in Mannheim?

Am Anfang habe ich mit der Sprache gekämpft und auch das Prüfungs­system ist anders als das, was ich gewohnt war. Doch im Laufe der Zeit konnte ich alles aufholen. Das klappte vor allem durch die Unterstützung von meinen besten Freunden, die ich hier im Studium kennengelernt habe. Ohne die mentale Unterstützung, auch die von meiner Familie aus Syrien, wäre es sicherlich viel schwieriger gewesen. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Auch all den Leuten, die ich hier in Deutschland kennengelernt habe, die mich immer positiv gepusht haben und immer für mich da waren.

Was sind deine schönsten Erinnerungen an deine bisherige Zeit an der Uni Mannheim?

Das Schönste, was ich aus dem Studium mitnehmen kann, sind meine Freunde. Außerdem bin ich sehr zufrieden mit dem Studium und fühle ich mich sehr gut vorbereitet, denn mein Wissen kann ich direkt im Arbeits­leben umsetzen: Ich habe schon zwei Praktika am Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim gemacht und arbeite dort momentan als wissenschaft­liche Hilfskraft in der Arbeits­gruppe Systemische Neuro­wissenschaften in der Psychiatrie (SNiP) – das macht mir riesigen Spaß! Es ist nur schade, dass die letzten Semester wegen der Corona-Pandemie nur online stattgefunden haben. Aber dagegen kann man nichts machen, es musste so sein.

Wie gestaltest du deine Freizeit?

Am allerwichtigsten ist für mich Sport. Ich bin sehr aktiv und habe in Mannheim direkt angefangen, Fußball zu spielen, obwohl ich kaum Deutsch gesprochen habe. Dadurch habe ich viele nette Leute kennengelernt und ich spiele immer noch in einem Verein im Lindenhof. Abgesehen davon gibt es in Mannheim immer viel zu sehen und viele schöne Ecken. Ich gehe gerne joggen, am liebsten am Rhein oder am Neckar entlang, und auch in den Quadraten bin ich sehr gerne – sie erinnern mich an meine Heimatstadt, da ist das System ähnlich.

Weißt du schon, was du nach Abschluss deines Bachelors machen möchtest?

Ich will auf jeden Fall einen Psychologie-Master mit Schwerpunkt klinische Psychologie machen. Ich habe mich auf ein paar Master­studien­gänge in Deutschland beworben, aber Mannheim wäre meine erste Wahl. Mein Ziel ist es, Therapeut zu werden, aber leider ist das Ausbildungs­system in Deutschland etwas kompliziert und sehr teuer. Aber jetzt mache ich erst einmal den Master und dann sehe ich weiter.

Was würdest du anderen ausländischen Studierenden mit auf den Weg geben, die auch an der Uni Mannheim studieren möchten?

Die Uni Mannheim ist eine sehr internationale Uni und internationale Studierende werden hier sehr gut unterstützt. Der Start kann zwar schwierig sein, aber man muss einfach am Ball bleiben und wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann erreicht man es auch. Es gibt nichts, was man hier an der Uni nicht schaffen kann!

Text: Sarah Kempe / Juli 2021